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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-13 · Heft 24 (13.6.1889) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 24 (13.6.1889)
Date
1889-06-13
Page
Seite 376 (sequence 12)
Language
German
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376 solche großen Männer beneiden. Daß sich unter diesem An-! tisemitismus nur ein rohes Demagogenthum verbirgt, brauchen wir wohl kaum noch zu bemerken. Auch die freikonservative „Post" will von dem Antisemitentage nichts wissen, obschon sie gerade früher den Antisemitismus genährt hat. Da die „Kreuzzeitung" sich heftig gegen den Artikel der „Kons. Korr." äußert, unterläßt es die „Norddeutsche Allgemeine" nicht, jene der Dunkelheit ihrer Sätze anzuklagen und zu behaupten, daß die Kreuzzeitnng „auch in dieser Angelegenheit die Anschauungen der konservativen Parteien nicht vertritt." Dies sind allerdings ituv zweifelhafte Bundesgenossen, welche den antisemitischen Kundgebungen kein wirkliches Hindernis; setzen und sie schließlich dahin nehmen. Ein Beweis hierfür liegt in dem jüngsten Vorgang zu Witten. Der bekannte Judenhetzer Dr. König hatte auf den 1. Juni eine Antisemitenversammlung ausgeschrieben. Die Versammlung wurde polizeilich verboten, aber der Regierungspräsident hob dieses Verbot wieder auf. Das Gesetz verbietet jede „Anreizung zum Klassenhaß". Es scheint aber, daß viele Leute in der Judenhetze keine solche Aufreizung zum Klassenhaß sehen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 29. Mai. (Privatmitth.) In der heute abgehaltenen General-Versammlung der österreichisch-nngarischen Staatsbahn richtete vr. Frischauer an das Präsidium die Anfrage, ob es von der Betheiligung eines einzelnen Theiles der Beamtenschaft an den autisernitischen Umtrieben in Wien; Kenntnis; habe und ob es entschlossen sei, kategorischerweise ähnlich wie das Präsidium der Staatsbahnen derartige Umtriebe nicht zu dulden und diejenigen Beamten, die sich pro-! nonzirt daran betheiligen, durch Versetzung oder Pensionirung, unschädlich zu machen.! Der Vorsitzende erwidert: Der Verwaltuugsrath hatte! bis jetzt keine Kenntniß von derlei Agitationen erhalten; er! werde die Sache untersuchen und mit aller Energie die Agi-! tatioueu, welche dem XIX. Jahrhundert zur Schmach ge-! reichen, ein Ziel setzen. (Beifall.) Der Aktionär Gemeinderath Huber, ein bekannter An- 1 üsemit, tritt für die Unabhängigkeit des Beamtenstandes ein, wird jedoch vom Vorsitzenden unterbrochen, der mit Zustimmung der Versammlung die Debatte über diesen Gegenstand für geschlossen erklärt. Wien, 2. Juni. (Privatmitth.) Die Rede, welche der Erzherzog Rainer als Protektor der Akademie der Wissenschaften an diese gehalten und in welcher er für die Aufklärung und ben Fortschritt und gegen alle reaktionären Bestrebungen eintrat, wird von allen Liberalen als von großer Bedeutung angesehen. Sämmrliche hiesige liberale; Blätter sprechen dies freudig aus und setzen mit Bestimmtheit voraus, daß der Erzherzog mit Wissen und Zustimmung des Kaisers in dieser Art gesprochen habe. Zur Bestätigung dessen dient auch der Beschluß des Wiener Gemeinderathes, dem Erzherzoge durch den Bürgermeister zu bekunden, welche freudige Stimmung die Rede des Erzherzogs in der Wiener Bevölkerung hervorgebracht habe. Dieser Beschluß wurde mit allen gegen einige klerikal-antisemitische Stimmen gefaßt. Die meisten Antisemiten fehlten gänzlich und gaben dadurch zu erkennen, wes Schlages sie sind, wenn man hierüber noch gezweifelt hätte. Jedenfalls ist der Schritt des Erzherzogs sehr zu beachten, da derselbe sich seit mehr als zehn Jahren vom politischen Leben gänzlich zurückgezogen hatte. Er ist in Oesterreich als von liberaler Gesinnung beseelt bekannt und war der erste Premierminister, als Oesterreich ein konstitutioneller Staat wurde, trat aber vor den zur Reaktion geneigten Ministerien zurück. Daß er den Augenblick für gekommen erachtete, seine Stimme gegen die sich immer mehr! vordrängende Reaktion zu erheben, deutet ebenso sehr auf! die Gefahr, in welcher der Kaiserstaat schwebt, als auch daj rauf hin, daß der Widerstand deS Liberalismus einige Ans-! sicht hat, seine Gegner in Schranken zu halten.! Pest, den 29. Mai. Wie aus Preßburg dem „P. Naplo" telegraphirt wird, ist der Akrobatenknabe Wilhelm Scholz, dessen Verschwinden aus Preßburg in Verbindung mit Gerüchten von einem „rituellen Mord" gemeldet wurde, — glücklich aufgefunden worden. Freilich war dazu erst ein vollständiges Kurrentirungsverfahren nöthig, welches die Preßburger Polizei eingeleitet hat, um solchen böswilligen Gerüchten Einhalt zu thun. Der Erfolg blieb nicht aus. Der Bürgermeister von Groß-Petersdorf bei Troppau, Herr Ferdinand Richter, hat amtlich angezeigt, daß der gesuchte Akrobatenknabe Wilhelm Scholz mit seinem Vormund, dem Wander-Athleten Josef Schoebel, in Groß-Petersdorf eingetroffen ist und dort in blühendster Gesundheit Purzelbäume schlägt. Miskolc;, 26. Mai. Dem „P. Lloyd" wird von hier geschrieben: Seit Jahr und Tag bilden die vom Kultus- und Unterrichts-Ministerium zur Begutachtung hieher zurückgesöndeten, zahllosen Eingaben, Petitionen und Beschwerden! der hiesigen Sefard-Gemeinde ein ständiges Objekt der Be-! rathungen der Berwaltungs-Ausschüffe von Komitat und > Stadt; und diese Körperschaften haben es schon bis zum! Ueberdrnß satt, die unberechtigten Prätensionen und Wünsche! dieses verschwindend kleinen Häufleins von Malkontenten zum Gegenstände ernster Erörterungen zu machen. Eben dieser Tage lag dem Berwaltungs - Ausschüsse der Stadt wieder einmal ein ähnliches Gesuch jener Betgenoffenschaft vor, das der Minister behufs Begutachtung hieher übermittelt hatte. Es wird das Ministerium um Gewährung des Ma-

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