Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1889)
- Date
- 1889-06-13
- Page
- Seite 373 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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i 373 ihre Kreuz- und Quer-Touren machen und dann entweder still und leise oder mit Geprassel verduften, so machen hier Meister und Gesellen ihre gewagten Lustsprünge um die Wette, erregen damit nicht nur bei Andersgesinnten Anstoß, sondern stoßen sich anch selbst einander an den Kopf und — nun, wann sie verduften, das weiß der liebe Himmel allein. Der Meister ist von geistlicher und weltlicher Obrigkeit verpflichtet worden, bei Vermeidung der Amtsentsetzung nicht weiter politisch zu agitiren (alias hetzen), er hält denn unpolitisch sein sollende, jedoch gegenteilig schillernde Reden in Missions- und christlich-socialen Versammlungen und bei sonstigen Gelegenheiten, schlägt also jenen sozusagen ein Schnippchen, so lange bis ihm anch dafür Schweigen anfertegt und er wieder und zum letzten Male vor die Alternative gestellt wird, entweder dem geistlichen Amte zu entsagen oder auf die weltliche Hetzthätigkeit — weil beides mit einander unvereinbar — zu verzichten. Und die Trabanten verhandeln inzwischen unter sich die Doctorfrage, ob es besser sei oder nicht, daß der 'treue Hirt der Heerde genommen, wobei die Einen — man höre! — dies unbedingt bejahen, weit er diese durch seine Extravaganzen mehr in Verwirrung gebracht, als auf die rechten (!) Wege geleitet, die Anderen es ebenso entschieden verneinen und in bittere Klagen ob der des Vaters beraubten Kinder ausbrechen, tien als Fürsorger und Führer wieder zu erlangen, das unausgesetzte Streben dieser bleiben mußte. Fürerst geht's, tuie; gesagt, Letzteren ziemlich nach Wunsch, doch nur — bis ctufj Weiteres — und was dann? Dann behalten eben die Ersteren Recht, und man muß ohne den Meister weiter fort zu wühlen verstehen, wozu ihnen aber, nach allgemeiner Erfahrung bei Epigonen, wohl der Wille nicht, aber das Genie und der Esprit desto mehr entrathen dürsten. Gewiß eine tragikomische Situation! Doch sie kann (und wird am Ende) auch noch ganz tragisch werden. Denn wenn „der Krug nur so lange zu Wasser geht, bis der Henkel bricht," so kommt wohl auch hier endlich die Zeit heran, da den höheren Mächten ebenso der Geduldfaden reißt, als die niedrigeren Regionen schon längst dem Unfug mit Widerwillen zugeschaut, und ein neptunisches „Quos ego!“ von Oben her jenem voll und ganz den Garaus macht. „Was geschehen ist, das geschieht wieder," sagt der Prediger, und wenn wir auch nicht mehr in Zeiten und Zuständen leben wie Esther und Mardechai, den Umständen nach modificirt, wird sich das Berhängniß doch wohl schließlich vollziehen. Im benachbarten Kaiserstaat beginnt allem Anscheine nach die Nemesis bereits ihr zuchtmeisterliches Werk: diejenigen in die Grube fallen zu lassen, die sie gegraben. In dem vormals so gemüthlichen und anmuthigen Wien, das die Schönerer, Türk, Vergani (ersterer freilich durch die erlittene schwere Kerkerhaft etwas kalt gestellt) und Consorten in ein offenes Heerlager, wenn nicht noch Schlimmeres, umzuwandeln trachten, wo wie in der Ritterzeit nur die Faust und das Recht des Stärkeren gelten, der Schwächere mit Gewalt niedergetreten werden soll, in dieser lebenslustigen Kaiserstadt wird es den (in- und ausländischen) Fremden so unbehaglich, daß sie von ihnen ebenso sehr gemieden als noch vor wenigen Jahren gesucht wird, und wer wüßte nicht, daß das bei einer großen Stadt, einer Residenz, so viel heißt, als ihr die Lebensader unterbinden, in ihr Geschäftigkeit, Nahrung, Vergnügen und Lebensfreude lahm legen? Und zu dieser dauernden Kalamität kommen noch zeitweilige hinzu, indem Märkte, die fast Messen anderer Orte gleichen, wie Vieh- und Saaten-Markt, durch das Sinken der sich für gefährdet haltenden Besucher ausfallen oder sehr schwach be-! treten sein werden, und so dies einige Jahre fvrtdauerte, nach anderen Plätzen sich verlegen müßten. Unwillkürlich fallen Einem bei Betrachtung solcher heftigen Congestionen die Orakel der Propheten über Jerusalem zur Zeit seines Niederganges, speciell Jesaia I., ein, und denkt man au den gänzlichen Verfall der beiden zuvor hochmächtigen Staaten auf der pyrenäischen Halbinsel seit ihrer fanatischen Verfolgung und Vertreibung von Juden und Arabern. In einem Reiche wie der unter dem habsburgischen Seepter zusammengekittete Föderativstaat, worin ohnehin der erbitterte Antagonismus der darin zusaminengeschmolzenen, mannigfachen Nationen und Natiönchen, welche sich heute nicht mehr wie vordem nach dem Metternich'schen Recept: „divicle et impera“ regieren lassen, die Einigkeit und Integrität schwerbedroht, da sollte doch der Patriotismus es jedem nicht ganz verrotteten Staatsbürger zur unverbrüchlichen Obliegenheit machen, jeglichen weiteren Zwiespalt im Volke sorgfältig zu verhüten und zu beseitigen, nicht aber solchen künstlich und! geflissentlich zu erzeugen und zu verstärken. Sollte jedoch dies edelste Gefühl sammt dem Selbsterhaltungstriebe und gesunden Menschenverstand in den österreichischen Völkern nicht mehr stark genug sein, um jenen „nagenden Beinfraß"! aus dem eigenen Körper abzustoßen, nun, so wird die Regierung, der doch der ungetheilte Fortbestand der Monarchie; der unverrückbare Zielpunkt all' ihrer Staatskunst sein und bleiben muß, sich endlich aufraffen müssen, um — des ungleich größer gewordenen Unwesens halber — noch weit energischer und nachdrücklicher, als es bei uns geschehen, demselben ein Ende zu machen und das Grundgesetz der Gleichberechtigung aller Confessionen, das auch dort in der Verfassung sanctionirt ist, nicht mehr bloß auf dem Papier stehen, sondern zur effectiven Thatsache werden zu lassen. Und wenn nicht früher, wird alsdann auch in unserem Staate und Reiche ein solch' endgiltig entscheidendes Verbiet gefallt und mit vollstem Ernst durchgeführt werden. — Müssen wir daher auch der Entwickelnng der kommenden Dinge geduldig 24