Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1889)
- Date
- 1889-06-20
- Page
- Seite 387 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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387 Deutschland. Berlin, 7. Juni. (Privatmitth.) Es besteht hier eine „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Acker, baues unter den Juden im preußischen Staate". Sie unterstützt und beaufsichtigt Handwerkerlehrlinge, welche bei tüchtigen Meistern untergebracht und angehalten werden, eine der Fortbildungsschulen und den jüdischen Religionsunterricht zu besuchen, welcher ihnen gemeinschaftlich Sonntag Nachmittag in zwei Abtheilungen von zwei Lehrern erlheilt wird. Zu diesem Behufe wählt die Gesellschaft 4 Jnspectoren, von welchen jeder eine Anzahl Lehrlinge in Aufsicht hat. Ferner unterstützt sie einige Schüler an den höheren Gewerbeanstalten, besonders aber auch solche junge Männer, welche Lehrlinge der Gesellschaft gewesen und sich als tüchtige Handwerker bethätigt haben, wenn sie eigene Werkstätten etabliren wollen. Für diesen Zweck besteht eine besondere Stiftung. Ist die Thätigkeit der Gesellschaft auf Berlin beschränkt, so sucht sie doch ihrem Namen zu entsprechen, indem sie sich mit gleichartigen Vereinen in den Provinzen in Verbindung gesetzt und diese, falls sie es benöthigen, aus ihren Mitteln subventionirt. Im verflossenen Jahre hatte die Gesellschaft 89 Lehrlinge in ihrer Pflege, von denen 24 als Gesellen, Nachdem sie ausgelernt, entlassen worden, während 25 neu ausgenommen wurden. Diese Lehrlinge vertheilen sich auf fast alle Handwerke, schwere und leichte. Es befinden sich z. B. darunter nur 4 Schneider und 3 Schuhmacher. Die Einnahmen beliefen sich auf Mk. 11568, von welchen Mk. 1883 zum Ankauf von Effecten verwendet wurden. Das verflossene Jahr brachte mehrfache ansehnliche Geschenke dem Fonds zu. Das Vermögen beläuft sich auf ca. 90000 Mk. Je mehr die Gesellschaft ihre in sittlicher wie in socialer Beziehung segensreiche Wirksamkeit auszudehnen wünscht, desto mehr muß sie der thätigen Mithilfe unserer Glaubensgenossen empfohlen werden. — In den drei hiesigen Gemeindesynagogen wurde am zweiten Tage des jüdischen Pfingstfestes, Donnerstag, 6. d. M., der mit einer Seelenfeier verbundene Festgottesdienst zweimal — Morgens 7V-2 und 10 Uhr — abgehalten. Man bezweckt mit dieser neuen Anordnung, dem anläßlich der Seelenfeier gewöhnlich übergroßen Zudrang zu den Gotteshäusern und den durch solchen leicht eintretenden Unzuträg lichkeiten entgegenzuwirken. — Schon bei der Mittheilung der von Geh.-R. Friedländer ausgegangenen Schätzung der gegenwärtigen jüdischen Bevölkerung Berlins auf 90000 Seelen haben wir unfern! Zweifel an der Richtigkeit dieser Angabe ausgesprochen. Auf! Grund amtlicher Angaben verhält sich die Sache so: Die! jüdische Bevölkerung hat sich von 1861 bis 1885 im Durch-? schnitt jährlich um 1875 Seelen vermehrt; die Jahres-! schwankung differirt zwischen 1100 bis 2300. Von 1875 z bis 1880 ist sie gestiegen von 45464 auf 53,949, also um | 8485 und jährlich um ca. 1700, von 1880 bis 1885 auf 64355, also jährlich um ca. 2100. Wenn, wie vorläufig nach den amtlichen Quellen gegenüber der Schätzung angenommen werden darf, diese Vermehrung in derselben Weise stattgefunden hat, so wird, und zwar erst am 1. December 1890, also in circa 2 Jahren die jüdische Bevölkerung Berlins etwa 75000 Seelen betragen. Hierbei sei zugleich bemerkt, daß etwa ein Drittel der Vermehrung auf Geburtenüberschuß und etwa zwei Drittel auf Zuzug entfallen. So kommen (vergl. Neumann, Zur Statistik der Juden in Preußen von 1816—1880) während der neun Jahre von 1872 bis 1880 auf Geburtenüberschuß 6328, auf Zuzug 11606. Berlin, 9. Juni. In der Nacht zum Dienstag sind aus der Synagoge „Ahawat Schalom", Rosenthalerstraße 11—12, sämmtliche Silbergeräthschaften, mit Ausnahme der beiden großen Leuchter, aus dem Allerheiligsten gestohlen worden; es sind dies: zwei Behänge in Tafelform mit silbernen Kronen und Goldeinsatz, zwei silberne Arme, ein Pocal, zwei längliche Kronen mit kleinen Glocken und ein Gewürzbecher aus Alfenide. Die gestohlenen Gegenstände! reprüsentiren einen Gesammtwerth von sechs- bis siebenhundert Mark. Der mit der Oertlichkeit genau vertraut gewesene Dieb hat die Thüren und Behälter mittels Nachschlüssels geöffnet. Der Verdacht der Thäterschaft lenkte sich zunächst auf eillen früheren Synagogendiener, dessen Unschuld sich aber sofort herausgestellt hat. Jetzt fahndet die Criminalpolizei, wie ein hiesiges Blatt meldet, auf ein Individuum, welches einer in der Neuen Friedrichstraße belegenen Silberschmelze ein Stück geschmolzenen Silbers im Gewicht von ca. zwei Kilogramm zum Verkauf angeboten hat. Leipzig, 10. Juni. (Privatmitth.) Das Bild einer wohlorganisirten Gemeinsanrkeit liefert uns auch in diesem Jahre der Verwaltungsbericht des Vorstandes der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde. Man muß das Beispiel, welches in dieser Beziehung die beiden sächsischen Gemeinden Leipzig und Dresden durch ihre Jahresberichte an ihre Gemeinde geben, immer wieder vorführen, um andere Gemeinden zum gleichen Vorgehen aufzufordern. Man braucht in dem vorliegenden Berichte zum Beispiel nur das Eapitel über die Schechita uachzulesen, um sich über die gute Ein-