Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1889)
- Date
- 1889-06-27
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
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399 einflößte und eine sehr veränderte Gestalt gab, brauchen wir nicht weiter auszuführen, ebensowenig, daß der Rabbinismus, indem er die talmudische Formation bei den durch alle Länder zerstreuten Juden einführte und jene den Zeit- und Ortsverhältnissen anpassen mußte, ganz und gar auf dem Boden des Talmuds stand und aus diesem seine Nahrung zog. Allerdings erging es da dem Talmud ganz so, wie die talmudischen Lehrer die Thora und die Propheten behandelt hatten. Während sie den Gesammtgeist der beiden großen Monumente außer Acht ließen, zogen sie die Details heraus und formten sie nach ihrem Bedünken und ihren Schlußfolgerungen. Nicht minder war für den Rabbinismus der Gesammtgeist des Talmuds kein Gegenstand der Forschung, sondern sie beschäftigten sich nur mit den einzelnen Aussprüchen und Bestimmungen desselben, mit ihrer Auswahl und Fixirung, sowie mit der Ausgleichung vorhandener oder vermeintlicher Widersprüche. Die talmudische Gelehrsamkeit war aus Asien nach Nordafrika und Spanien verpflanzt worden und drang von da durch das ganze Abendland, namentlich auch in den europäischen Osten. Schon in Asien, noch mehr aber in den von der jüdischen Theologie eroberten Ländern wurde dos Judenthum von der religionsphilosophischen Strömung ergriffen. Doch nur selten kam es vor, daß sich diese jüdischen Denker von der herrschenden Philosophie irgend welche Schritte abseits der traditionellen Lehren abdrängen ließen; sie hingen treu an der jüdischen Ueberlieferung und suchten diese mit den philosophischen Ansichten zu vereinigen. Doch auch diese Tendenz verschaffte der Religionsphilosophie kein sehr langes Dasein. Kühner verfuhr ein anderer wilder Schößling aus dem festen Stamme des Judenthumes, die phantastische, meist absurde und dem Aberglauben offene Kabbala. Eine allgemeine Herrschaft errang sie auch nur auf einen gemessenen Zeitraum, bis sie von den Rabbinen am Ende des 17. Jahrhunderts aus ihrer Mitte wieder verdrängt ward. Unglücklicher Weise brach sie sich in Osteuropa in dem wüsten Chassidismus, in der verwildertsten Gestalt einen neuen Weg. Auch hier dieselbe Erscheinung, daß aus dem Sohar und anderen kabbalistischen Schriften einzelne Aussprüche hervorgeholt und für den chassidischen Aberglauben und Unsinn gemißbraucht werden, während die eigentliche Kabbala erloschen ist. — So kam die Neuzeit heran, die mit der großen Umwandlung der Lebens¬ und Kulturverhältnisse der Juden eine neue Phase des Judenthums forderte und brachte. Es war eben eine Umgestaltung der Dinge für die Juden, wie einst die Verbannung derselben aus dem Lande ihrer Väter und ihre Zerstreuung durch alle Völker, eine völlige Veränderung ihrer Lebensbedingungen, der äußeren und der inneren. Dennoch hält diese neue Phase den geschichtlichen Boden des Judenthums fest und baut sich auf Bibel und Tradition auf. Diese Continuität auch im gegenwärtigen Judenthum, dessen Zusammenhang mit der Vergangenheit und den Fortbestand gewisser Traditionen im Sinne und im Brauche nachzuweisen, dazu sollen diese Artikel beitragen. — Zwei antisemitische Kundgebungen. Wir müssen noch einmal auf das, in der Vornummer besprochene, von der „Germania" producirte Circular, das der Alliance untergeschoben ist, zurückkommen. Man wird sich nämlich fragen, woher kommt es, daß die ultramontane Presse den Juden das Streben nach einer Weltherrschaft zuschreibt, und zwar von ihnen in systematischer und consequenter Weise verfolgen läßt? Denn es ist nachweisbar, daß diese ungeheuerliche Fabel von Ultramontanen ausgegangen und von protestantischen Antisemiten nur angenommen und verbreitet worden. Doch scheint uns die Antwort nicht schwer. Der Ultramontanismus war von seinen Anfängen an ein erbitterter Feind der Juden. Sie sahen im Judenthum nach dem bekannten Worte: „Wer nicht für mich ist, ist wider mich" einen Gegner, und wenn jenes sich auch noch so passiv verhielt, seine Existenz war ihm ein Greuel, weil ein concreter Widerspruch gegen seine Dogmen und seine unbedingte Herrschaft. Die Concilien decretirten deshalb die völlige Ausschließung der Juden aus dem bürgerlichen Leben. Aber diese eristirten dennoch weiter. Man suchte sie deshalb auszurotten, was bei deren Zerstreuung durch die Länder sich ebenfalls als unausführbar erwies. Zu diesem Zwecke, um das Volk gegen sie zu blutigen Thaten anzufachen, wurden Fabeln ersonnen, die dem jeweiligen Zeitgeiste und den jeweiligen Verhältnissen angepaßt waren. In der Zeit der Pest wurde die Fabel der Brunnekkvergiftung aufgebracht; ein andermal die der Hostienschändung, und dann die dämonische Fabel des rituellen Mordes. Alle diese Dinge verfangen jetzt nicht mehr und trotz alledem ist die Gleichstellung der Juden vor sich gegangen. Man muß daher auf etwas Neues denken, etwas Großartiges, etwas, was nicht nur eine örtliche Wirkung verübt, sondern was die Gesammtheit verdächtigt. Hierzu lag nun den extremen Nltramontanen nichts näher, als die Idee der Sucht nach der Weltherrschaft, es ist ja dies die eigene Leidenschaft, die eigene Tendenz und das Ziel ihrer Wünsche. Sie machen aus diesem ihren Verlangen kein Hehl, sie fordern die Weltherrschaft, indem sie dem Staate nur die Rolle des willigen Dieners zugestehen. Für sich allerdings glauben sie den rechtmäßigen Anspruch aus ihrem kirchlichen Dogma zu ziehen. Was aber wird die Christenheit dazu sagen, wenn der verachtete Stamm der Juden die Herrschaft über sie anstrebte und zum Theil schon erlangt haben sollte! Dies ist also die moderne Fabel, die 26*