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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-27 · Heft 26 (27.6.1889) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 26 (27.6.1889)
Date
1889-06-27
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
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402 stellt, ein Gewand aus lauter gestohlenen Flicken, sofern politische oder sociale Fragen in Betracht kommen. Hier wird den Zünftlern mit dem Befähigungsnachweis ein Köder hingeworfen, dort den Bodenreformen mit der Verstaatlichung der Grundbuchschulden, hier werden die Agrarier kirre zu machen gesucht durch Ankündigung des Kampfes gegen die Börse und durch Verstaatlichung der Reichsbank, dort wird mit den Socialdemokraten kokettirt, indem Maximalarbeitstag, Verbot der Sonntagsarbeit, staatliche Fürsorge der unverschuldeten Arbeitslosigkeit verlangt werden. Der reactionäre Pferdefuß schaut überall hervor; an dem allgemeinen, gleichen und directen Wahlrecht mit geheimer Abstimmung will man festhalten, so lange bte sociale Neuordnung unseres Volkes in Berufsgruppen nicht durchgeführt ist; ein Satz, der das preußische Classenwahlsystem für durchaus ungeeignet erklärte, die wirkliche Volksstimmung zum Ausdruck zu bringen, wurde gestrichen, offenbar den Conservativen zu Liebe, die sich bei jenem Wahlsystem sehr wohl befinden und natürlich den Anspruch erheben, die wirkliche Volksstimmung zu repräsentiren. „Freiheit des Wortes, der Schrift und der Versammlung." heißt es kühn, der hinkende Bote kommt aber nach in dem Satz: „Doch schließt das Festhalten an diesen Freiheiten nicht die Bereitwilligkeit aus, auf dem Wege der Gesetzgebung volksvergistende und staatsgefährliche Bestrebungen in der Presse und im öffentlichen Leben beseitigen zu helfen." Also auch Ausnahmegesetzgebung je nach Belieben und Herzenslust, wobei die Apostel aber nicht an das Glashaus gedacht zu haben, scheinen, in dem sie sitzen. Denn kann nicht morgen eine Mehrheit eben so gut den Antisemitismus für volksvergiftend und staatsgefährlich erklären, wie heute den Socialismus? Original ist das Programm nur in Beziehung auf die Judenfrage; hier ist es auch klar bis zur Dummheit und von allen Winkelzügen frei." Dies ist eben der Vorzug dieses Programms. Je klarer, dürrer und entschiedener, desto eher wird Jedermann wissen, wie er sich zu demselben zu verhalten habe, desto eher wird es als ein Erzeugniß brutaler Reaction der Vergessenheit anheimgegeben werden. Denn schon in dieser Fassung trug es den Zwiespalt in die Reihen der edlen Genossen hinein und der Verbrüderungstag endete mit Streit, Protest und Verlassen des Saales von der einen Partei, die es sich nicht nehmen lassen wird, über die andere herzufallen. Das alte Sprichwort aber sagt: wo sich zweie zanken, kommt der dritte zu seinem Recht. So bedauerlich deshalb diese ganze Demonstration an sich ist, so bietet sie doch keine Veranlassung zu einer besonderen Besorgniß. Brüssel, im Juni. Papst und Maranen. Ein Vorgang aus dem 16. Jahrhundert. Als der Fanatismus Ferdinands und Jsabellens der Katholischen die Israeliten aus Spanien vertrieben hatte, wandte sich eine große Zahl der Flüchtigen nach der Apenninischen Halbinsel. Hierhin zog sie das dem iberischen ähnliche, südliche Klima; hierhin die Verwandtschaft der Sprache; hierhin eine hohe, von Vorurtheilen freie Kultur. Sie sahen sich auch im Ganzen dort günstig ausgenommen. Die in antiker Bildung ausgewachsenen Päpste und Kardinäle in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts erwählten Israeliten zu ihren Leibärzten. Ein spanischer Bieekönig von Neapel verwandte einen Sohn des großen Isaak Abrabanel als seinen vorzüglichsten Rath in finanziellen Angelegenheiten. In den großen Handelsstädten wurde ihnen bereitwillig eine Stätte gewährt. Ja selbst diejenigen Israeliten, die sich in Spanien und Portugal zum Scheine zum Christenthume bekehrt hatten, die Maranen, durften sich in Italien ohne Schwierigkeit wieder zu der angestammten Religion bekennen. In Venedig, Ancona, Padua, Neapel bildeten sich blühende Gemeinden von Maranen. Durch ihre Gelehrsamkeit, ihren Geist und ihre gesellschaftliche Bildung stellten sie die einheimischen „Hebräer" in den Schatten und zogen dadurch freilich deren Neid auf sich. Allein das konnte ihnen wenig schaden, so lange Päpste, Fürsten und republikanische Obrigkeiten ihnen günstig waren. Da trat um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts ein völliger Umschwung in der Gesinnung der italienischen Machthaber ein. Der päpstliche Hof, die gesummte Geistlichkeit Italiens und bald auch dessen weltliche Gewalten rafften sich zum erbitterten Kampfe gegen die immer drohender vordriu- ' gende Reformation Luthers und Calvins. Weltliche Bildung ward in die Acht gethau, strenge und unduldsame katholische Kirchlichkeit allein zugelassen. Diese Intoleranz richtete sich naturgemäß nicht allein gegen die Protestanten, sondern auch wider die Juden; und zumal die Rückkehr der Scheinchristen zum Judenthume erschien als todtwürdiges Verbrechen. Derselbe Papst Paul IV. (1555 bis 1559), welcher die päpstliche Inquisition wieder ins Leben gerufen hatte, wurde der unerbittliche Verfolger der Juden und besonders der Maranen. Pius V. (1566 bis 1572), vom Großinquisitorthum auf den heiligen Stuhl erhoben, behandelte vollends die Juden als Gottesfeinde und Verfluchte. Zu dieser Zeit beginnt das italienische Judenthum an Bedeutung und Ausdehnung einzubüßen. In einer so traurigen Epoche zeichnet sich um so Heller

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