Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1889)
- Date
- 1889-06-20
- Page
- Seite 384 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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384 liehen Meinung in eine zweite oder dritte Linie gerückt, und hat deßhalb eine Auffrischung durch etwas Sensationelles nöthig. Man weiß nun, daß das Gewissen dieser Herren ein sehr weites ist und daß sie aus alter Tradition eine Vorliebe für Fabeln von Brunnenvergiftung, Hostienschändung u. s. w. besitzen. Ist ja doch augenblicklich eine kritische Zeit. Der Katholikentag in Wien hat jede Maske fallen lassen und dem Antisemitismus die Bruderhand gereicht. Aber die Welt ist doch anders gestimmt, und nach Rom strömten in diesen Tagen Vertreter aller europäischen Nationen zu einer Feier, welche einem schmählich verbrannten Ketzer galt. Man braucht also wieder einmal einen Prügelknaben, gegen den man die Welt hetzen mag, um sie von jener kritischen Lage des Ultramontanismus abzulenken. Hierzu scheinen ihnen jederzeit die Juden brauchbar. Man verpflanzt also schnell lügenhafte Artikel, die man sich aus Wien nach Berlin schreiben läßt. Die „Germania" bringt eine Reihe der gehässigsten Artikel gegen die Juden, und in einem solchen lesen wir: „Unter den Juden Galiziens und Ungarns circulirt eine schriftliche Belehrung der Alliance Jsraelite, welcher wir bezüglich der Liegenschaften folgenden Passus entnehmen: „Der Grundbesitz wird immer das eiserne und unverwüstliche Vermögen jedes Landes bleiben. Er verleiht an und für sich Macht, Ansehen und Einflüsse. Der Grundbesitz muß also in die Hand Israels übergehen. Das ist leicht, wenn wir das mobile Capital beherrschen. Das erste Streben Israels muß daher sein, die jetzigen Eigenthümer aus dem Grundbesitze zu verdrängen. Bor allem gefährlich ist uns der große Grundbesitzer; man muß daher das Schuldenmachen des jungen Adels in den großen Städten erleichtern. Durch den Wucher decimiren wir die aristokratischen Vermögen und schwächen die Bedeutung der Aristokratie. Der Grundbesitz muß mobilisirt werden, indem man ihn zur currenten Waare macht. Je mehr wir auf die möglichste Theilung des Grundbesitzes hinwirken, desto leichter und billiger bekommen wir ihn in unsere Hände. Zu dem Zwecke muß auf längere Zeit das Capital den Hypotheken entzogen werden. Unter dem Vorwände, die ärmere Klasse und die Arbeit erleichtern zu wollen, müssen in Staat und Communen die Steuern und Lasten unbedingt auf den Grundbesitz allein gelegt werden. Ist der Grund und Boden in unseren Händen, so muß die Mühe der Pächter und Arbeiter — ihn zehnfachen Zins für uns bringen lassen" „In diesem Schlußsätze ist wieder die ganze Unsittlichkeit jüdischer Erwerbsfreiheit ausgesprochen. Der Jude erwirbt Grund und Boden nicht, um ihn zu pflegen und der Gesammtheit nützlich zu machen, er will nur ausbeuten und Wucherprocente gewinnen. Während das Christenthum sittliche Zwecke — nicht blos eigene sittliche Lebensentfaltung, sondern auch Dienst der Gesammtheit — fordert, und den Erwerb nur innerhalb sittlicher Schranken — ohne Beschädigung des Nächsten für berechtigt und ehrenvoll erklärt, kennt der Jude weder sittliche Schranken, noch sittliche Zwecke. Er will schrankenlose Freiheit für egoistische Ausbeutung. Darin liegt die eminente Gefahr der Judenfrage in Oesterreich für alle Errungenschaften der christlichen Civilisation." — Es ist dies eine niederträchtige Erfindung. Ein solches Cirknlär existirt gar nicht und kann nicht existiren. Noch weniger befindet sich ein solches in den Händen der ungarischen und galizischen Juden. Es ist zugleich eine plumpe Erfindung, da der Inhalt des Circulärs nur ans den schlechten Schriften abgeschrieben ist, welche über gewerbsmäßige Schliche der Jesuiten handeln, auch dasselbe Mittelchen schon früher angewandt worden. Man erinnert sich noch des erlogenen Circulärs, das man dem verstorbenen Cromieux als Präsidenten der Alliance von ultramontaner und antisemitischer Seite untergeschoben, und zwar aus einer Zeit, wo Cromieux noch gar nicht Pl äsident der Alliance gewesen. Nun wäre es zu verwundern gewesen, wenn sich die Schwester der „Germania", die „Kreuzzeitung", nicht ihrer Genossin zur Seite gestellt hätte. Sie that es denn auch und brachte den Artikel der „Germania" mit sichtlichem Behagen in ihren Spalten. Judeß fiel ihr die Plumpheit der Erfindung doch auf, und sie legt deshalb die Verantwortlichkeit auf die Schultern der Germania. Sie schreibt: „Wir überlassen der Germania die Verantwortung für die Richtigkeit dieser Mittheilung. Unwahrscheinlich ist sie nicht, denn die Judenheit weiß sehr genau, auch bei uns, daß der befestigte Grundbesitz, der große wie der kleine, der sich durch viele Generationen hindurch von Vater auf Sohn vererbt, die sicherste und conservativste Grundlage einer starken Monarchie und aller staatlichen Ordnung ist; so lange sie nicht erschüttert werden kann, steht der unumschränkten Herrschaft des Judenthums ein unüberwindliches Hinderniß im Wege. Leider scheint man an maßgebender Stelle diese Thatsache nicht hinreichend zu würdigen, sonst würde wohl mehr geschehen, um den drohenden großen Krach in den Gruudbesitzverhältnissen der östlichen Provinzen noch rechtzeitig abzuwenden. Wir haben es an Mahnungen und Vorschlägen in dieser Richtung nicht fehlen lassen." Wir meinen, daß beide Blätter für dieses Machwerk nur bei ihren blindesten Anhängern Glauben finden werden. Jeder Andere, selbst wenn er den Juden noch so abhold ist, wird sich sagen: So dumm sind doch die Juden nicht, daß sie dergleichen Auslassungen in die Welt und in Umlauf setzen werden, wo sie doch alsbald ans Tageslicht kommen müssen. Wir können daher ruhig dem ultramontanen Blatte die Ehre solcher Machwerke überlassen. In der letzten Zeit hatten die Ultramontanen einen friedlicheren Charakter gegen die Juden angenommen und wir gestehen, daß wir hierüber