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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-20 · Heft 25 (20.6.1889) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 25 (20.6.1889)
Date
1889-06-20
Page
Seite 386 (sequence 6)
Language
German
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386 geschichtliche Kerne vorhanden seien; diese modernsten Geschichtschreiber des Volkes Israel machen sich selbst Legenden zurechte und wollen daraus Stoff für die Geschichte Ziehen, die aber unter ihren Händen weder Boden noch Halt gewinnt. — Viele unserer Leser werden sich noch des ausgezeichneten Romanes „Meier Epofowitz" von EliseOrzeszko erinnern, über welchen wir in Nr. 10 des Jahrganges 1885 ausführlich berichteten, sowie wir auch in Nr. 26 über die Persönlichkeit der verehrungswürdigen Verfasserin Einiges mittheilten. Daselbst drückten wir auch den Wunsch aus, daß auch die anderen Romane der Verfasserin „Eli Makower," „Simson der Held" übersetzt werden mögen. Die letztere Erzählung ist nun soeben in deutscher Uebertragung erschienen. Das Büchlein trägt den Titel: „Zwei Erzählungen" (Berlin, S. Fischer, 1889). Die erste und größere der beiden Erzählungen ist „Simson der Held". Die Verf. bringt uns in ihr ein ebenso anmuthiges wie ergreifendes Genrebild;; tragische Conflicte, Kampf und Untergang kommen nicht vor,! und dennoch breitet sich über die an sich so einfache Idylle, ein tragischer Schein, der mit dem Schluffe nicht gehoben( wird. Schimschel ist ein junger jüdischer Gelehrter, der un-; bekannt mit der Welt und aller Thätigkeit in ihr, sich lediglich mit dem Studium des Talmud, wohl auch kabbalistischer; Schriften beschäftigt und hierin wie in der Liebe zu seinen! fünf Kindern das höchste Glück findet. Seine Frau, die ihn wegen seiner Gelehrsamkeit abgöttisch verehrt, schafft für die ganze Familie durch einen Spezereihandel mit größter Anstrengung das dürftige Brod. Da tritt ein besonderes Ereigniß ein. Das Purimfest naht und einige Nachbaren, arme jüdische Handwerker, planen, an diesem Freudenfeste eine theatralische Vorstellung zum Besten der Annen zu geben. Sie haben auch schon ein Stück, in welchem die Heldenthaten Simsons, seine Kämpfe mit den Philistern und sein Tod! dargestellt und mit Gesängen gefeiert werden. Reb Schimschel hat eine schöne Stimme und eine prächtige Gestalt. Sie bitten ihn, die Rolle Simsons zu übernehmen, und nach längerem Zögern und Bedenken willigt er ein. Es geht Alles nach Wunsch vor sich. Da erwacht in Schimschel ein in seiner Seele schlummernder Genius. Er fühlt sich mit dem Helden, den er vorstellt, völlig eins; Heldenmuth wallt durch seine Seele, die Trauer über die Roth seines Volkes, der Entschluß, es daraus zu erretten, die Wuth gegen die Feinde. So wird er mit einem Male zum Künstler ersten Ranges und reißt die zahlreichen Zuhörer zu einer frenetischen Begeisterung hin. Aber da er nun in seine armselige Hütte zurückkehrt, ist der Zwiespalt in seinem Geist eingekehrt; er hat die Welt der That kennen gelernt und die Leidenschaften durchgekostet. Seine Bücher verachtet er, da sie ihm nur ein völlig erfolgloses Brüten gewähren. Sein einziger Trost ist, daß aus seinen Söhnen Männer der That werden sollen. So einfach dieser Stoff ist, so faßt er doch viel Originelles in sich und giebt dem Talente der Verf. Gelegenheit, das Seelenleben der Personen, die sie einführt, mit vieler Sinnigkeit zu schildern. Doch wird durch einige mystische Visionen unseres Helden auch ein sehr poetischer Geist über das Ganze gebreitet. Bemerken wollen wir nur noch, daß die Verf. es nicht unterläßt, eine scharfe Ironie über die Antisemiten auszugießen, welche alle Israeliten für reich ausgeben, weil Rothschild ein Jude ist, und die den Juden eine Verschwörung unterschieben, um sich die Weltherrschaft anzueignen. Die Bilder, die sie zu entwerfen hat, geben einen passenden Hintergrund hierfür. — Die zweite Erzählung „Ein Sonnenstrahl" ist weniger bedeutend und fällt nicht in unseren Kreis. Pest, den 9. Juni. Unter dem Titel ididt, ruiDNn n-nn Zsidö hit-es eskölcstan erschien vor Kurzem von dem in der pädagogischen Literatur vortheilhaft bekannten Hrn. Nathan Ha laß, Director der hiesigen israelischen Gemeinde-Mädchenschule, eine Glaubens- und Sittenlehre für Mittelschulen in zwei Theilen (Budapest, Nagel, 1889). Die lichtvolle Vortragsweise und ethische Behandlung der Glaubenssätze, der Ceremonieen und religiösen Bräuche sowohl wie die Auswahl der Bibelstellen lassen in dem Verfasser den fachkundigen, erfahrenen Schulmann erkennen. Wir zweifeln daher auch nicht, daß dieses Lehrbuch, das auch den Erwachsenen eine anziehende, das religiöse Gefühl weckende und stärkende Lectüre bietet, in den betreffenden Kreisen die weiteste Verbreitung finden wird, und dies um so mehr, da die Ausstattung des Buches eine vorzügliche und der Preis desselben ein sehr mäßiger ist. — Bon der als vortrefflich anerkannten ungarischen Pentateuch-Uebersetzung des Hrn. Heinrich Deutsch, Director der hiesigen israelitischen Lehrer-Präparandie, ist das vierte Buch Moses mit correctem Text und einem ausführlichen grammatikalischen und sachlichen Commentar jüngst erschienen (Budapest, Selbstverlag, 1889). Möge es dem verdienstvollen Verfasser vergönnt sem, sein Werk bald zu vollenden. — Herr Bezirks - Rabbiner L. Schleßinger in Breiten hat jüngst eine „Pesach- und Schawuosrede" veröffentlicht. Di'. Kayserling.

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