Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1889)
- Date
- 1889-06-06
- Page
- Seite 362 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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362 Scharfblick, voll mildem und gerechtem Charakters, den er während seines langen Lebens in vielen, auch schwierigen Lagen bethätigt halte, stand er auch jetzt noch seinem Rabbinate vor, obgleich sich schon längst die Schüler und größtentheils auch die Zuhörer allmählich aus seinem Lehrsaale verloren hatten. Doch war er der Gegenstand dankbarer Verehrung und nicht blos innerhalb seiner Gemeinde und Glaubensgenossenschaft. Ich gebe hier wieder, was er mir mit den einfachsten Worten erzählte. Siehst Du, mein Sohn, begann er, die Menschen sind gerade während der Zeit, in welcher ich lebte, ganz anders geworden. Was ich aus früherer Zeit weiß, und was ich in meiner Jugend selbst durchlebte, beweist mir, daß in den früheren Zeiten die Verhältnisse einfach und dauernd gewesen, während sich jetzt fast in jedem Jahrzehend die menschlichen Dinge ganz anders gestalten. Ich mußte Dir dies bemerken, damit Du das, was ich Dir zu erzählen habe, richtig beurtheilst und die damaligen Menschen nicht für schlimmer hältst, als die gegenwärtigen, namentlich die Eltern, die ebenso liebevoll gegen ihre Kinder waren, aber dem Drange der Umstünde nachgeben mußten, was auch oft den Kindern zu größerem Nutzen gereichte, als die jetzige allzu große Zärtlichkeit. Nun, am Tage nach meiner Bar Mizwa rief mich mein Vater zu sich. Er war ein armer Handelsmann, der mit großer Anstrengung seine zahlreiche Familie in dürftiger Weise ernährte. Er sagte zu mir: Mein guter Jirmejah. du bist jetzt in dem Alter, um auf eigenen Füßen zu gehen und deinen Unterhalt zu erwerben. Deine Brüder werden dir nachwachsen und denselben Weg einschlagen und so werde ich von der großen Last erleichtert werden. Aber in unserem kleinen Neste weiß ich nicht, was du anfangen sollst, um Etwas zu erwerben. Du bist Gott sei Dank kräftig und gesund, gescheidt, hast Etwas Divre Thora gelernt und wirst dich in die Menschen zu schicken wissen. So wandere nach B. zu meinem Bruder in die große Stadt, da wirst du ein Fortkommen finden. Bei diesen Worten sah man ihm den Kampf an, den sie ihm kosteten. Daneben saß meine Mutter, und diese konnte den Strom ihrer Thränen nicht zurückhalten. Aber was half es? Es mußte so geschehen, und die Sitte hatte es ja geheiligt. Mit dem Tage der Bar Mizwa hatte der Knabe das Anrecht auf die Stelle im Vaterhause verloren, sage ich lieber in der Hütte der Eltern, denn bei den reichen Leuten war es anders. Am nächsten Morgen war ich zum Aufbruch bereit. Mein Vater drückte mir einen Thaler in die Hand, das war Alles, was er hatte aufbringen können. Meine Mutter reichte mir ein Bündelchen mit etwas Wäsche und Nahrungsmitteln. Beide legten ihre Hände auf mein Haupt und segneten mich. Und nun der Abschied. Mein Vater stammelte noch einige Lehren und Ermahnungen, meine Mutter konnte vor Schluchzen nicht reden. Ich riß mich von ihnen und von den Geschwistern los und eilte hinweg, denn das Herz wollte mir brechen. Ich lief spornstreichs zu meinem Vaterstädtchen hinaus, das ich erst nach vielen Jahren wieder betreten sollte, um die Gräber meiner Eltern zu besuchen . . . Später bemerkte ich, daß die jetzigen jungen Leute, wenn sie das Elternhaus verlassen, mit großer Freude in die Ferne eilen, wo sie viele Genüsse und die Erfüllung reicher Hoffnungen erwarten. Das war bei Unsereinem nicht der Fall. Sei es die große Jugend, sei es die Aussichtslosigkeit, die vor uns lag, sowie die Unbekanntschaft mit der Welt, eine schwere Bangigkeit erfüllte meine Seele, und alles Neue, was ich gewahrte, flößte mir Besorgniß, ja Furcht ein. Nur mit Zagen näherte ich mich einem Dorfe oder einer Stadt, und war froh, wenn ich unbeschädigt hindurch war. Ich fühlte mich so verlassen, alle Menschen, ja selbst die Thiere mir fremd, und nur das Eine stärkte mein junges Herz, der Gedanke an Gott, den Hüter aller Verlassenen, und ein frommer Psalmspruch, der mir innig über die Lippen ging. So armselig es in der Hütte meines Vaters herging, aßen wir doch immer nur das eigene, selbst verdiente Brod, und es kam mir schwer an, zu bitten und zu betteln. Ich hatte deshalb nach einigen Tagen meinen Thaler ausgegeben. Es war leicht gewesen, zu sagen: wandre nach B., es waren an dreißig Meilen bis dahin, und nicht selten verlor ich die gerade Richtung dahin und kam nur auf Umwegen weiter. Es half daher nichts, ich mußte menschenfreundliche Leute angehen, und da gerieth ich auf sehr verschiedene; bald nahm man mich mitleidig auf und versah mich gastlich, bald wies man mich hart fort und nannte mich Bettler und Strolch, der arbeiten sollte. Nach einigen Tagen des Manderns und der abwechselnden Unbillen des Wetters war mein Schuhwerk zerrissen und ich mußte mit Bindfaden die Sohlen festbinden. Ein wüthiger Hund in einem Dorfe hatte mir meinen Rock zerrissen. Als ich endlich in B. anlangte und auch die Wohnung meines Oheims gefunden hatte, mußte ich vor denselben abgerissen und verstaubt treten, daß man mich kaum in das Haus einlassen wollte. Als ich ihm Alles vorgetragen, sah er mich mitleidig an, sagte aber: Dein Vater irrte fick, mir geht es auch nicht gut, ich kann meine zahlreiche Familie — damit waren ja von jeher die armen Juden am meisten gesegnet — mit meiner Blechschmiederei und dem kleinen Blechkram nur schwer unterhalten. Doch sei mir willkommen, ich will sehen, was sich thun läßt. — Von derselben gütigen Gesinnung war seine Frau nicht; sie fügte sich nur ungern dem Willen ihres Mannes, mich für den Augenblick da zu behalten und warf mir verdrießlich das Stück Brod zu, das sie ihren Kindern entzogen glaubte. Wie schmerzlich mir dies war, kannst du dir denken. Doch ich mußte es ertragen. Nach zwei oder drei Tagen rief mich