Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-27 · Heft 26 (27.6.1889) · p. Seite 404

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 26 (27.6.1889)
Date
1889-06-27
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227798--46304-3265860
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

404 Der Bischof zog bei den „alten Juden" Turins Erkundigungen ein, die selbstverständlich mit der Denunciation völlig gleichlautend beantwortet wurden (Juni 1873 l). Unverzüglich wandte sich der Nuntius an den Herzog, ihn um Entfernung dieser für den Glauben seiner Unterthanen so gefährlichen Menschen zu ersuchen. Emanuel Philibert stellte sich zunächst, als ob ihm die Angelegenheit gar nicht bekannt sei, und speiste dann den Prälaten mit freundlichen, aber sehr allgemein gehaltenen Zusicherungen ab. Inzwischen langte, im Beginne des Juli 1573, ein neuer Nuntius, Martorano, in Turin an. Er brachte sofort wieder die Angelegenheit der Maronen zur Sprache. Aber der Herzog antwortete ihm ziemlich gereizt: es scheine ihm seltsam, daß man gerade ihm solche Schwierigkeiten bereite, da doch andere Waranen in den spanischen Niederlanden, in Ferrara und an sonstigen Orten ausgenommen worden seien, und zwar sogar auf Grund von Breven und Privilegien seitens der Päpste selbst. Der Nuntius wußte auf diesen wohlberechtigten Einwand zuerst nur mit allgemeinen frommen Redensarten zu erwidern.2) Bald aber faßte er sich, und schon wenige Tage darauf stellte er dem Fürsten vor, die Maranen seien seinem Staate, in welchem es so viele Ketzer — die Waldenser — gebe, gefährlicher, als jedem andern; denn da sie selber Abtrünnige vom Christenthume seien, würden sie beständig darauf hinarbeiten, die schon vom Unglauben Ergriffenen noch schlechter zu machen und die gut Gebliebenen zu eorrumpiren. Als ob der jüdische Glaube irgend etwas mit dem der christlichen Waldenser gemein gehabt hättet Leider konnte Martorano sich auf die Turiner Israeliten berufen, die ihm gesagt hatten, sie liebten die Maranen nicht, wegen deren Bosheit (malvagitä). Unter dem Deckmantel des Handels, fügte der Nuntius hinzu, seien letztere Spione des Großtürken und hätten die Gewohnheit, die Obrigkeiten, Beamten und Höflinge der Fürsten und Großen zu bestechen. Freilich gab sich der Vertreter der päpstlichen Unduldsamkeit nicht die mindeste Mühe, so schwere Anschuldigungen zu erweisen. Auf die sehr natürliche Frage Emanuel Philiberts, weshalb denn die Päpste selber sie früher zugelassen hätten und anderswo duldeten, meinte der Nuntius: früher seien eben bessere Zeiten gewesen, und Savoyen-Piemont befinde sich, mitten zwischen Feinden und Ketzern, in besonders gefährdeter Lage. „Aber," erwiderte der Herzog, ich habe diesen Leuten schon mein Wort gegeben, und ich weiß nicht, wie ich es ihnen brechen darf." Die Antwort des Nuntius ist überaus bezeichnend: „Bei solchen ungläubigen Menschen, und wo es sich um ein solch hohes Jnter- 1) Depesche Mondevis vom 17. (28.) Juni 1573; Geh. Batik.! Archiv Nunz. Savoia Bd. III. | 2) Depesche Martoranos vom 15. Juli 1573; Geh. Batik. Arch. Nanz. Savoia Bd. IV. esse handelt, ist man nicht verpflichtet, sein Wort oder irgend eine Zusage zu halten" *). Man sieht, das ist dieselbe schändliche Moral oder vielmehr Unmoral, mit welcher die römischen Priester den Kaiser Sigismund zur Vernichtung des Ketzers Huß, trotz des ihm gewährten Freibriefes, veranlaßt haben, mit der sie, unter gleichen Umständen, von Kaiser Karl V. die Ueberlieferung Luthers auf dem Wormser Reichstage forderten! Jndeß dem alten geraden Kriegsmanne Emanuel Philibert war eine solche Anschauungsweise nicht geläufig, und da auch das Interesse seines Staates ihm die Erhaltung der Maranen räthlich erscheinen ließ, wies er den Nuntius ab^). Die päpstliche Curie zeigte sich jedoch hartnäckig, besonders da sie es mit einem Fürsten von geringer Macht zu thun hatte, an dem sie ihre Herrschaftsgelüste ohne Furcht kühlen konnte. Auf ihren Befehl begab sich Martorano von neuem ans Werk. Freilich getraute er sich nicht unmittelbar an den Herzog heran, wohl aber an seinen Minister de Leini. Derselbe gab die besten Verheißungen, nur müsse man nicht so schnell Vorgehen. Der Herzog habe den Maranen versprochen, die Aufhebung ihrer Privilegien ihnen stets ein Jahr vorher anzuzeigen3 4). Dann wurde de Leini während sechs Wochen krank, so daß die Angelegenheit von selbst ruhte^). Als sie endlich wieder ausgenommen wurde, hatten der Herzog und sein Minister einen neuen moäu8 vivendi gefunden. Sie wollten dem Papste nicht trotzen und doch die nützlichen Einwanderer nichtvertreiben. Sie erklärten also dem Nuntius, man wolle ein Edict erlassen, das allen Maranen den Aufenthalt in den savoyischen Ländern verbiete und die denselben gewährten Rechte widerrufe. Damit war der Forderung der Curie Genüge gethan. Allein sie fügten hinzu, daß die vor zwei Jahren Zugelassenen behaupteten, nicht zur Categorie der Maranen zu gehören, da sie nie getauft worden seien. Martorano begann einzusehen, daß man ihn hinter das Licht führte; aber auf alle seine Proteste erwiderte Emanuel Philibert, weiter könne er nichts thun, und wenn jene Ankömmlinge trotz des zu erlassenden Edietes in seinem Lande blieben, so thäten sie es eben auf ihre Gefahr hin 5). Der Nuntius ließ sich freilich auch seinerseits nicht abhalten, auf das Verderben der Bedrohten hinzuarbeiten. Er wandte sich nach Spanien, sowie an den spanischen Gesandten in Turin, um in Erfahrung zu bringen, ob jene Vier nicht wirklich abtrünnige Christen seien: in einem solchen Falle 1) „Et io le replicai, che con simili persone infedeli, et oue si hattaua ditanto interesse, non sera tenuto ad osservar parola ne promessa alcura.“ 2) Dep. Martoranos v. 23. Juli 1573; ebeudas. 3) Dep. Martoranos v. 27. Aug. 1573; ebendas. 4) Dep. v. 10. Sept. 1573. ») Dep. Martoranos v. 22. Oct. 1573.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.