Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1889)
- Date
- 1889-06-20
- Page
- Seite 389 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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389 ten sich die Böckelianer und Stöckerianer wegen der „getauften Juden" und jene verließen die Versammlung. (Wegen des Näheren und der Beurtheilung müssen wir auf die nächste Nummer verweisen. (Redakt.) — Der Staatsanwalt Dr. Schulze-Bellinghausen erklärt in einer Zuschrift an die „Frkf. Z.", daß der Dr. König, der Antisemit, ihn gegen seinen Willen als Kandidaten ausgestellt' habe, daß er in Bochum nicht kandidiren werde, und daß er nicht der Verfasser der Broschüre „Der jüdische Referendar" gewesen, vielmehr war dies ein Redacteur der „Schles. Ztg.« Oesterreich-Ungarn. Wien, 11. Juni. (Privatmitth.) Die Münchner Allgemeine Zeitung brachte vor einigen Wochen eine Correspondenz aus Wien, in welcher berichtet wurde, zwei jüdische Journalisten hätten dem Ministerpräsidenten Grafen Taaffe den Rath gegeben, dem Antisemitismus freien Lauf zu lassen, weil sie annahmen, daß dadurch jene Juden, die sich jetzt in der Opposition befinden, in das Lager der Regierung getrieben werden. Ich bin nicht in der Lage, diese Nachricht zu controlliren. Falls sie wahr sein sollte, so ist es gewiß, daß Graf Taaffe erklärte, er sei schlecht berathen worden. Ihre Leser kennen die Antwort, die er auf die Interpellation Chlumeckys gegeben hat. Es liegt nun eine wichtigere Enunciation des Ministerpräsidenten vor. Derselbe war vor einigen Tagen in Lemberg und empfing unter anderem auch eine Deputation des israelitischen Cultusrathes. Wider Aller Erwarten nahm der Ministerpräsident die Gelegenheit wahr, sich über den Antisemitismus zu äußern; er wiederholte vor Allem, was er der bei ihm in Wien erschienenen Abordnung des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs gesagt hatte, nämlich, daß nach seiner Ansicht die Anwendung von Ausnahmsmaßregeln zur Hintanhaltung der antisemitischen Ausschreitungen überflüssig erscheine, da die bestehenden Gesetze vollständig hiezu ausreichen. Uebrigens beginne diese Strömung an Schärfe bereits abzunehmen. In Wien, wo sie am stärksten aufgetreten ist, habe sie jetzt den Culminationspunkt erreicht, und in Böhmen habe sie Dank der Haltung der Juden überhaupt nicht an Ausdehnung gewonnen. Mit Genugthuung vernehme der Minister, daß die antisemitische Bewegung in Galizien ebenfalls nicht so überhand genommen habe. Die Bezeichnung „Antisemitismus" gelte zumeist als Deckmantel für allerhand andere Bestrebungen. Hätte der Herr Ministerpräsident vor Jahr und Tag in der Weise gesprochen, so ständen die Dinge beute anders, aber, il vaut mieux tard que jamais heißt es im Sprichwort, das Verdienst, eine Wendung in dieser Angelegenheit hervorgerufen zu haben, gebührt dem Vorstande der hiesigen israel. Cultusgemeinde. Seitdem derselbe den Ministern die bekannte Denkschrift überreichte, weht ein anderer Wind und wir bedauern es nur, daß er zu dieser That erst gedrängt werden mußte. Von großer Tragweite ist auch die Ansprache des Erzherzogs Rainer, als Curator der Akademie der Wissenschaften bei Gelegenheit der feierlichen Jahressitzung, die jüngst stattfand. Er beklagte nämlich den Kampf, der in letzter Zeit gegen Freiheit und Fortschritt eröffnet wurde, und sprach die Hoffnung aus, daß diese Erscheinung nur eine vorübergehende sein werde. Ich will nun nicht sagen, daß jetzt die Leidenszeit-schon vorüber sei, denn die Luft ist verpestet; aber als gewiß ist anzunehmen, daß eine Klärung der Verhältnisse sich vorbereitet. Es fehlt übrigens in unserer ernsten Zeit nicht an heiteren Episoden, wie Folgendes beweist: Zu den enragirtesten Deutschnationalen oder Antisemiten gehören Vergani und Vetter. Sie sind Arier und nichts als Arier. Bei einer Gerichtsverhandlung, die jüngst stattfand, stellte es sich jedoch heraus, daß Vergani ein Pole aus der Pollakei ist und die Wiege Vetters stand in der Slowakei, der Heimat der Raßelländer. So sehen die Arier von reinstem Wasser aus. Wien, 12. Juni. Beim antisemitischen „Deutschen Volksblatte" fand eine Haussuchung statt wegen eines amtlich als lügenhaft constatirten Berichtes über einen angeblich in Znaim stattgefundenen rituellen Mord. Das Manuscript wurde gefunden. Der Herausgeber, der verantwortliche Redacteur und der Verfasser sind von dem jüdischen Kaufmann, welcher des Mordes beschuldigt wurde, auf Ehrenbeleidigung verklagt worden. Prag, 3. Juni. In der gestern stattgefundenen Versammlung der Vertrauensmänner der Deutschen in Böhmen, um gemeinsam den Weg zu berathen, der im Landtage dem Uebermuth der Czechen gegenüber einzuschlagen sei, hielt der berühmte Abg. Plener eine eindrucksvolle Rede. Er sagte am Schluffe: „Unser Kampf hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn im Volke Einigkeit herrscht. Gewisse Gruppen existiren, welche unsere Bemühungen durchkreuzen möchten, so die Klerikalen und die Antisemiten, welche die bedrängte Lage des Bauernstandes und der Gewerbetreibenden dem Judenthume zuschrieben, während es sich in Wirklichkeit um einen großen wirthschaftlichen Prozeß der Gegenwart und um internationale Verhältnisse handelt. Diese Bewegung erregt nur darum solche Verbitterung, weil dieselbe der Fraktion dient. Die Klerikalen hätten den Verstoß gegen die moderne Schule nicht gemacht, wenn nicht durch die Agitation der Antisemiten Mißtrauen gegen die liberale Partei