Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1889)
- Date
- 1889-06-27
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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398 ordnet wurden (rnn^o). Aber auch dies genügte noch nicht; schon auf die Woche vor dem Drometenfeste wurde derselbe Zweck ausgedehnt, Bußgebete an jedem Morgen bestimmt und durch den Monat Ellul am Schlüsse des Gottesdienstes das Schofar geblasen. Dem Geiste der Tradition entsprach es, auch eine symbolisirende Ceremonie einzusetzen. In wörtlicher Auslegung von Michah 7, 19: „Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unterdrücken: In die Tiefen des Meeres wirst du all' ihre Sünden versenken" wurde es Brauch, am Nachmittag des Rosch-haschanah-Festes an den Fluß zu gehen und daselbst Gebete zu verrichten, deren Kernpunkt der angeführte Vers des Propheten bildet (-p^n). Aber auch an eine Ausdehnung nach dem Versöhnungstage, gewissermaßen als Verlängerung der Frist für die Versöhnung Gottes, d. h. für die Buße des Sünders und die Vergebung der Schuld zu erlangen, dachte mau und benutzte hierzu den siebenten Tag des Laubhütteufestes, Hoschana raba, indem man auch hier mit dem Gebet um Vergebung der Schuldhaftigkeit (-pm vr) eine symbolische Ceremonie, das Abschlagen von Bachweiden verband. — Man sieht aus dieser kurzen Skizzirung, welche Bedeutung und Ausdehnung die Tradition dem Gedanken der Reue und der Läuterung zu geben verstand, um ihn dem Geiste und Herzen des Volkes recht tief einzusenken und es so zu dem Ziele sittlicher Vervollkommnung zu führen, es stets unmittelbar Gott zu nähern und in der Gottesfurcht zu erhalten, in ihm immer wieder das Bewußtsein der Schuldhaftigkeit zu wecken und das Mittel, die Versöhnung Gottes zu erlangen, nahe zu legen. Wir wissen Alle, in welchem hohen Grade ihr dies gelungen ist. Aber wir müssen auch noch eine besondere Tradition hervorheben, welche sich bis zur Gegenwart erhallen hatte. Die Talmudisten hatten den Ausspruch gethan (Jom. 85, 2) in der Ausdeutung von 3. Mos. 16, 30: „Die Sünden, die der Mensch gegen Gott gethan (durch Uebertretnng seiner Gebote), versöhnt der Versöhnungstag; die Sünden aber, die der Mensch gegen seinen Nächsten begangen hat, versöhnt der Versöhnungstag nicht eher, als bis er seinen Nächsten beschwichtigt hat," d. h. wegen eines Schadens, den er ihm zugesügt, möglichst entschädigt, für eine Beleidigung um Vergebung gebeten hat. Dieser Ausspruch wurde dem Volke nachdrücklich eingeprägt, und so bildete sich der Brauch, während der Tage vor dem Versöhnungstage die Versöhnung dessen, mit dem man in Zwietracht lebte, durch, wonöthig, wiederholte Schritte zu erwirken. Man trug die feste Meinung in sich, nur auf diese Weise die Heilswirkung des Versöhnungstages zu erzielen. Nur wenn der Andere hartnäckig die Versöhnung verweigerte, traf diesen die Verantwortlichkeit. Dies hatte sich im Volke so eingelebt, daß z. B. wir Knaben, wenn wir uns im Laufe des Jahres mit einem Kameraden erzürnt, und, wie wir es bezeichueten, „mit ihm böse geworden", vor dem Feste uns untereinander um Verzeihung baten, worauf wir gewöhnlich nur um so bessere Freunde wurden. Wie heilsam diese Vorstellung und mit ihr die Ausübung des Brauches wirkte, ist einsichtlich. Das Pflichtgefühl gegen unseren Nächsten wurde gestärkt, der Stolz und Hochmuth gebeugt, das friedliche Zusammenleben genährt und das richtige Verständniß der Sündenvergebung gepflegt. So können wir sagen, daß gerade dieses Kapitel dogmatisch und praktisch durch die Tradition gewissenhaft ausgearbeitet und in segensreichen Bräuchen ausgestaltet wurde. Sind bei vielen unserer Glaubensgenossen namentlich jene symbolischen Ceremonien zur Nichtbeachtung gekommen, so muß doch mit voller Kraft dahin gestrebt werden, den Geist dieser Institution lebendig zu erhalten, besonders auch wäre es gewiß wünschenswerth, neben der Heilighaltung der beiden hohen Feste auch das letztbesprochene Moment, die Versöhnung des beschädigten oder beleidigten Nächsten in Bewußtsein und Uebung nicht untergehen zu lassen.- Man frägt uns, warum wir diese „Traditionen des Judenthums" in einer Reihe von Artikeln besprechen? Unsere Antwort lautet: Wir bezwecken damit im Besonderen die Continuität im Judenthume zum Bewußtsein zu bringen, d. h. den innern Zusammenhang, welchen die Entwicklungsphasen des Judenthums mit einander besitzen, und so eine der letzteren auf die vorhergehenden fortlaufend gestützt zu zeigen. Diese Continuität ist in den positiven Religionen von größter Bedeutung, denn sie erst giebt der Religion für ihre Bekenner den festen Halt und gegenüber den wechselnden Ansichten der Philosophie und allgemeinen Bildung die Sicherheit der religiösen Ueberzeugung. In keiner der positiven Religionen hat sich wie im Judenthum diese Continuität immerfort bewährt, da selbst die bedeutendsten Entwickelungen sich stets allmählich, manchmal sogar in sehr langen Zeiträumen aus den vorangegangenen entfalteten, z. B. die talmudische. Werfen wir einen Blick auf die Jahrtausende des Judenthums. Es beginnt mit Abraham, und wiederholt knüpft Moses an die bei den israelitischen Geschlechtern in Aegypten tradirte Erkenntniß Abrahams, Isaaks und Jakobs an und stellt seine Lehre als eine weitere Entwickelung dar. Der Auszug aus Aegypten wird als ein wichtiges religiöses Moment von den Propheten und Psalmisten immer wieder betont. Wenn wir den Prophetismus als eine zweite Phase nach dem Mosaismus zu betrachten haben, so lehnt er sich doch nicht blos theoretisch an die mosaische Lehre, wie denn z. B. der mosaische Ausspruch über die Barmherzigkeit Gottes bei mehreren Propheten wörtlich wiederholt wird, sondern auch an das Gesetz, wie wir mehrfach nachgewiesen haben. Daß der Talmudismus, sowohl in der Halacha wie auch im Midrasch sich vollständig auf Thora und Propheten aufj baut, während er doch dem Judenthume einen anderen Geist