Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1889)
- Date
- 1889-06-27
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
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401 Deutschland ins Auge. Die Ausführung der letzteren Maßregel würde in letzter Linie folgende Wirkung für die Juden haben: Die in Deutschland lebenden Juden dürfen nicht Richter, Lehrer, staatliche oder communale Verwaltungs- oder technische Beamte, Advocaten oder Aerzte mit Beamten-Eigenschaft sein. Jüdische Advocaten sind nur zulässig beim Rechtsstreit zwischen Juden, jüdische Lehrer und Aerzte nur für jüdische Schulen und jüdische Familien. Juden haben weder actives noch passives Wahlrecht bei staatlichen oder commu- »alen Wahlen. Juden, als gerichtliche Zeugen, dürfen nur auf den streng rituellen, jüdischen Eid vor einem Rabbiner vereidigt werden. Juden können nicht als Geschworene oder Schöffen sitzen oder sonstige Ehrenämter bekleiden. Die Juden sind vom Dienst im deutschen Heere ausgeschlossen, dafür entrichten sie eine von der betreffenden jüdischen Gemeinde beizutreibende Kopfsteuer. Die Juden werden vom Staate in Ausübung ihrer Religion und religiösen Gebräuche geschützt, soweit dieselben nicht öffentliches Aergerniß erregen oder gegen die Gesetze des Landes verstoßen, wie z. B. die Thierquälerei des Schächtens. Die Ausübung aller gewerblichen Berufsarten, desHandwerks, der Fabrikarbeit, sclbstthätige Ausübung der Landwirthschaft, aller Arten des Handels, abgesehen vom Hausirgewerbe, bleibt den Juden gestattet. Wenn auch nun diese durchgreifenden Maßnahmen stets im Auge zu behalten sind, so müssen auch folgende vorläufig unerläßlichen Maßregeln dankbar angenonimen werden, als: Ausweisung der nicht naturalisirten Juden, Verbot der Judeneinwanderung von Osten, Beschränkung der Juden in der Zulassung zu obrigkeitlichen Stellen u. s. w. In der zweiten Sitzung des Antisemitentages kam die Einigung auf einen neuen Namen und ein Programm der Partei nicht zu Stande. Dr. Böckel bezeichnte den Beschluß der Mehrheit als verhängnißvoll und verließ mit seinem Anhang unter Protest den Saal. Ueber diese Differenzen der Majorität mit Dr. Böckel und seinen Anhängern bringt die „Rhein.-Westf. Zeitung" folgendes Nähere: Der von Dr. P. Förster gemachte Vorschlag, die Partei „Antisemitische, deutsch-sociale" zu nennen, fand viele Anhänger, aber auch zahlreiche Gegner. Namentlich trat Herr Dr. Böckel energisch gegen eine Namensänderung auf, welchem sich einige Berliner und Sachsen anschlossen. Eine Abstimmung ergab die Annahme des Antrags Förster mit 110 gegen 72 Stimmen- Dr. Böckel erhob sich nach Verkündigung des Resultats und protestirte gegen diese» Beschluß, obwohl er sich an der Abstimmung betheiligt hatte. Zugleich forderte er die 72 Gegner der Aenderung auf, den Saal mit ihm zu verlassen. Dieser Aufforderung folgte jedoch nur der kleinste Theil derselben (15), während die Zurückbleibenden ihre Mißbilligung über das Auftreten Dr. Böckels zu erkennen gaben. Dr. König theilt sodann mit, daß der Wittener „Deutsche Verein" dem Antisemitentag folgende Resolution unterbreite': „Der Deutsche Antisemitentag zu Bochum bedauert den vorläufigen Rücktritt des Herrn Hofpredigers Stöcker von der Berliner Bewegung, unter Anerkennung der durch ihn errungenen großen Erfolge und spricht die Hoffnung aus, daß er bald wieder in der Lage sein wird, seine ganze Kraft dem Kampfe gegen das internationale Judenthum und die sonstigen staatszersetzenden Elemente zu widmen. Wir halten es jetzt um so mehr für unsere Pflicht, alle staatserhaltenden Elemente der Reichshauptstadt in diesem Kampfe, besonders bei den politischen Wahlen, mit Hintansetzung aller kleinlichen Parteiunterschiede, fest zusammenzuhalten." Nach einstimmiger Annahme dieser Resolution seitens der Zurückgebliebenen wird der erste Deutsche Antisemitentag geschlossen.- Das Product dieser Versammlung läßt sich leicht beurtheilen; das Programm ist eine Ausgeburt des Hasses, der seine Triebfedern in der Furcht, im Neide und in der Mißgunst hat. Man mißgönnt dem Juden das Stück Brod, das er ißt, die Stelle, die er einnimmt; man neidet ihm Bildung und Erwerb; man fürchtet seine Concurrenz, sei es in allen staatsbürgerlichen Rechten und öffentlichen Aemtern, sei es in den Berufen, welche Studien verlangen. Man hat es besonders darauf abgesehen, die Beamten und die Studirenden zu gewinnen, denn die Juden sollen keine Richter, Rechtsanwälte und Lehrer werden. Hierdurch hat man auch schon einen beträchtlichen Theil der deutschen Studenten auf seine Seite gezogen. Wie es sich für eine Nation von 55 Millionen (einschließlich der Deutschen in Oesterreich) schicke, sich vor einem ihr zugehörigen Volkselement von einer halben Million zu fürchten und dasselbe aus Furcht aus sich aussondern zu wollen, dafür haben diese Leute von Anfang an kein Gefühl gehabt, vielmehr fürchten sie nicht, das deutsche Volk auf das Niveau des russischen zu stellen, für welches den Juden gegenüber eben solche Furcht gehegt wird. Ein weiteres Urtheil wollen wir mit den Worten der „Franks. Ztg." vom 13. d. geben. „Es galt, der neuen Lehre ein einheitliches Bekenntniß zu geben, die Reinen mit den Unreinen, die Geschäftsantisemiten mit den Radaubrüdern, die Stöcker'schen mit den Böckel'schen unter einen Hut zu bringen. Aber der Pfingstgeist war nicht bei ihnen, sie redeten zu einander in fremden Zungen, und waren sie zwiespältig gekommen, so gingen sie zwieträchtig auseinander. Das Werk der Einigung ist mißglückt; wie hätte es auch anders sein können bei einer Bewegung, iu der die dämagogischen Bestrebungen Oberwasser haben, mag Herr Stöcker oder Herr Böckel an der Spitze der Heilsarmee stehen. Ein langathmiges Programm war zur Berathung ge-