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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-20 · Heft 25 (20.6.1889) · p. Seite 392

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 25 (20.6.1889)
Date
1889-06-20
Page
Seite 392 (sequence 12)
Language
German
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392 kränkend sind? Zu solchen Zwecken erscheint diesen edlen Blättern eine Judenhetze immer wieder brauchbar. Hierbei kommt stets zum Bewußtsein, welch ein Krebsschaden an der gegenwärtigen Tagespresse aller Parteien nagt, nämlich der gänzliche Mangel an Gewissenhaftigkeit und Wahrheitsliebe. Es kommt vielen Redactionen gar nicht darauf an, wider eigenes besseres Wissen lügenhaft erfundene Mittheilungen und Schilderungen zu machen und zu verbreiten, wenn sie nur irgend einem Parteizwecke zu dienen scheinen. Daß dieser Uebelstand dem Publikum längst kein Geheimniß mehr ist und das Ansehen der Zeitungspresse immer mehr herabsetzt, scheint die Herren Redacteure nicht zu kümmern. Nur immer sensationeller, nur immer heftiger und bissiger — Etwas davon bleibt doch in den Herzen und Gesinnungen der Leser zurück! Wer den Artikel der Germania über das gänzlich erfundene Circular der Alliance gelesen und sich noch der geringsten Unbefangenheit erfreut, wird die obige Bemerkung bestätigen. Jndeß gilt hier die schon oft gemachte Beobachtung, daß, je übertriebener und abenteuerlicher solche Hetzartikel ausfalle», desto schwächer ist die Wirkung, und der gesunde Menschenverstand scheidet solche plumpe Enfindung alsbald aus. Der Vorwurf aber, der daraus.-auf jene, Redactioncn fällt, wird zu einer dauernden Charakterisirung ihrer Blätter. Is e u i 1 i c t o n. Ein kleiner Lebenslauf aus früherer Zeit. Bon L. S. (Schluß.) Frühzeitig war der Frühling ins Land gekommen, und das ist ja die Zeit, wo im Menschenherzen die Hoffnung aufguillt und sich unter dem blauen Himmel und durch das hervorsprießende Grün der Erde die Zukunft der Menschenseele lichter darstellt. Von Mitteln so gut wie entblößt, aber im Bewußtsein, daß ich doch einen guten Schatz an Kenntnissen und Kraft in mir trage, wanderte ich deshalb munter und guter Dinge durch die Fluren. Es war einige Tage vor Beginn des Peßachfestes, als ich in dem Städtchen R. anlangte, das mir durch die Schönheit seiner Lage sowie durch die Sauberkeit und Wohlhabenheit, die sich in den Straßen und an den Häusern kundgab, großes Wohlgefallen abgewann. Ich ahnte nicht, daß ich daselbst Jahre lang Aufenthalt finden würde. Bald erfuhr ich, daß die dort sässige Gemeinde, die nicht zahlreich, aber wohlhabend war, für das Fest in großer Noth sei, da ihr Borbeter und Lehrer plötzlich erkrankt war und zwar so schwer, daß an ein Aufkommen lange nicht zu denken wäre. Die Gelegenheit schien mir günstig, das Fest hier zu feiern, ich meldete mich bei dem Vorsteher und nach einigen Proben nahm man mich mit Freuden an. Nun, ich leistete den Vorbeterdienst zu großer Zufriedenheit der Gemeinde, versuchte auch meine Kräfte in einigen Vorträgen, die, da das Publicum nicht viel gewohnt war, großen Anklang fanden, und da die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme seiner Amtsthätigkeit seitens des Lehrers immer mehr schwand, wollten mich die guten Leute nicht fortlassen und stellten mich trotz meiner Jugend an, unter Bedingungen, mit denen ich zufrieden sein konnte. Gerade diese meine Jugend bewog mich zur Annahme. Ich dachte, daß ich zu iveiteren Studien noch Zeit genug hätte und dieselben doch auch für mich eifrig fortsetzen könnte. Bald war ich in der Gemeinde heimisch und recht beliebt. Jedermann erkannte an, daß ich stets dienstbereit und wohlgesinnt sei, und wenn ich einmal fehlte, schrieb man's versöhnlich meiner Jugend zu. Bei meinen geringen Bedürfnissen sah ich einen kleinen Sparschatz anwachse», der durch die Freigebigkeit einiger wohlhabenden Leute sich mehrte. Meine besondere Fürsorge aber wandte ich dem kranken Lehrer zu, dessen Leiden immer gefahrdrohender wurden. Die Gemeinde ließ ihn keinen Mangel erfahren und zu seinem Glücke hatte er eine Tochter, sein einziges Kind, welche ihm die unermüdlichste kindliche Fürsorge widmete. Mit einem anmuthigen Aeußeren verband sie die schönsten Gaben des Herzens. Es konnte nicht fehlen, daß mit der Zeit sich ein Verhältniß zivischen ihr und mir entspann, und so gering auch noch meine Aussichten waren, so konnten wir bei unserer Jugend doch abwarten, bis ich dereinst mein Ziel erreicht hatte. Dies war es denn auch, was mich nach Verlauf von zwei Jahren von dannen drängte. Ich fühlte, daß es mit meinen Studien still stehe, und ver Talmud sagt: Wer nicht vorwärts geht, geht rückwärts. Ich sah ein, daß bei längerem Verweilen an diesem Orte ich zuletzt zu nichts mehr tauglich wäre, als hier Lehrer einer kleinen Gemeinde zu sein. Dazu war aber mein Ehrgeiz zu stark, und da ich Mittel genug gesammelt zu haben glaubte, um eine Zeit lang davon bestehen zu können, beschloß ich zu kündigen. Es kostete mir einigen Kampf, den Einreden der Leute entgegen auf meinem Entschlüsse zu beharren. Doch ich führte ihn aus; ich riß mich von Allem, was mir hier lieb gewor-

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