Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1889)
- Date
- 1889-06-13
- Page
- Seite 375 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227796--46273-3265827- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
375 zinslich angelegt wurden. Mag die blühende Anstalt auch fernerhin sich des thätigeu Wohlwollens im Publicum zu erfreuen haben, welches sie in vollstem Maße verdient. Aus Baden, 27. Mai. Die „Neckar-Zeitung schreibt: Dem ausführlichen Berichte eines Mitgliedes des Oberrathes der Israeliten entnehmen wir über die Verhältnisse derselben auf dem Lande nach unserer amtlichen Zeitung nachfolgende Mittheilungen vvn allgemeinerem Interesse. Von den 27000 israelitischen Einwohnern, welche nach der letzten Volkszählung unser Land besitzt, kommen 10000 allein auf die neun Städte Mannheim, Heidelberg, Bruchsal, Karlsruhe, Pforzheim, Rastatt, Offenburg, Freiburg und Konstanz. Ungefähr 2500 Familien, also ungefähr die Hälfte aller israelitischen Einwohner des Landes sind auf den früher allgemein verbreiteten Kleinhandel, insbesondere Biehhandel und die Produktenmäklerei angewiesen. Da diesem Zwischenhandel nun neuerdings unter eifriger Förderung der Regierung und Volksvertretung durch genossenschaftliche Einrichtungen iVorschußkassen, Darleihkassen, Zuchtviehgenossenschaften, Konsum- Vereine und dgl.) der Boden immer mehr entzogen wird, so wird die Lage der Israeliten auf dem Lande immer kritischer. In Folge dieser schwierigen Situation hatten sich unlängst auf Einladung des Oberrathes eine größere Anzahl mit den einschlägigen Verhältnissen wohlvertraute Vertreter ländlicher Bezirke zusammengefunden, um über Mittel und Wege zur Abhilfe zu berathschlagen. Unter den Berufszweigen, zu denen man die Israeliten auf dem platten Lande nach Möglichkeit überzuführen sich bestreben sollte, wurden in erster Linie Landwirthschaft und Handwerk genannt. Es wurden von der Versammlung folgende Beschlüsse gefaßt: 1) Es soll unter Zuziehung geeigneter Persönlichkeiten eine Enquete über die Lage der israelitischen Bevölkerung auf dem platten Lande Badens veranstaltet werden, namentlich hinsichtlich der tungen über diese Versammlung in Streit gerathen sind. Es zeigt sich dabei wiederum ein Zwiespalt in der konservativen Partei. Die „Kreuzzeitung" steht allein für den Antisemitentag ein. Die „Konservative Korrespondenz" dagegen bringt, inspirirt vom Parteiausschuß, eine Kundgebung gegen den deutschen Antisemitentag, in dem es heißt: Dr. König-Witten erläßt im Aufträge der rheinischwestphälischen Reformvereine nachstehenden Aufruf zur Abhaltung eines deutschen Antisemitentages: „Alle Deutschen, welche von dem Vorhandensein und der Lösungsbedürftigkeit der Judenfrage überzeugt sind, gleichviel welcher Konfession oder politischen Partei sie auch angehören mögen, werden hierdurch dringend zu dem deutschen Antisemitentag in Bochum auf Pfingstmontag und Pfingstdienstag eingeladen." Dieser Ausruf findet sich u. A. in der „Neuen Preußischen Zeitung" („Kreuzztg.") vom 25. Mai d. I. abgedruckt. Wir sind hiernach wohl zu der Annahme berechtigt, daß zu Denen, welche, gleichviel welcher politischen Partei sie angehören, zur Theilnähme an dem deutschen Antisemitentag eingeladen werden, auch die Konservativen gerechnet werden. Damit jedoch unsere Gesinnungsgenossen sich selbst darüber ein Uriheil bilden können, wie sich die deutschen Reformer bezw. Antisemiten zur konservativen Partei stellen, theilen wir nachstehende Stelle aus der „Deutschen Wacht", Organ der deutschen Reformpartei, mit. Es folgt nun ein Auszug aus einem Artikel, in welchem gesagt wird, daß die Konservativen durchaus kein Verständnis; für eine soziale Reformpartei haben, daß es ihnen auch an der erforderlichen Unabhängigkeit und am ernsten Willen dazu fehlt. Dann fährt die „Kons. Korr." fort: Wir brauchen unsere Leser wohl nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Urtheil über die gesammte konservative Partei gefällt wird. Nicht einmal die „Kreuzztg.", Möglichkeit der Ueberleitung eines Theiles derselben zum landwirthschaftlichen Berufe. 2) Zum Zwecke einer Förderung des Handwerks und der technischen Berussarten unter den Israeliten Badens wird die Gründung eines allgemeinen Landesvereins für dringend nöthig erklärt. Zur Vorbereitung desselben sollen sich zu Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg Districtscomites bilden, welche mit dem Vorstande des zu gleichem Zwecke in Freiburg bestehenden Vereins in weitere Verhandlungen eintreten werden. Aus Westfalen, 2. Juni. (Privatmitth.) Man ist hier selbstverständlich auf den zum 9. Juni ausgeschriebenen „deutschen Antisemitentag" zu Bochum sehr gespannt, nicht daß man ihn und seine Folgen sehr fürchte, wohl aber daß er die allgemeine Stimmung wieder gegen uns aufrege. Etwas Thatsächliches liegt dem nicht zu Grunde: dies hindert aber die antisemitischen Hetzer nicht, die frechsten Behauptungen aufzustellen. Interessant ist, wie Berliner Zei-! welche obigen Aufruf des Dr. König-Witten abdruckt, sich! auch sonst nicht unfreundlich gegen die „Deutsche Reform-! Partei" gezeigt hat, wird hier ausgenommen. Wir können j endlich noch hinzufügen, daß diese Stelle nur eine einzelne! Probe von den Schimpfereien giebt, welche jede Nummer des! eben erwähnten Organs der „Deutschen Reformpartei" in! gleicher Fülle enthält. Unter Zugrundelegung von maßlosen! Unwahrheiten und Erfindungen werden die „Cohn — serva-! tiven" — so wird die Partei stets genannt — des Zusam- | menwirkens mit allen dem Judenthum zur Last gelegten j Schlechtigkeiten beschuldigt. Der Redakteur der Zeitung, ein! gewisser Zimmermann aus Dresden, wird in dem erwähnten! Aufruf des Dr. König-Witten ausdrücklich als hervorragender Antisemit bezeichnet; derselbe ist Deutschkatholik und will mit der Philosophie von Schopenhauer — man weiß nicht genau — ob die Juden oder die konservativen Elemente im Staate ausrotten. Die „Deutsche Resormpartei" konnte man um 24