Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1889)
- Date
- 1889-06-13
- Page
- Seite 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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368 sollen wir für Fragen stellen, die Jungen wissen ja viel mehr als wir selbst." Wir waren nämlich einfach sprachlos vor Ueberraschung: da saßen die oft kränklich aussehenden, schlecht genährten Knaben und rechneten mit gemeinen und Deeimalbrüchen wie deutsche Secundaner, sie beschrieben aus dem Gedächtniß die Geographie Afrikas oder Italiens, das Flußgebiet des Nils oder der Donau besser, als es ein deutscher Gymnasial- Abiturient zu thun im Stande wäre, sie rasselten die Naulen der Scherife oder der Chalisen mit ihren Ummejaden, Almohaden und Almoraviden herunter, daß es eine Freude war. Dabei muß man nie vergessen, daß diese Schulen durchaus keine Gymnasien sind, sondern ganz niedere Elementarschulen. und daß weit über die Hälfte der Schüler keinen Deut Schulgeld zahlt, sondern aus reinem Eifer und Ehrgeiz sich diese Kenntnisse erwirbt. Allerdings besteht ein großer Theil ihres Wissens in auswendig gelernten Redensarten, Daten, Formeln u. s. w., und wohl nicht immer werden die Schüler das Eingetrichterte verstehen, aber sie lernen doch ihr Gedächtniß stärken, und wenn sie später im Leben plötzlich einmal in die Lage kommen, sich bei irgend einem Gegenstände oder einer Gelegenheit des Auswendiggelernten wieder zu erinnern, so sind sie auch im Stande, das Erlernte praktisch zu verwerthen. Sie lernen dann schon denken und abstrahiren. Waren wir nun schon in der Knabenschule überrascht, so kannte unser Staunen in der Mädchenschule, wo wir von einer äußerst intelligenten und gewandten Dame, Fräulein Behar, empfangen wurden, keine Grenzen mehr. Da drängte sich ein kleines Mädchen vor, das mit der Nase nicht bis zur Höhe des Pultes reichte, und ruhte nicht eher, bis es auf die Bank gestellt wurde, um uns eine Lafoutaine'sche Fabel vorzutragen, was sie unter allerhand angelernten Bewegungen mit höchst komischem Ernste that. Wie erröthete das Kind vor Stolz und Freude, als wir ihm lauten Beifall spendeten! In den höheren Klassen saß der hübsche Backfisch neben der noch hübscheren erblühenden Jungfrau, auch sie zeigten uns ohne Verlegenheit ihre Hefte, wir lobten die Damen mit guten Censuren und machten ganz bedenkliche Gesichter, wenn wir einmal ein „mittelmäßig" entdeckten; nur ließen sie :i/4 mit 5/s im Kopf multipliciren; ich ersuchte dieselben, mir Cochinchina, Cambodja und Annam auf die Tafel zu malen — Alles stimmte! Als aber Fräulein Behar ihren Schülerinnen eine Blume nach allen Regeln der Botanik zerlegen und erklären ließ; als uns hier in Tetuan eines jüdischen Bettlers hübsches Töchterlein in ganz gutem Französisch auseinandersetzte, daß wir Sterbliche Sauerstoff ein- und Kohlensäure ausathmen, und daß die Bäume diese Kohlensäure zu Kohlenstoff und Chlorozyll verarbeiten, um dafür Ozon auszuströmen, und als gar die Vorsteherin fragte: „Mesdemoiselles! Welche Rolle spielen die Zähne, der Speichel! und der Magen bei der Verdauung?" Da riefen wir wie aus einem Munde: „Por la gracia de dios, hören Sie auf! Wir kommen uns ja so furchtbar ungebildet vor!" — Nachdem wir den Leitern der Schule unseren Dank ausgesprochen und sie zu ihren Erfolgen beglückwünscht hatten, theitten dieselben uns manch Wissenswerthes aus ihren Erfahrungen mit. Vor Allem ist es die Trägheit, Gleichgültig-; keit, aber auch das Mißtrauen und der böse Wille der Eltern der Schüler, gegen welche die Vertreter der Allianz zu kämpfen haben. Die Kinder sind fleißig und eifrig genug, aber die Alten wollen den Nutzen der Schule nicht immer einsehen. Und dennoch erfüllen zumal die Mädchenschulen eine außerordentlich hohe und edle Kulturaufgabe. Das jüdische Mädchen in Marokko wurde bisher gerade so, oder vielmehr ebenso wenig erzogen wie die Mohammedanerin. Es lernte einfach gar nichts, höchstens etwas hebräisch bezw. arabisch lesen, kaum verstehen; es wuchs in Armuth und Unwissenheit auf, lernte vielleicht etwas Kochen und Nähen, wurde mit 12 Jahren an einen ihr ganz fremden Menschen verheirathet und vegetirte dann, mehr Sklavin als Gattin ihres Mannes, in der Geistesnacht und dumpfen Luft der Mellah weiter bis zu ihrem Tode. In diese Zustände hat die Allianz eine Bresche gelegt. Durch die Schulen können die marokkanischen Jüdinnen heute in wenigen Jahren eine Elementarbildung sich erwerben, welche sie hoch über ihre ungebildeten Genossinnen erhebt und welche sie befähigt, ihrem Gatten eine wirkliche Lebensgefährtin und ihren Kindern dereinst nicht nur Mutter, sondern auch Erzieherin zu sein." Der günstige Einfluß der Schulen auf den männlichen Theil der marokkanischen Juden ist ebenso naheliegend, dennoch kommt derselbe dem Lande selbst nur in sehr geringem Grade zu Gute. Die meisten der auf den Schulen der Allianz Erzogenen ziehen es vor, auszuwandern; hauptsächlich wenden sie sich nach Venezuela oder nach anderen Staaten des spanischen Amerika — froh, Marokkos Staub von den! Füßen schütteln und sich. Dank ihrer Schulbildung, in der j neuen Welt eine eigene menschenwürdige Existenz gründen zu können. Neben den Elementarschulen bestehen nämlich auch noch an mehreren Orten Handwerker- und Ackerbauschulen für Knaben, sowie Handarbeitsschulen für Mädchen, auf welchen bei beiden Geschlechtern Liebe und Lust zum Handwerk und zur Arbeit überhaupt geweckt und denselben Mittel und Wege gewiesen werden, ihre Lage durch ihrer Hände Arbeit zu verbessern oder sich selbstständig ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Die Knaben werden zu Schuhmachern, Schneidern, Tischlern, Goldarbeitern, kurz zu Handwerkern jeder Art ausgebildet, während die Mädchen durch das Erlernen von Hand-