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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-13 · Heft 24 (13.6.1889) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 24 (13.6.1889)
Date
1889-06-13
Page
Seite 367 (sequence 3)
Language
German
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367 einfacher Verstandesbegriff geblieben wäre. Vielmehr wurde er in ihm zum vollen Leben mit wärmster Innerlichkeit. Diese Einheit Gottes erschien dem israelitischen Geiste Alles wirkend und leitend, was in der Natur geschieht als Wille und Werk Gottes, und was in den Geschicken des Menschen — außer dem, was der Mensch selbst in der Freiheit seines Willens thut — geschieht als Fügung Gottes. Man lese z. B. den prächtigen 29. Psalm, wo jeder Donnerhall und jeder Blitzschlag als unmittelbares Thun Gottes gefeiert wird: „Der Gott der Ehren donnert über gewaltigen Wassern, des Ewigen Stimme zerschmettert Cedern, sprüht Feuerflammen, macht beben die Wüste, macht Hindinnen kreisen und entblättert Wälder." Und wiederum (Hiob 38, 41): „Wer schafft dem Raben seine Aetzung, wenn seine Jungen zu Gott schreien, flattern ohne Speise?" Ist es doch Gott, „der Nahrung giebt allem Lebenden zu seiner Zeit." In gleicher Weise waltet dem Israeliten dieser Gott in Allem, was ihm auf seinem Lebenswege widerfährt. Von diesem Gotte, „dessen Liebe ewig währt, dessen Barmherzigkeit sich jeden Morgen erneuert" geht alles Gute aus, und Alles, was von ihm ausgeht, ist gut, denn auch die Züchtigung, die er über den Menschen kommen läßt, bezweckt dessen Bestes, denn „Heil dem Manne, den Gott züchtigt!" Diese Vorstellungen bildeten sich im talmudisch-rabbinischen Judenthume noch mehr aus, und so wurde z. B. verordnet, daß der Jude einen Dankesspruch vor jedem Genüsse, ja bei jedem besonderen Anblick ausspreche, wie: „Gepriesen seift du, Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, der das Brod aus der Erde sprießen läßt", oder: „der die Frucht des Weinstockes schafft" oder bei dem Anblick des Meeres, der ersten Blüthen des Frühlings, beim Anhören einer guten, aber auch schlimmen Nachricht. So wurde es zu einer, die jüdische Volksseele völlig beherrschenden Anschauung, daß Alles, was Gott fügt, zum Besten gereiche: „Auch dies ist zum Guten!" Dies ist die Tradition des Judenthums, die durch alle Jahrhunderte den Geist seiner Bekenner erfüllte, ohne in eine weichliche Sentimentalität oder Verachtung des Erdenlebens zu gerathen und ohne zu einer Zersetzung des Gottesbegriffes zu entarten, wie es in anderen Religionen geschehen. Berlin, im Juni. „Besuch einiger Schulen der Alliance Israelite Universelle in Marokko und Kleinaften." Bon M. Joest. Die Alliance univ. isr. veröffentlicht öfters Berichte über ihre Schulen, wenn in Gegenwart competenter Persönlichkeiten Prüfungen mit den Schülern vorgenommen worden. Man könnte diese Berichte für einseitig ansehen, und es ist daher von Wichtigkeit, einen völlig unparteiischen Mann sein Urtheil über die in den Schulen der Alliance erlangten Erfolge und über die Bestrebungen der Alliance überhaupt abgeben zu sehen. Unter der obigen Aufschrift hat nun Herr M. Joest in Berlin im Junihefte der Zeitschrift „Nord und Süd" eine ausführliche Schilderung gegeben, welcher wir — gewiß zur Befriedigung unserer Leser, einige Stellen entnehmen. Als einen unparteiischen Schriftsteller bezeugt sich aber der Berf. in der ganzen Abhandlung, da er mit seinen Ansichten nach keiner Seite hin zurückhält und sie bisweilen in sehr scharfer Tonart ausdrückt. Herr Joest skizzirt seine Reise zunächst von Spanien nach den marokkanischen Städten Tanger und Tetuan. Er beschreibt die letzteren, schildert die Verhältnisse in dem barbarischen Reiche, welches er für eine Schande für die civilisirte Welt erklärt, sowie die traurige Lage der Juden in Marokko. Wir übergehen dies, da es nicht viel Neues bietet. In Tetuan besucht er die Schulen der Alliance und berichtet darüber: „In Begleitung des spanischen Bieeeonsuls und des Militär-Attaches begeben wir uns nach der, natürlich in der „Mellah" gelegenen Schule. Da unser Besuch erwartet wurde, so empfing uns an der Schwelle des Gebäudes der Direktor, ein in Smyrna geborener, äußerst liebenswürdiger und gebildeter Herr, der, wie die sämmtlichen Direktoren und höheren Lehrer und Lehrerinnen der 47 Knaben- und Mädchenschulen der Allianz mit heute 5600 Schülern und 25OO Schülerinnen an 24 Plätzen von Nordafrika, sowie der asiatischen und europäischen Türkei seine Ausbildung in Paris, dem Sitz der Gesellschaft, genossen hatte. Die Zahl der Schüler betrug 320 männliche und 170 weibliche im Alter von vielleicht 7—10 Jahren, die sich auf je 6 Klassen vertheilten, bei einer Bevölkerung von 6000 Israeliten eine recht erfreuliche Anzahl. Die Lehrer enthalten sich aller und jeder religiösen Propaganda, darum lassen hier in Tetuan auch vielfach Christen, zumal Spanier, ihre Kinder die Schule der Allianz besuchen. Die Unterrichtsstunden dauern IO Monate im Jahre von 8 bis 12 Uhr. Die Unterrichtssprache ist in den untersten Klassen Spanisch, die Muttersprache der Sephardim; in den oberen ausschließlich Französisch. Der Direktor führte uns sofort in seine unterste Klasse, und die Jnspeetion begann. Die Schreibhefte wurden vorgelegt, Abschnitte aus den Lehrbüchern verlesen und erklärt; in den höheren Klassen wurden Rechenaufgaben an der Tafel gelöst, Hebräisch in Spanisch und Französisch oder umgekehrt übersetzt; Geographie, Geschichte, etwas Naturwissenschaft behandelt, und zum Schluß sagte der Direktor: „Wenn die Herren selbst prüfen wollen, so stellen Sie, bitte, jede beliebende Frage." Consul Graf Lach verlieh in seiner Antwort unserer Aller Eindruck die richtigen Worte: „Was 24*

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