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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-20 · Heft 25 (20.6.1889) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 25 (20.6.1889)
Date
1889-06-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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o Allgemeine eitung -es Iu-cnthums. Ein umrteiischcs Orgail M Ms jüdische Jntereffc. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner I)r. Ludwig Khilippson in Konn. Krpeditiou: Leipzig, Kospitakstratze 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 20. Juni 1889. Nr. 25. Inhalt. Leitende Artikel: Die alte und die neue Zeit. — Eine abermalige Lüge. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Stuttgart, Aus Baden, Mannheim, Wandsbeck, Bochum. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Pest, Lemberg. — Frankreich: Paris. — Rußland: Jekaterinosstaw. — Großbritannien: London. — Südamerika: Montevideo. — Marokko: Tetuan. — Bonn: Notizen. — Nachtrag: Berlin. — Feuilleton: Ein kleiner Lebenslauf aus früherer Zeit. (Schluß.) — Ein Kulturbild aus dem zehnten Jahrhundert. Bonn, 16. Juni. Die alte und die neue Zeit. Seit langen, langen Zeiten giebt es zwei Ansichten unter! den Menschen, die eine weiß die vergangenen Zeiten, insbesondere die letztvergangenen nicht genug wegen ihrer Vorzüge und Verdienste zu rühmen, die Zeitgenossenschaft aber und die Zeitgenossen nicht genug zu tadeln und zu schmähen. Man nennt den Verfechter derselben I^uäator teniporis acti. Die andere, im vollen Gegensatz, erkennt in der Gegenwart die höchste Blüthe der Cultur, die höchste Entfaltung der Einsicht und der Wissenschaft und sieht mißachtend auf die früheren Geschlechter hinab. Wir sagen: seit langen, langen Zeiten, denn schon Koheleth (VII, 10) sieht sich veranlaßt zu sagen: „Sprich nicht: was war doch, daß die früheren Tage besser als diese gewesen? denn nicht aus Weisheit fragst du Solches." Nun wäre es ziemlich gleichgiltig, ob Jemand diese oder jene der beiden Ansichten theilt, wenn nicht der Gedanke sich auch in Thaten umsetzen wollte. So aber streben die Einen darnach, die alten Zustände möglichst! wieder herzustellen, die früher gültigen Grundsätze wieder zur Geltung zu bringen, die alten Gesetze und Einrichtungen zurückzuführen, oder wie man zu sagen pflegt, das Rad der Zeit nicht blos zum Stillstand, sondern zur rückgängigen Bewegung zu bringen. Die Anderen hingegen wollen mit der äußersten Consequenz alles um- und neugestalten, alle Reste des früher Bestandenen beseitigen, allen aus früheren Zeiten herübergekommenen Richtungen und Meinungen den Krieg erklären, überall etwas Neues — es ist nicht selten schon oft Dagewesenes — an die Stelle setzen; jeder vermeintlich neue Gedanke, jede Hypothese auf wissenschaftlichem wie auf socialem Gebiete, wird mit desto größerem Beifall ausgenommen, je entschiedener sie der bisherigen Lehre entgegentritt, man nennt dies, keine Autorität anerkennen. Je zutreffender diese Charakterisirung auch in den vor unseren Augen vor sich gehenden Händeln und Handlungen sich darthut, desto eher kann man sagen, daß jene beiden Ansichten sich bis zum Fanatismus entzünden können, so den sittlichen und vernünftigen Boden verlieren und für den Bestand der Gesellschaft, für Gesetz und Ordnung gefährlich werden. Um so eher ist es wohl angemessen, diese alte Frage etwas gründlicher ins Auge zu fassen. Einer der bedeutendsten Denker hat die Unterscheidung zwischen Wesen und Form für irrig erklärt. Die Form wird vom Wesen selbst geschaffen und prägt sich dieses in jener aus; die Form ist also ein consequentes Ergebniß des Wesens; stirbt das letztere ab, so verfällt auch die Form, und wo diese zerbröckelt oder sich neu gestaltet, müssen im Wesen! entsprechende Veränderungen vor sich gegangen sein. Wir müssen dies als richtig anerkennen und es bei jeder geschichtlichen Betrachtung festhalten. Wenn aber derselbe Denker, Hegel, sagte: Alles was ist, ist, weil es ist, vernünftig, — so können wir ihm nicht Recht geben. Schon weil Alles was da ist, geworden ist und wieder dem Untergange sich zuwendet, kann es nicht absolut vernünftig sein; ferner, weil 25 /

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