Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1889)
- Date
- 1889-06-06
- Page
- Seite 363 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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363 mein Oheim an und sagte zu mir: Ich habe nachgedacht, was mit dir anzufangen sei, denn zurück kann ich dich doch nicht schicken. Da ist mir nun der Gedanke gekommen, ich habe eine Anzahl Blechgefäße stehen, mit diesen kannst du in der Stadt hausiren gehen, und wenn es dir gelingt, sie zu verkaufen, verdienst du dein Brod und ich fertige unterdeß andere an. Selbstverständlich war ich damit zufrieden, und am anderen Morgen machte ich mich auf den Weg, Brust und Rücken mit Blechgefäßen behängen. Schwer wurde es mir, mich in der unbekannten Stadt zurecht zu finden; aber es ging doch, und es gelang mir, Einiges von meinen Maaren an den Mann zu bringen. Nach und nach lernte ich auch die Stadtviertel unterscheiden, in welchen ich einigen Absatz fand und in welchen keinen. Die Quartiere der Reichen vermied ich fortan. Mit diesen kleinen Erfolgen war auch meine Tante zufrieden und wurde gemüthlicher. Die Kinder waren lieb und gut, und da ich ihnen gern möglichst viel zu gute that, begann ich mich im Hause meines Oheims heimisch zu fühlen. Was allein mich betrübte, war, daß der 1 Unterricht in der Thora, den ich früher erhalten, in mir das Verlangen rege hielt, darin weiter zu kommen und von der Speise der Lehre mehr zu erhalten; aber dazu bot sich mir jetzt keine Gelegenheit. Eines Tages ging ich meinem Geschäfte nach, als ich im Vorübergehen aus den Fenstern eines Hauses die wohlbekannten Laute eines talmudischen Lehrvortrages vernahm. Ich sah einige Leute hineingehen, und eine unwiderstehliche Lust, anzuhören, was da drinnen gelehrt wurde, trieb mich, hinter diesen Leuten in den inneren Raum zu schlüpfen. Die wenigen Blechwaaren, die ich bei mir hatte, suchte ich hinter meinem Rücken zu verbergen, und drückte mich bei dem Betreten des Saales bescheiden in einen Winkel. Doch der scharfe Blick des Rabbi, der auf einem erhöhten Platze saß und mit lauter Stimme seinen Vortrag hielt, dem die Zuhörer, junge und alte, gespannt lauschten und mit der üblichen schaukelnden Bewegung des Oberkörpers begleiteten, mußte mich bemerkt haben. Er sah, wie es mir schien, wiederholt während des Vortrages auf mich, viel davon verstand ich nicht, aber es schlugen doch die wohlbekannten Töne an mein Ohr und thaten meinem Herzen wohl. Es war mir, als ob ich wieder in die Heimath versetzt wäre und mich unter meinen lieben Bekannten bewegte. Die Fremde und die Schwermuth waren abgeschüttelt und ich fühlte mich unter demselben Himmel, der sich während meiner Kindheit und Knabenzeit über mir gewölbt. Vielleicht prägte sich dies in meinem Gesichte ans und zog den Blick des Rabbi auf sich. Der Vortrag war zu Ende, die Leute entfernten sich und der Rabbi hatte gezögert, da er sonst den Saal zuerst verließ. Ich hielt mich bis zuletzt. Da trat der Rabbi auf mich zu, fragte mich nach meinem Namen und meinen Umständen und legte mir auch einige Fragen aus dem eben beendeten Bortrage vor. Ich antwortete so gut wie ich konnte, viel Gescheidtes mag es nicht gewesen sein. Doch der Rabbi schien zufrieden, denn er klopfte mir die Wange und sagte: komm öfter her, mein Sohn, ich werde auf dich achten. Hiermit entließ er mich, und wer war seliger als ich. Das Herz schwoll mir, und obgleich ich aus dem Vorgänge nicht die geringste Hoffnung zu schöpfen hatte, empfand ich doch ein Gefühl der Befriedigung und der Erwartung, wie es mir lange her fremd gewesen. Es schien mir, als ob das Band mit meiner Vergangenheit, das gänzlich zerrissen schien, wieder angeknüpft sei, und dies ist, du wirst es später öfter empfinden, mein Sohn, von großem Werthe für den Menschen, der sich nicht gern aus bloßen Stückwerken zusammengesetzt fühlt. Die Juden im ungarischen Abgeordnetenhause. (Fortsetzung.) 5. Ludwig Krauß, der Sohn eines begüterten und in den ungarischen Adel erhobenen Mannes, wurde am 11. September 1844 in Pest geboren. Als Candidat der liberalen Partei wurde er 1884 in St. Endre und 1888 in dem durch die antisemitischen Wühlereien bekannten Duna - Szerdahely als Abgeordneter gewählt. Beide Male riefen seine von den Gegnern angefochtenen Wahlen weitläufige Untersuchungen hervor. 6. Ambrosius Remenyi, wurde als Abraham Neumann 1852 in Peczel, einem Dorfe in der Nähe Pest's, geboren. Nachdem er zu seiner Ausbildung sich mehrere Jahre im Ausland aufgehalten, kehrte er nach Pest zurück und wurde Mitarbeiter des „Pester Lloyd" sowie verschiedener französischer Journale. Er ist Verfasser mehrerer Schriften, wie „Rabelais und seine Zeit," „Das moderne Ungarn," welche auch im Auslande Anerkennung fanden. Nemenyi, welcher als Mitglied der Stadtrepräsentanz eine rege Thätigkeit zur Verbesserung des hauptstädtischen Armenwesens entfaltete, wurde 1884 und 1887 in Szilügyc als Reichstagsabgeordneter gewählt und gehört als solcher der Regierungspartei an. 7. Armin Neumann, geboren 1845 in Großwardein, ließ sich, nachdem er seine Studien in Wien und Pest absolvirt hatte, 1869 als Advokat in Stuhlweißenburg nieder. Im Jahre 1882 habilitirte er sich als Privatdocent au der Budapester Universität. Von der liberalen Partei als Candidat aufgestellt, wurde er 1887 mit großer Majorität in Bereczk gewählt. Seine im Reichstage gehaltenen Reden, voll Geist und dialectischer Schärfe, erregen allgemeine Aufmerksamkeit. (Schluß folgt.)