Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1889)
- Date
- 1889-06-20
- Page
- Seite 391 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Schaureiten veranstaltet und sich hierzu ein Haufen Zuschauer versammelt, inmitten welcher Plötzlich der Ruf erschallte: „Der Jude hat mir das Geld gestohlen." Der Schrei kam von einem Knaben, der auf seinen Nachbar, einen Judenjungen, losschlug. Für den Juden trat ein Soldat ein und das genügte, daß über den ganzen Platz hin das Geschrei ertönte: „Man schlägt die Unseren der Juden halber!" Und die Rauferei begann. Das Reiten wurde sofort eingestellt und der Tumult legte sich Dank den Anordnungen der Polizei. Gefährlicher waren die Unordnungen auf der Peterburgskaja, wo zwei jüdische Schankwirthschaften demolirt wurden und der jüdische Verkäufer tödtlich durch einen Revolverschuß verwundet wurde. Glücklicher Weise vermochte die Polizei auch hier bald Ruhe zu schaffen. An der Holzbörse mußte militärische Hilfe requirirt werden. Auf den Straßen bewegten sich Patrouillen und standen militärische Posten. Der Tumult bei der Holzbörse entstand einer Lumperei wegen aus einem Streite um ein Paar Pferderiemen. Großbritannien. London, 8. Juni. Der „Jewish World" zufolge beabsichtigt die Gesellschaft englischer Juden dem Schah bei dessen Besuche Englands eine Denkschrift zu überreichen, um ihn zu bewegen, die Lage ihrer Religionsgenossen in Persien noch weiterhin zu bessern. Die Gesellschaft erkennt an, wieviel der Schah, seitdem er das letztemal in England war, für die Emancipation der persischen Juden gethan hat. Südamerika. Montevideo, im Mai. Zum Beweise, daß die Republik Urugay sich von dem klerikalen Joche völlig frei gemacht, kann dienen, daß soeben ein Israelit zum Polizeipräfecten von Montevideo ernannt worden, sowie ein anderer Israelit, der Ingenieur Popper, zum Gouverneur einer Provinz ernannt worden ist. Auch in der Armee giebt es Offiziere jüdischer Religion. Marokko. Tetuan, im Mai. Ein Brief aus Tetuan an den keveil äu Maroc theilt eine neue Schandthat, an den Juden verübt, mit. In der Nacht vom 15. zum 16. April, also in der ersten Peßachnacht, drangen Muselmänner in das jüdische Viertel der Stadt Scheschuan, südwestlich von Tetuan gelegen, ein, erstürmten die Synagoge, schändeten die Gesetzrollen, zerbrachen und schädigten alle Kultusgegenstände und nahmen mit, was irgend werthvoll war, selbst einen Vorrath von Oel und alle Beleuchtungsgeräthc. Die Israeliten klagten bei dem Gouverneur von Tetuan und es wurden zwei Araber, die am meisten compromittirten, gefangen gesetzt. Aber die Bewohner von Scheschuan entrissen die Gefangenen den Soldaten, und aufgestachelt durch einen fanatischen Scherif, stürzten sie sich auf die Israeliten und mißhandelten sie in schmählichster Weise, indem sie zugleich die Häuser derselben möglichst beschädigten. Solche Scenen gehen in einem Lande vor, das dicht vor den Thoren Europas liegt und an den Grenzen französischen Landes. Das französische Blatt frägt, ob Europa gegen solche Zustände seine Thätigkeit nicht ebenso wie gegen den Sklavenhandel in Centralafrika wenden müßte. Bonn, 23. Juni. (Notizen.) Aus Pest wird uns geschrieben: Herr Dr. Arnim Flesch, Rabbiner in Alt- Kanizsa ist zum Rabbiner in Mohacs gewählt. Derselbe ist ein Zögling des hiesigen Landes-Rabbinerseminars. — Vereinigen Tagen kam in die Großwardeiner Synagoge ein Jude aus der Bukowina, der seither, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen, fortwährend betet. Niemand vermag ihn in seiner Andacht zu stören, und wenn man ihn auffordert, den Tempel zu verlassen, legt er sich platt auf die Erde und rührt sich nicht. Viele Neugierige staunen den fremden Mann und dessen unermüdliche Andacht an. — Die erste Synagoge in Italien, welche die elektrische Beleuchtung eingeführt hat, ist die zu Livorno, nachdem die Rabbinen sich gutachtlich dafür geäußert hatten. — Der italienische Oberst G u i s e p p c Ottolenghi ist zum Generalmajor befördert und G. Malv an o aus dem diplomatischen Corps in den Staatsrath berufen worden, der erste Israelit, der in diese hohe Behörde eingetreten. Nachtrag. Berlin, 13. Juni. (Privatmitth.) Man frägt sich hier, was Grund und Zweck des neuen Feldzuges sei, welchen die beiden Organe der Hierarchie, der katholischen und protestantischen, die „Germania" und die „Kreuzzeitung" abermals gegen die Juden eröffnet haben? Ist es, um die Zeit der politischen Stille auszufüllen, oder, um die Aufmerksamkeit der Welt abzulenken von dem Dementi, welches die Großmächte den Forderungen der Katholikenversammlung nach Wiederherstellung des Kirchenstaates entgegegenstellen, und von den Vorgängen in Rom, welche für das Papstthum so