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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-20 · Heft 25 (20.6.1889) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 25 (20.6.1889)
Date
1889-06-20
Page
Seite 383 (sequence 3)
Language
German
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383 „Irefene" Bücher gelesen oder gar studirt, spricht und schreibt ein correctes Deutsch und predigt. Als allgemeine Gesichtspunkte erfließen aus dieser Auseinandersetzung, daß die Strömung der Entwickelung eine unaufhaltsame, bald langsam sich vorbereitende und einstellende, bald Plötzlich hervorbrechende ist. Ferner: daß jede Zeitperiode sich zwar aus der vorhergehenden aufbaut und von dieser die Unterlage für ihren Neubau behält, jedoch in Wesen und Form einen sehr veränderten Character ausbildet, in Geistesrichtung, Grundsätzen, Bedürfnissen, Einrichtungen und Gesetzen, in Sitte und Lebensweise sich anderartig gestaltet. Endlich: daß jede große Epoche ihre Licht- und Schattenseiten, ihre Vorzüge und ihre Nachtheile befaßt, nach und nach aber sich diese Vorzüge abschwächen, nicht mehr zu den obwaltenden Verhältnissen Passen, daher zu Druck und Last werden und sich so in unerträgliche Nachtheile und Schäden verwandeln. Bei der unaufhörlichen Geistesarbeit der Menschheit werden diese unleidlichen Zustände erkannt. Diese Erkenntniß verbreitet sich, und wird zum Gefühl und Bewußtsein der Menge. Dann tritt die Befreiung aus derselben hervor und mit schweren oder leichten Kämpfen ringt sich das Neue, das Umwandelnde aus den Armen der alten Mächte heraus und wird so eine neue Zeit geboren. Thöricht wäre es, nun zu glauben, daß dieses Neue etwas Vollendetes wäre und den Stempel der Vollkommenheit an sich trüge. Neben großartiger Entfaltung eines neuen höheren Geistes stellen sich Schwächen und Schäden abermals ein; so viel gewonnen worden, ist doch manches Gute und Edle der alten Zeit in und mit der Evolution verloren gegangen, ja, nicht selten verleitet das Errungene zu Mißbrauch und Ausschreitung, und extreme Ansichten und Gesinnungen versuchen ihre Zeit auf eine abschüssige Bahn zu schieben, oder den Gegensatz zu allem, was bisher gegolten, zu erwirken, bis zur Verheerung und Verödung. Dies ist immerhin ein großer Schauplatz für den Kampf der Geisteskräfte gegeneinander, bis der bessere Geist durchdringt und das Zeitalter eine dauerhafte Gestaltung erwirbt. Mit Recht also nennt es Koheleth eine Thorheit, die frühere Zeit als eine bessere zu rühmen und die Gegenwart als entartet zu verachten. Vielmehr ist es die Aufgabe dessen, der die Wahrheit und die Gerechtigkeit liebt, sich durch klare und sorgfältige Forschung ein volles Bild von den Kuliurzuständen der Vergangenheit zu verschaffen, dann aber auch eine richtige Einsicht in die Tendenzen und Schöpfungen der Neuzeit zu gewinnen. Dann wird ihm das Licht über den wahren Werth der verschiedenen Perioden und über die Segnungen einer reichen Entwickelung aufgehen. Aus solchen vorurtheilslosen Vergleichen erzielt sich neben einer gerechten Würdigung auch eine Erkenntniß dessen, was auch für die Gegenwart zu erstreben sei, wohin wir unsere Anstrengungen zu richten haben, Fehler zu vermeiden, Lücken auszufüllen, dem Idealen näher zu kommen. Diese Anschauung stimmt mit der Lehre des Judenthums vollkommen überein, ja, sie gehört ihr wesentlich an; sie liegt im Geiste des Mosaismus, der die göttliche Weltordnung nachdrücklich proclamirt, eine Weltordnung, welche die stete Entwickelung des Menschengeschlechtes zur sittlichen Vervollkommnung schon seit der Sintfluth leitet; im Geiste des Prophetismus, der die Verkündigung des Reiches der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens zu seinem Kernpunkte genommen; im Geiste des Talmudismus, der unermüdlich in seinen Bekennern die Hoffnung einer glücklichen Zukunft nährte, die sich doch nur durch eine Läuterung nicht bloß Israels, sondern der ganzen Menschheit verwirklichen kann. In der That, wenn wir auch zugeben müssen, daß in dem vorigen Jahrhundert die Religiosität in unfern Glaubensgenossen eine stärkere, das Leben unserer Väter beherrschende gewesen, so wird man doch nicht verkennen, daß sie im großen Maße zu einem geistesleeren, einseitigen, beschränkten Formalismus geworden war, welcher jeder freien seelischen Bewegung entbehrte, selbst den Gottesbegriff entstellte und schädigte. Unsre Zeit, wenn sie auch durch die zersetzenden Einflüsse der Kultur, des verworreneren gewerblichen Lebens und der vielfachen Negationen der Wissenschaft am religiösen Leben verlor, hat dagegen an Innigkeit und Intensität der religiösen Idee, an der höheren Auffassung von Gott und der Welt und an humanen Gefühlen überaus gewonnen. In den Seelen, in welchen das religiöse Licht strahlt, flammt es Heller und reiner auf und wird von dem frei gewordenen Gewisse!: genährt. Hierhin haben wir also unser Streben zu richten, durch die Klärung unserer Lehre, die kräftige Auffassung derselben durch den Verstand, die stete Erwärmung unserer Gefühle die errungene Freiheit richtig zu nützen, auf das höchste Ziel zu lenken, und intensiv für die Religion zu gewinnen, was sie einstweilen extensiv verloren hat. Eine abermalige Luge. Bekanntlich haben in Wien die Klerikalen sich mit den Antisemiten verbunden; jene haben die Maske des Antisemitismus vorgenommen und die letzteren arbeiten im Dienste der ersteren. Die edlen Genossen fühlen sich in diesem Bunde sicherer und mächtiger. Dennoch bedürfen sie der Unterstützung, namentlich da sie jüngst wiederholt vom Ministerpräsidenten selbst verleugnet wurden und der Erzherzog Rainer die ganze Wühlerei gebrandmarkt hat. Zu ihrer Hilfe eilt deshalb die ultramontane „Germania" an der Spree. Dieses Blatt ist, seitdem der Kulturkampf von der Tagesordnung geschwunden, aus dem Gesichtskreise der öffent- 2b*

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