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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-27 · Heft 26 (27.6.1889) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 26 (27.6.1889)
Date
1889-06-27
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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403 die Gestalt eines aufgeklärten und freisinnigen Fürsten ab: die des Herzogs Emanuel Philibert von Savoyen, Fürsten von Piemont und Grafen von Nizza. Als derselbe 1553 seinem Vater, einem treuen Anhänger Kaiser Karl V. folgte, fand er sich von den Franzosen aus allen seinen Staaten vertrieben. Er rächte sich an den Feinden, indem er denselben als spanischer Feldhauptmann die empfindlichsten Niederlagen beibrachte. Endlich setzte ihn, 1559, der spanisch-französische Friede von Cateau - Cambresis wieder in den Besitz seiner Länder. Seitdem wandte er alle Kraft seines Geistes und seiner Energie auf die Besserung des Wohlstandes der Savoyer und Piemontesen, auf die Heilung der durch die langdauernden Kämpfe geschlagenen Wunden, auf die Kräftigung und Stärkung seiner kleinen Monarchie. Emanuel Philibert wünschte vor Allem, seinem durch fast vierzigjährigen Krieg und dreißigjährige fremde Occupation verarmten Lande durch Hebung des Handels aufzuhelfen. Seine eigenen Unterthanen, durch Krieg und Raub verwildert, zeigten sich aber wenig geneigt und befähigt zu industrieller und commerzieller Thätigkeit; in den Ebenen Piemonts wie in den Bergen Savoyens saß ein Jeder auf seinem Besitzthume, und sein Gesichtskreis ging nicht über die nächste Umgebung hinaus?) Unter diesen Umständen war der Herzog sehr erfreut, als eine kleine Anzahl spanischer Maranen ihm, durch Vermittelung einiger christlicher Freunde, den Vorschlag machten, verschiedene neue Fabrikations¬ und Handelszweige in seinem Lande einzurichten, wenn er ihnen in demselben zu wohnen erlaube, und zwar unter den gleichen Bedingungen, wie man es ihren Brüdern in mehreren benachbarten Ländern gestattet habe. Der Herzog ging um so lieber auf dieses Anerbieten ein, als er hoffte, das Beispiel der Fremden werde bei seinen übrigen Unterthanen Nacheiferung erwecken und so auch mittelbar die günstigsten Folgen nach sich ziehen. Die Maranen beruhigten ihn vollends, als sie ihm Privilegien vorwiesen, die ihren Schicksalsgenossen früher von den Herzogen von Mailand und Mantua, von Florenz und Ferrara ertheilt worden waren; zumal der letztere Fürst ein Vasall des Papstes, dies mit ausdrücklicher Billigung von Seiten des Heiligen Stuhles gethan hatte. Ueberdies war die Zahl der Bittsteller gering, vier Familienhäupter mit weitern fünfzehn Angehörigen und Dienern. So trug Emanuel Philibert kein Bedenken, ihrem Wunsche nachzugeben?) Am 4. September 1571 ertheilte er 1) Depesche des päpstlichen Nuntius Mar Lorano vom 27. Juli 1573; Geheimarchiv des Vatikan, Nunziatura di Savoia, Bd. IV: Der savoyische Minister de Leini sagt dem Nuntius, „che conquanta diligenza Sua Altezza hauesse usata, non hauea mai potuto indur quesfci huomini del suo stato ä far trafico ne mercantia alcuna, et che attendono solo ä uiner di quello, che raccogliono da’ beni loro.“ 2) Angeführte Depesche Martoranos und die Denlschrifl des Herrn v. Leini, die ihr beigeschlossen ist. ihnen ein ausführliches Privilegium. Darin gestand er diesen spanischen Israeliten zu, daß sie niemals von einem Inquisitor oder einer andern Person geistlichen Standes belästigt werden sollten. Sie durften voller gewerblicher und commerzieller Freiheit genießen, Häuser und sonstigen Grundbesitz erwerben, auch nach Belieben letztwillige Verfügungen treffen. Es war ihnen gestattet, Synagogen zu erbauen, ihren Gottesdienst zu üben, ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten durch ihre Vertreter zu verwalten und ihre Streitigkeiten durch ihre eigenen „Doctoren" entscheiden zu lassen?) Diese Bestimmungen erweisen, daß der Herzog auf einen weitern Zuzug von Maranen rechnete. Im Beginne des Jahres 1572 trafen jene vier Familien in Piemont ein. Sie gaben den Behörden zu keinerlei Tadel Anlaß, sondern benahmen sich bescheiden und rechtlich?) Sie brachten ein beträchtliches Vermögen mit und wußten durch dasselbe, sowie durch ihre nützliche Thätigkeit bald Ansehen und Einfluß zu gewinnen. Zu gleicher Zeit ließen sich andere Maranen in Mailand nieder und trieben Gewerbe und Handel in einer Art, die dieser Stadt großen Nutzen brachte?) Allein die in Piemont etablirten Maranen sollten dort nicht lange ohne Anfechtung bleiben. Zn unserer Beschämung müssen wir gestehen, daß dieselbe von ihren Glaubensbrüdern herrührte. Der Brodneid war bei den von Alters her in Turin angesessenen Juden stärker, als Mitleid und Gerechtigkeit ihren flüchtigen Religionsgenossen gegenüber: sie denuncirten die Spanier als vom Christenthum Abgefallene bei der kirchlichen Obrigkeit, die sofort darüber nach Rom berichtete?) Seit dem 13. Mai 1872 saß auf dem Stuhle Petri Papst Gregor XIII., ein schlimmer Eiferer, derselbe, der wegen der schändlichen Niedermetzelung der Protestanten in der Bartholomäusnacht öffentliche Danksagungen veranstaltete und auf jene Vorgänge eine Triumphmedaille schlagen ließ. Er stellte sich bald darauf als ein solcher Feind und Verfolger der Juden heraus, daß er in dieser Beziehung noch seinen Vorgänger Pius V. an Härte und Grausamkeit übertraf. So zögerte er keinen Augenblick und beauftragte den Nuntius in Turin, Bischof von Mondevi, bei dem Herzoge die Ausweisung der Maranen mit allem Elfer zu beantragen. 1) Eine Copie dieser Privilegien findet sich in dem angeführten Bande im Vatikan. Archiv. 2) „Questi pochi Marani erano persone modeste“, sagt Herr v. Leini; und in seiner Denkschrift wiederholt er das in noch stärkern Ausdrücken. 3) Ein Mailänder sagt dem Nuntius Martorano im Juli 1573: „ehe erano in Milano alcuni di questi Hebrei, introdotli gia molti niesi, i quali traficauano et negotiauano, et che sarebbono stati di molto utile alluogo.“ Depesche vom 27. Juli 1573. 4) Darüber lassen leider weder die eitirte Depesche Martoranos noch die Denkschrift de Leinis den mindesten Zweifel.

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