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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-20 · Heft 25 (20.6.1889) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 25 (20.6.1889)
Date
1889-06-20
Page
Seite 393 (sequence 13)
Language
German
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393 den und von meiner Sarah los. War ich ihrer Treue doch sicher und sie stimmte mit meinem Vorhaben überein. Ich kam nach M. und fand dort alle meine Erwartungen erfüllt, wenn nicht übertroffen. Da hier mehrere viel gerühmte Lehrer ihren Unterricht ertheilten, hatte ich Gelegenheit, die Einseitigkeit abzuschleifen, welcher der Schüler eines einzigen Lehrers nicht entgehen kann. Privatunterricht und andere kleine Beschäftigungen, die in mein Fach einschlugen, hielten meine Casse obenauf. Dennoch beschloß ich nach emem sehr fleißig verbrachten Jahre, noch nach einer anderen Jeschiba zu gehen, um meinen Gesichtskreis immer mehr zu erweitern. So ging ich nach U. und wieder nach einem Jahre nach P., der damals besuchtesten Jeschiba. Ueberäll erwarb ich mir das Wohlwollen meiner Lehrer und empfehlende Rabbinerdiplome. Da war es auch nicht zu verwundern, daß ich in S., einer kleineren Mittelgemeinde' eine Anstellung als Rabbiner erlangte. Alsbald führte ich meine Sarah heim und sie, deine theure Großmutter, beglückte mich durch ihre treue Liebe und Fürsorge als Gattin und Mutter. Nur einen Schmerz, den tiefsten meines Lebens, verursachte sie mir durch ihr Hinscheiden nach vierzigjähriger, niemals getrübter Ehe, als sie mich einsani zurückließ in einem Alter, wo man der treuen Gefährtin am meisten bedarf. — Ich habe dir nun nichts mehr zu berichten, da ich dir nur meinen Lebensgang zeichnen wollte. Bon S. wurde ich hierher berufen und kann sagen, daß ich es niemals in meinem Amte an Eifer und dem Streben, gerecht zu sein, nach allen Seiten hin, habe fehlen lassen. Natürlich blieb auch ich nicht von schwerem Geschick in der Familie frei; aber ich muß doch eittgestehcn, daß mein Leben ein glückliches gewesen. Allerdings bewegte mich seit längerer Zeit ein Schmerz, der nicht wieder gehoben werden kann. Es konnte mir die große Veränderung nicht entgehen, die in unserer Glaubensgenossenschaft sich abspielt. Die Jeschiboth, die in meiner Jugend noch so blühten, sind außer im Osten verschwunden; das Talmudstudium ist aus der jüdischen Masse gewichen und selbst bei den Männern von Fach vielfach durch das Studium des weltlichen Wissens beschränkt. Von dem Wandel im Leben und in der Beobachtung der Satzungen will ich schweigen. Die Zukunft erscheint mir dunkel. Aber ich habe während meines langen Lebens gelernt und durch die Thatsachen erlebt, daß der Erdgeborene sein volles Vertraue» auf die Wege der göttlichen Vorsehung setzen müsse, da er selbst nur einen so kleinen Kreis der Wirklichkeit übersieht und selten auch nur ahnt, was sich in derselben gebiert und entwickelt. Diese Vorsehung hat uns oft genug durch sichtbare Kundgebungen Israel geleitet vom Ufer des Mizrischen Stromes bis hierher, und Alles, was diesem Israel geschehen, muß als Absicht und Werk der göttlichen Fügung angesehen werden. So war es, so ist es und so wird es in Zukunft sein, und es erscheint mir daher als eine Sünde, daran zu zweifeln, daß auch jetzt auf unseren Wegen und in unseren Schicksalen die Hand der allweisen Gottheit waltet. Dies ist es, was mir mein Großvater, dessen Andenken mir noch heute geheiligt ist, aus seiner Jugendzeit erzählte. Es ist einfach und vor den weltgeschichtlichen Ereignissen unbedeutend. Aber denen, welche dem stillen Weben der Zeiten nachgehen, wird es doch einige Winke geben, wie sich die jüngsten Zeiten innerhalb des Judenthums entfalteten, und wie ein Uebergang aus der Vergangenbeit zur Gegenwart innerhalb der abgeschlossenen Kreise der Juden sich bildete. Ci« Cullurbild aus dem zehnten Jahrhundert. Es war um die Mitte des zehnten Jahrhunderts der gew. Zeitr., als das Mittelländische Meer ein Schiff befuhr, welches vier jüdische Gelehrte trug, die aus dem berühmten Lehrhause von Sara ausgesendet worden. Denn nach dem Ende des Exilarchats kam das Lehrhaus, namentlich neben dem zu Pumpedita, in Verfall, und die Sendlinge sollten bei den Gemeinden außerhalb Asiens Geldmittel sammeln, um ver Schule lvieder aufzuhelfen. Die Vorsehung aber hatte cs anders bestimmt. Das Schiff wurde von einem maurischen Admiral gekapert, die vier Gelehrten wurden zu Gefangenen gemacht, die gegen schweres Lösegcld frei gekauft werden mußten. So geschah es, daß sie nach den verschiedensten Ländern verschlagen wurden: der eine gelangte nach Kairo, der zweite nach Feh, der dritte (wahrscheinlich) nach Narbonue, der vierte nach Spanien. Sie kamen niemals wieder nach Babylonien zurück und dies war für das Judenthuin ein Glück. Man kann diesen Vorgang als einen Providentiellen Act ansehen. Jahrhunderte hindurch hatte die jüdische Gottesgelahrtheit in Babylonien geleuchtet, während sie in den übrigen Ländern nur sehr schwach verbreitet war und immer mehr in Vergessenheit zu gerathen drohte. Wußte man sich in diesen Ländern gar keinen Ausweg in schwankenden und verworrenen Verhältnissen, so wandte man sich nach Sura, um eine Entscheidung zu erhalten. Dies war aber ein weiter und schwieriger Weg, der zu unruhigen Zeiten ungangbar war. Bei längerer Dauer dieser Zustände drohte das jüdische Wissen völlig zu erlöschen und die Anhänglichkeit an Religion und Gesetz aus Unkenntniß zu schwinden. Jene vier Männer aber waren cs, welche in den Ländern, wohin sie versetzt worden, Lehrhäuser gründeten, von wo aus sich die jüdische Gottesgelahrthrit ausbreitete und kräftige Nahrung fand, während deren Leuchte im Osten allmählich erlosch. Doch folgen wir hier dem vierten jener Gefangenen. Es war R. Mose ben Chan och, bei

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