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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-06 · Heft 23 (6.6.1889) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 23 (6.6.1889)
Date
1889-06-06
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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359 dieser Prozeß durchläuft, sind deshalb von allgemeinem Interesse. Deshalb müssen wir folgender Correspondenz der „Voss. Ztg." einen vollen Platz einräumen. Der Vorstand der Wiener Fruchtbörse hat im Verein mit dem hiesigen Comito des internationalen Saatenmarktes beschlossen, den siebzehnten internationalen Getreide- und Saatenmarkt am 26. und 27. August abhalten zu lassen. Bekanntlich hat der Vorstand der Fruchtbörse noch vor wenigen Wochen die Absicht bekundet, den Saatenmarkt für Heuer ausfallen zu lassen, weil in Folge der antisemitischen Bewegung massenhafte Absagen kamen und man auf ein vollständiges Fiasko gefaßt sein mußte. Die Abneigung gegen die Beschickung des Wiener Saatenmarktes hat in den betheiligten Kreisen auch noch nicht abgenommen, und die ungarischen Handelscorporationen beharren bei ihren ablehnenden ersten Entschließungen, aber der Vorstand der Fruchtbörse glaubt, sich dem Willen der Regierung unterordnen zu sollen. Aber mit einem Decret allein ist nichts gethan; die Frage j ist jetzt, ob jene zwei- bis dreitausend, die sich in bestimmtester Form gegen die Abhaltung des Marktes in Wien erklärt haben, gleichwohl erscheinen werden. Gewiß ist, daß sich die antisemitische Propaganda durch die Interessen der Handel- und Gewerbetreibenden, mit welchen der Beschluß des Vorstandes der Fruchtbörse motivirt ist, nicht abhalten lassen wird, ihre Ziele mit den verwerflichsten Mitteln weiter zu verfolgen, und darum entsteht die Frage, was besser gewesen wäre: Kein Saatenmarkt oder ein nicht beschickter Saatenmarkt? Im Wiener Gemeinderathe kann man die Beobachtung machen, daß ein Zurückweichen der Antisemiten unter keinen Umständen vorausgesetzt werden darf. Sie beobachten derzeit die Tactik, die Versammlung beschlußunfähig zu machen, wenn Gegenstände zur Abstimmung gelangen, die ihren Beifall nicht finden. Noch hat zwar die liberale Partei die Mehrheit, da die Herren aber sehr bequem sind und nicht in den Sitzungen erscheinen, so geschieht es, daß die Beschlußfähigkeit von den 30 Antisemiten abhängt. Wie offensiv die Antisemiten auftreten, zeigt auch die Thatsache, daß sie sich allesammt in jene Section einzeichnen ließen, welche die Gesuche um die Wiener Zuständigkeit zu prüfen haben. In dieser Section wollen sie nun gegen die Aufnahme von Juden in den Wiener Gemeindeverband wirken. Vorerst hat dies allerdings keinen practischen Erfolg, weil die Entscheidung beim Gemeinderathe liegt, immerhin werden die Antisemiten durch Opposition und Skandal befürwortende Anträge zu Hintertreiben, mindestens zu verschleppen suchen. In Folge des immer zahlreicheren Eindringens der „vereinigten christlichen" Elemente nehmen die Verhältnisse unseres kommunalen Lebens eine Gestalt an, die an der Spitze der Verwaltung einen Mann unentbehrlich macht, der Autorität und Thatkraft vereinigt. Unser derzeitiger Bürgermeister, der greife Uhl, besitzt diese in so erregten Zeitläuften unumgänglich nothwendigen Eigenschaften nicht; er beherrscht die Debatte nicht, imponirt den Schreiern in keiner Weise, duldet die Durchbrechung der Geschäfts- und Tagesordnung und ist nicht im Stande, den parlamentarischen Ton zu wahren. Uhl scheint denn auch selbst zu fühlen, daß er den überaus schwierigen Verhältnissen nicht gewachsen ist. Dazu kommt eine Schlappe, die sein Prestige auch außerhalb der Gemeindevertretung zerstört, indem seine provisorischen Abmachungen in der Frage der Einbezihung neuer Quellen in die Wasserleitung vom ganzen Gemeinderathe abgelehnt werden. Alle diese Verhältnisse mögen dazu beigetragen haben, den greisen Mann zu bestimmen, von seinem Amte noch vor Ablauf der gesetzlichen Functionsdauer (im März des kommenden Jahres) zurückzutreten, und zwar schon vor dem Herbst. Die Frage seiner Nachfolgerschaft wird große Aufregungen mit sich bringen, denn es wird nicht leicht, aus j der Majorität des derzeitigen Gemeinderathes einen Mann auszuwählen, welcher jene Eigenschaften besitzt, die Herrn Uhl ermangeln. Frankreich, Paris, 28. Mai. (Privatmitth.) Die Deputirtenkammer hat diesmal das Budget für das kommende Jahr im Sturmschritt votirt, da sie auf den Schluß der Session hineilt. So wurde denn auch der Cultusetat nach dem Vorschläge der Regierung kurzweg votirt. Bemerkenswerth war nur der Zwischenfall, daß der Bischof Freggel in einer ironisch gehaltenen Rede die Radicalen aufforderte, sie möchten doch bei den bevorstehenden Wahlen mit offen entfalteter Fahne vor das Land treten, daß sie nämlich den Cultusetat unterdrücken, die Kirchen ihres letzten Besitzes berauben und alle Spuren der Religion aus Frankreich und dem französischen Volke beseitigen wollten. Dies allein wäre ihrer würdig und das Volk würde darauf antworten. Auf diese einschneidende Rede erwiderte Clomenceau ziemlich zahm, die Radicalen hätten ihre Grundsätze stets offen bekannt, so daß sie das Volk darüber nicht im Dunkeln gelassen hätten. Jedenfalls wird dieses Moment bei den bevorstehenden Wahlen eine bedeutsame Rolle spielen. Republik und Radicalismus haben sich in den letzten Jahren zu sehr identificirt, als daß die erstere in dieser Vereinigung ihr Ansehen nicht vielfach geschwächt hätte. Italien. Rom, 24. Mai. (Privatmitth.) Noch sind nicht drei Monate verflossen, seitdem unsere Gemeinde einen ihrer höchstverdienten Männer durch das Hinscheiden des Commendatore Giacomo Alatri verlor, und wir haben nun wieder das Ableben ihres hochverehrten und würdigsten Vertreters zu be- 23*

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