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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-20 · Heft 25 (20.6.1889) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 25 (20.6.1889)
Date
1889-06-20
Page
Seite 382 (sequence 2)
Language
German
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Alles was da ist, sich aus den Umständen, aus den jeweiligen Verhältnissen entwickelt und gestaltet, gewissen Bedingungen seine Daseinsgestalt verdankt, kann es eben nur aus diesen heraus, also jeweilig nur vernünftig sein und wird mit dem Aufhören, ja mit jeder Veränderung dieser Bedingungen, unvernünftig werden. Die Geschichte lehrt uns aber, daß die Wucht des Bestehenden durch die Macht, die es materiell und über die Geister gewonnen hat, sehr groß ist, und sich deshalb lange Zeit das erhalten kann, was für die eingetretenen Verhältnisse unvernünftig ist. Wenn z. B. zur Zeit des sog. Faustrechts die Landbewohner sich unter den Schutz der Burgen flüchteten, und sich um dieselben ansiedelten, dadurch aber zu Hörigen, Leibeigenen wurden, so war dies für jene Zeit vernünftig, hörte aber auf vernünftig zu sein, als dieser Schutz aushörte, überflüssig geworden, gar nicht mehr vorhanden war, die Leibeigenschaft aber geblieben, und erst sehr spät durch den absolutistischen Staat aufgehoben wurde. Daraus erklärt es sich auch, daß äußerst scharfsinnige Männer Einrichtungen ihrer Zeit als vernünftig, also berechtigt ■ ansehen konnten, welche spätere Geschlechter als schwere Jrrthümer erkannten, wie wenn z. B. Plato und Aristoteles die Sklaverei, Hobbes die Autokratie als berechtigt demonstrirten, die größten Criminalisten einer bestimmten Zeit die Hexenprocesse und die Folter für vollkommen im Rechte anerkannten. Wer irgend ein offenes Auge, für die Geschichte des Menschengeschlechtes hat, dem kann es eben nicht entgehen, daß in derselben ein Gesetz der Entwickelung obwaltet. Selbst wem es noch zweifelhaft erscheinen kann, ob diese Entwickelung eine fortschreitende, eine wenn auch langsam aber sicher zur Vervollkommnung führende ist — was uns freilich nicht zweifelhaft ist — oder ob sie einer gewissen Gleichmäßigkeit unterliegt, an der einen Seite sich erhebt, während sie auf einer anderen Seite im Niedersinken begriffen, — der wird doch nicht leugnen können, daß eine Entwickelung besteht, daß sich die Verhältnisse theils aus sich selbst, theils durch geschichtliche Ereignisse verändern, so daß aus diesen andere Lebensbedingungerl, andere Bedürfilisse, andere Befriedigungsmittel hervorgehen. Dieses Gesetz der Entwickelung beherrscht das ganze Leben der Menschheit, der einzelnen Völker, der Individuen. Diesem Gesetze kann sich keine Zeit, keine Nation, kein Individuum entziehen, eben sowenig, wie irgend ein organisches Wesen sich dem Stoffwechsel zu entziehen vermag, der es immer wieder in seinem ganzen Bestände erneuert. Bewußt oder unbewußt waltet dieses Gesetz der Entwickelung in der Gesammtheit, in jeder Gemeinsanrkeit, bis in alle Individuen hinein. Allerdings giebt es Zeiten und Nationen, in welchen durch eine längere Periode hindurch ein Stillstand besteht, indem die Veränderungen nur langsam, dem flüchtigen Blick des nur eine kurze Spanne Zeit umfassenden Stelblicheu unmerklich vor sich gehen. Die Dinge scheinen da eine besondere Dauerhaftigkeit, eine völlige Beständigkeit zu besitzen. Aber selbst China zeigt in seiner Geschichte bedeutende Umwälzungen, nahm z. B. den aus Indien gekommenen Buddhismus in sich auf und verarbeitete ihn nach seiner Art, und daß China gewaltigen Veränderungen entgegengehe, ebenso durch den in dasselbe eindringenden Islam, nie durch die von den Küsten her sich den Eingang erzwingende europäische Cultur, ist dem Beobachter klar, wenn diese Metamorphose auch nicht so schnell wie in Japan vor sich geht. Die Geschichte erweist vielmehr durch viele Beispiele, daß ein Volk, welches eigensinnig auf seinem alten Standpunkt verharrt, jede Widerstandskraft verliert und nur so lange besteht, bis sich ein entschiedener Angreifer findet. So erging es den Tatarisch- Mongolischen Reichen, die doch bei ihrem Auftreten eine so gewaltige Kraft entfalteten, und längst schon wären die Türken über den Bosporus zurückgetueben, Marokko und Persien europäische Provinzen geworden, wenn die christlichen Mächte über die Beute und den Besitzer derselben sich einigen könnten. Wir sehen also, daß das Gesetz der Entwickelung eine Reihe von bisweilen schneller, dann wieder langsamer heranströmenden Bewegungen bewirkt, die für jede Zeit einen festen Niederschlag abgeben, eine ihre Periode beherrschende Gestaltung schaffen. Wer könnte dies leugnen! Seht euch das Alterthum in seinen Phasen an, in der egyptischen, indischen, assyrischen, persischen, hellenischen, macedonischen und römischen Phase; betrachtet das Mittelalter in der Zeit der Völkerwanderung, der vor und der nach den Kreuzzügen; blicket auf die Periode der großen Entdeckungen und der Reformation, auf die Zeitalter des dreißigjährigen und des siebenjährigen Krieges, auf das Jahrhundert der Revolution mit seinen mannigfaltigen Producten — welche Verschiedenheiten, welche Um- und Neugestaltungen auf demselben Boden der menschlichen Gesellschaft! Es ergiebt sich da auch, daß diese Veränderungen nicht von einem Einzelnen ausgehen und daß kein Einzelner sich ihnen entziehen kann. Immerhin mag bisweilen eine mächtige Persönlichkeit als das wirksamste Werkzeug einer Evolution erscheinen; wenn nicht das ganze Zeitalter vorbereitet und geeignet gewesen wäre, hätte selbst ein mächtiger Genius nicht diese umwälzende Wirkung habet! können. Es ist deshalb immer ein Jrrthum, ein geschichtlich hervorgetretenes Individuum für die Umwandlung verantwortlich zu machen, oder ihm allein das Verdienst zuzuschreiben. Ebensowenig steht es in der Macht der Individuen, sich der Entwickelung zu entziehen. Auch der orthodoxeste Rabbiner unserer Zeit — mit Ausnahme der östlichen Länder — gleicht, mag er noch so arg über die Jetztzeit klagen und lamentiren, nicht einem Rabbi des vorigen Jahrhunderts. Hat er doch Gymnasium und Universität besucht oder wenigstens gestreift, die Doctorwürde sich verschafft, viele

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