Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1889)
- Date
- 1889-06-13
- Page
- Seite 377 (sequence 13)
- Language
- German
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377 Irikelführungsrechles angegangen, ein Begehren, das seitens des früheren Kultusministers Trsfort bereits einmal abweislich beschieden wurde. Die Gemeinde oder vielmehr Betgenvssenschaft der Sefardim, seit 1876 von der hiesigen, 1450 Familien mit 6500 Seelen zählenden Muttergemeinde losgelöst, besteht aus insgesammt 66 Familien mit kaum 300 Seelen, die durchaus den untersten Schichten der Bevölkerung angehören und auf einem tiefen Bildungsniveau stehen; die pekuniäre Lage der Gemeinde, die, nebenbei gesagt, entschieden rückschrittliche Tendenzen verfolgt, ist eine sehr triste, indem ihre Einnahmen in Folge von Mißwirthschaft schon seit Jahren mit Beschlag belegt sind. Mit erwähntem Gesuche soll nun der Weg der materiellen Sanirung betreten werden, allerdings auf Kosten der kulturellen Bestrebungen der Muttergemeinde und ihres gemeinnützigen Wirkens. Die hiesige israelitische Gemeinde unterhält eine 12 Klassen umfassende Knaben- und Mädchenschule, an der jährlich 800 Kinder, darunter 300 gratis, Unterricht genießen; es unterrichten dort 15 diplomirte Lehrer. Jede Schmälerung des Einkommens der Gemeinde bedeutet mithin ein Hemmniß ihrer kulturellen und humanitären Thätigkeit. Um dies zu verhindern, begiebt sich der Vorstand der Gemeinde dieser Tage in Audienz zum Unterrichtsminister. Mittlerweile hat sich die Stadt dahin ausgesprochen, daß auf Grund eingeholter erschöpfender Informationen sie nicht nur jenes Gesuch nicht befürworten könne, sondern, da jede materielle und moralische Gewähr für die pflichtbewußte Auffassung gesetzlicher Vorschriften fehle, sie ein ähnliches Zugeständniß an diese Betgenossenschaft als eine Schädigung des öffentlichen Interesses bezeichnen müsse. Hoffentlich wird nunmehr diese odiose Frage für immer vom Tapet verschwinden. Gelegentlich der jüngsten Erörterung dieser Angelegenheit im Verwaltungs-Ausschüsse des Komitats machte der Obergespan Varon Bola Vay einige kritische Bemerkungen, die von oppositionellen Elementen aufgegriffen, alsbald zum Ausgangspunkt ungerechtfertigt heftiger Angriffe gegen den Liberalismus der Chefs unserer Komitatsverwaltung gemacht wurden. Demgegenüber kann ich erklären, daß dem Herrn Obergespan jede Verletzung konfessioneller Empfindungen fern lag; im Uebrigen sind die genugsam bethätigten streng liberalen politischen und gesellschaftlichen Maximen des Herrn Obergespans — ein Erbgut der Familie Vay — über ähnliche Vorwürfe erhaben. Bonn, 9. Juni. (Notizen.) Man schreibt uns aus Zürich: Am 14. vor. Monats wurde hier ein Mann zu Grabe getragen, der es verdient, auch in Ihrer geschätzten Zeitung einen ehrenden Nachruf zu erhalten. Herr Salomon Wyler, geb. 1807 in Ober-Endingen, Kanton Aargau, in dem bekannten ehemaligen Ghetto der Schweiz, war einer der ersten, dem es vergönnt war, das Gymnasium und später das Lehrerseminar in Aarau zu besuchen. Von 1828 bis 1842 wirkte er als Lehrer in seinem Heimathorte, wobei er zugleich mehrere Gemeindeämter bekleidete. Als Gemeiudeschreiber, dann als Gemeindecassirer, Mitglied und längere Zeit Vorsteher der Schulpflege, des Krankenvereins, hatte er Gelegenheit, Gutes zu stiften, wodurch er sich die Liebe der Glaubensgenossen, das Vertrauen aller Bürger und die Anerkennung der Regierung erwarb. Durch seine freundschaftlichen Beziehungen zu Laudammann Augustin Keller hat er auch viel zur Gleichstellung der Juden im Aargau beigetragen, wie er auch bei der Revision der Verfassung im Jahre 1848 betheiligt war. Seit 1876 lebte er bei seinem Sohne zurückgezogen hier in Zürich, wo er am 12. Mai im Alter von 82 Jahren, umringt von Kindern und Enkeln, sanft verschied. Trotz seines hohen Alters war er bis an sein Lebensende rüstig und munter, interessirte sich für alle öffentlichen Angelegenheiten, und fehlte selten im Gotteshause. Er war ein ehrenwerther Charakter, rechtschaffen und gerade; jede Heuchelei, die religiöse, wie die politische, war ihm fern. — Man schreibt uns aus B.-Topolya: Am 30. Mai Nachmittags Vl-y Uhr fuhr der Blitz in die hiesige Synagoge und richtete im Innern große Verwüstungen an; er zertrümmerte den Plafond des Frauentempels und warf Candelaber nieder. Da vom Dachstuhl Staub- und Rauchwolken emporstiegen, glaubte man, eine Feuersbrunst sei entstanden, weshalb auch die Glocken geläutet wurden und die freiwillige Feuerwehr ausrückte. Erwähnenswerth ist, daß eine Viertelstunde vor der Katastrophe noch viele Gläubige beim Gottesdienste weilten, dieselben hatten sich glücklicherweise, einige Minuten bevor der Blitz niederfuhr, entfernt. Bonn, 29. Mai. (Literarische Notizen.) In Paris erscheint nächstens mit Unterstützung der Alliance und der Gesellschaft clos Etudes Juives von Herrn Perrot eine Monographie über den Tempel Salomouis mit Illustrationen i im Text und außerhalb desselben zum Theit eolorirt. Es! wird eine gewöhnliche Ausgabe, das Exemplar zu 50 Frcs.,! und eine Prachtausgabe zu 100 Frcs. veranstaltet. Perrot, ' wie es in einer Empfehlung seitens des Vereins der Etudes | Juives heißt, hat versucht, den Tempel von Jerusalem nach don biblischen Beschreibungen zu restauriren. Wenn es weiter heißt: „Es ist dies das erste Mal, daß ein solcher Versuch! mit einer ebenso großen Competenz des Stoffes und einer ifo hohen wissenschaftlichen Vorbereitung gemacht worden ist". — so kennt wohl der Abfasser dieser Empfehlung das längst anerkannte treffliche Werk von A. L. Hirt nicht: „Der Tempel Salomonis mit drei Kupfern", das schon 1803 in Berlin 4° erschienen ist und sich in Deutschland einer all-! gemeinen Autorität erfreut.