Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1889)
- Date
- 1889-06-06
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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360 trauern. Samuel Alatri hat am 20. l. M. seine irdische Laufbahn vollendet. Ach! wie weint das Herz beim Verluste eines solchen Mannes. Wer nicht Rom, dessen Bevölkerung und die Zustände unserer Gemeinde, und den Geist kennt, welcher seit ein paar Jahrzehnten unter den Israeliten Italiens herrscht, kann sich kaum vorstellen, welche geistige Größe und welche Thatkraft nöthig sind, um das zu Stande zu bringen, was Samuel Alatri für seine Gemeinde und für Italiens israelitische Bevölkerung geleistet hat. Den Grund zu solcher Wirksamkeit legte unstreitig die lautere Biederkeit eines Charakters, welche sich schon in den Jugendjahren des allgemein geehrten Mannes erkennbar machte. Die Folge einer solchen Anerkennung war, daß S. A. bereits im Jahre 1846 als Pio IX. den Wirkungskreis des römischen Municipiums erweiterte, in dasselbe berufen, mit der Regulirung der finanziellen Angelegenheiten der Stadt betraut wurde. In den Jahren 1848—49 gehörte er als Mitglied dem Municipium, und seit 1870 ununterbrochen dem engeren Rathe desselben für die Finanzen. Was dieses bedeutet, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Der Syndikus (Vorstand des Municipiums) sprach am Grabe buchstäblich folgende Worte: Was S. A. durch seine hohen Geistesgaben, durch seinen Fleiß und angestrengte Thätigkeit leistete, kann weder durch das Gift des Neides noch der Verleumdung angezweifelt werden, und genießt der allgemeinen Anerkennung aller politischen Parteien, ohne Unterschied der Religion. Er nannte ihn deshalb den Wohlthäter der Stadt Rom. In den Jahren 1870—71 sowie 1874—75 war S. A. Deputirter des 2. Wahlcollegiums der Stadt Rom, Provinzial-Rath, und in jedem dieser Wirkungskreise entwickelte er eine außergewöhnliche Thätigkeit und Energie. Seine gründlichen finanziellen Kenntnisse erwarben ihm sehr hohe Stellungen in der römischen und National-Bank, und den Vorsitz des Monte di Pieta (Pfandleihanstalt). Ungeachtet solch ausgezeichneter Verdienste war S. A. von bewundernswerther Bescheidenheit. Solche Verdienste konnten freilich nicht lange verborgen bleiben, und wurden sowohl vom Könige und dessen Regierung als auch von der ganzen Bevölkerung der Stadt, und weit über dieselbe hinaus, anerkannt. Der König ernannte ihn nach und nach zuerst Cavaliere della Corona d’Italia, hierauf zum Commendatore, und vor ein paar Jahren zum Grad Ufficiate della Corona d’Italia, und die Bevölkerung Rom's brachte ihm jederzeit Verehrung entgegen, wie sich dies bei jeder Neuwahl ins Municipium erwies, bei welchen S. A. auf seinen Namen alle Stimmen, sowohl die der liberalen als der sogenannten klerikalen, vereinigte. Und was war S. A. seiner Gemeinde? Alles. Bei allen obenerwähnten Stellungen, welche unstreitig die ganze Thätigkeit eines Mannes in Anspruch nehmen, schien S, A, j nur für seine Gemeinde zu leben, welcher die anerkannten Verdienste desselben sehr zu Statten kamen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert widmete er der Gemeinde unermüdet seine Dienste. Aber es bedurfte auch des felsenfesten Charakters und der stets ungeschwächten Verehrung und Anhänglichkeit an unsere Religion, um unter den hier zu Lande obwaltenden Umständen Bedeutendes zu leisten. Die Verhältnisse waren schon unter der päbstlichen Regierung ungemein schwierig, aber es darf nicht geleugnet werden, daß für den Gang und die Leitung der inner» Angelegenheiten der Gemeinde unter der Herrschaft der Prinzipien der Gewissensfreiheit, die Dinge noch viel schwieriger wurden. Die Erklärung der Gleichheit aller italienischen Bürger vor dem Gesetze traf S. A. an der Spitze der Gemeinde, als deren Vorsitzender während der Regierung Pio IX. und der französischen Occupatio» ihm vollauf zu thun schaffte. Aber nach der Bresche der Porta Pia, im Jahre 1870, schien die Auflösung der Gemeinde unwiderruflich, selbst S. A. hielt einen Augenblick alles für verloren. Allein, es dauerte nicht lange, da faßte S. A. in seinem festen Glauben an Gott und Israel neuen Muth, er sammelte die Gottlob noch nicht sehr seltenen edlen Elemente derselben, auch manche von anderen Gegenden Italiens mit der neuen Regierung Hierher gelangte gutgesinnte Männer, um sich, veranstaltete die Erwählung und Einsetzung einer constituirenden Verwaltung, eröffnete wieder die Talmud-Thora, ernannte eine Commission zur Abfassung eines Gemeinde-Statuts, welches von den stimmfähigen Gliedern der Gemeinde angenommen, der Bestätigung des Königs unterbreitet wurde. Obwohl der edle Mann bei allen Stellen der Regierung bereitwillige Zuvorkommenheit fand, bedurfte es, wegen der cigenthümlichen Lage der Dinge eine sehr lange, kostbare Zeit bevor das Statut Gesetzeskraft erhielt, und wie sehr wurde die Ausdauer, die Geduld und die Liebe für die Gemeinde auf die Probe gestellt, bevor man zum Ziele gelangen konnte, welches aber erst zum Ausgangspunkte eines neuen Stadiums dienen sollte, in welches die neu zu organisirende Gemeinde trat. Hierzu gesellte sich das Bedürfniß für die Herstellung eines der Würde der Hauptstadt und deren Gemeinde angemessenen Tempels. Neue Arbeiten und anstrengende Sorgen. Alles dieses war jedoch für unser» Glaubenshelden noch nicht genug; er nahm sich vor, das vor 25 Jahren in Padua geschlossene Collegium rabbinicum in Rom wieder zu eröffnen, und in Vereinigung mit dem Baron Giuseppe, Rabbiner Mortara, Michel Angola, Romanin-Jacur und andern edlen Männern Italiens, gelang es ihm nach vielen Mühen, auch diesen seinen sehnlichen Wunsch erfüllt zu sehen. — Wenn es den noch übrigen edlen Elementen der Gemeinde gelingt, die heiligen Zwecke der uralten Gemeinde gehörig zu erfüllen, l oder wenigstens deren Erfüllung anzubahnen, und das Colle-