Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1889)
- Date
- 1889-06-06
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Nachwort der Redaction. Wir können die obigen Auslassungen, einschließlich die Anmerkung, die so viel Wahres enthalten, nicht ohne einige Bemerkungen lassen. Den Artikel des Herrn Dr. Feuchtewang haben wir nicht gelesen und wissen deshalb von ihm nur, was oben mitgetheilt ist. Im Allgemeinen müssen wir sagen, daß Kritisiren und Tadeln leicht ist, während Tüchtiges leisten, Lücken ausfüllen, etwas Wesentliches zur Besserung dessen thun, was bedauerlich ist, mit großen Schwierigkeiten verbunden zu sein Pflegt. Was zunächst die Klage betrifft, daß die jüdische Literatur zwischen ihnen und der am 16. Mai in der „Jüd. Presse" erschienenen „Mahnung" von Dr. Feuchtewang. daß ich mich veranlaßt fühle noch einmal darauf zurückzukommen, aber ciuo quum facinnt idem, non est idem. Dr. F. wünscht gleich mir, ein allgemeines Interesse für die jüdische Literatur zu wecken, aber er geht zu scharf mit seinen Zeitgenossen ins Gericht, wenn er ihnen verargt, daß sie statt der hebräischen, andere Dichter lesen, und sich die Lieder des Mirza Schaffy und andere „Diamantausgaben" neugeborener Poeten für den Salontisch anschaffen. Er wirft ihnen Mangel an Selbstachtung, Würdigung des eigenen Werthes, die Ueberschätzung nichtjüdischen Schaffens und die Sucht des Nachäffens vor, und hält das für ein Zeichen des Niederganges und Verfalls des Judenthums. Darüber läßt sich streiten. Es ist allerdings sehr zu bedauern, daß das Interesse für hebräische Poesie keine regere ist, daß kein allgemeines Verlangen he-rscht, die Gedichte Gabirols und Jehuda Halevi's zu lesen, und daß in Deutschland überhaupt, das Buch der Bücher nicht gewürdigt wird, wie es dasselbe verdient — es würde sonst in keinem Hause eine Bibel fehlen —; es ist zu bedauern, daß bis jetzt noch keine Methode erfunden worden ist, nach welcher es schon unserer Jugend ermöglicht wird, neben den vielen Schularbeiten sich die hebräische Sprache so anzueignen, daß sie hebräische Gedichte mit derselben Leichtigkeit lesen können, wie die des Mirza Schaffy; es ist auch zu bedauern, daß auf den Gymnasien erst in den obersten und nicht schon in den untersten Klassen Hebräisch wie Griechisch und Lateinisch gelehrt wird, und daß nur wenige Glückliche sich die Sprache bis zu einer gewissen Vollkommenheit aneignen. Das sind Thatsachen, die nicht geleugnet werden können und die ein wirkliches Nebel sind, und es wäre wünschenswerth wenn Dr. F. ein Mittel fände, um demselben abzuhelfen. Er sagt nicht einmal, wo die Diamantausgabe der Hebr. Klassiker zu finden ist, damit diese statt anderer unsere Salontische zieren können und verargt es dem großen Publikum, daß es sich eine andere Lectüre verschafft, die seinem Geschmack entspricht. Doch schließlich schraubt er seme Ansprüche etwas herab und würde sich schon mit einer guten Uebersetzung begnügen, wenn sie nur da zu finden wäre, wo sie gefunden werden müßte, aber klagt weiter: daß in der Weltliteratur die hebräische Poesie nicht wahrhaft gewürdigt ist, und daß höchstens Süßkmd von Trimburg mit einem Wörtlein gedacht wird. Sollte diese Behauptung nicht auf einem Jrrthum beruhen? Wo bleibt z. B. Herders Geist der Hebräischen Poesie? und schon im Johannes Scherr, unter vielen anderen, wird die hebräische Literatur ebenso ausführlich besprochen, wie jede andere. Aber was hat Süßkind von Trimburg mit der hebr. Poesie zu thun? Er kommt mir hier wie Saul unter den Propheten vor. Wir sind stolz darauf, unter den Minnesängern auch einen Juden zu finden, aber sonst steht er doch ohne jeden Einfluß und jede Verbindung mit unserer Literatur, oder benutzt ihn der Verfasser als Uebergang zu den jüdischen Dichtern aller Länder und aller Zeiten, die in den verschiedenen Landessprachen geschrieben haben? Dann wäre seine Klage eine ungerechte, denn diese sind alle in jeder Literaturgeschichte an dem Platze zu finden, den sie sich durch ihre Bedeutung erworben haben. Wie die Sachen liegen, würde sich Herr Dr- F. jedenfalls ein großes Verdienst erwerben, wenn er eine deutsche Diamaniausgabe jüdischer Klassiker, mit den unerreichbaren Psalmen an der Spitze, gefolgt von der herrlichen Idylle Ruth, den Sprüchen der Väter, und so fort bis auf L. A. Frankl's Ahnenbilder, veranstalten würde, und ich bm gewiß, daß jeder Jude stolz darauf sein wird, seine eigenen Klassiker seinen Salontisch zieren zu sehen. M. Silberstein. der Weltliteratur ganz fremd sei, so ist dies im vollen Umfange nicht richtig. In allen größeren Bibliotheken befinden sich die Hauptwerke der jüdischen Literatur. Keine Literaturgeschichte höheren Ranges wird verfehlen, von der jüdischen Literatur Bericht zu geben, selbst in gedrängten Werken, wie z. B. Wachler's Literaturgeschichte, finden sich die desfallsigen Notizen reichlich. Die jüdische Poesie seit dem Abschluß der h. Schrift ist in die allgemeine Literatur durch das treffliche Werk von Franz Delitzsch „Zur Geschichte der jüdischen Poesie vom Abschluß der h. Schriften Alten Bundes bis auf die neueste Zeit" (Leipzig 1836) und durch die Schrift Leopold Dukes' „Zur Kenutniß der neuhebräischen religiösen Poesie" (Feankfurt a. M. 1842), so wie durch die ausgezeichneten Werke von Zunz über „die gottesdienstlichen Vorträge bei den Juden" und „die synagogale Poesie" eingeführt. Auch was Uebersetzungen betrifft, ist Vieles geleistet. Wir erinnern an die Uebersetzungen in französischer Sprache des Moreh von Munk, des Jerusalemitischen Talmud von Mo'ise Schwab, der fachgemäß geordneten talmudischen Texte von Rabbinowicz, in deutscher Sprache talmudischer Tractate, namentlich Berachoth, der ganzen Mischnah von Jost, des Midrasch Rabba von Wünsche, des Moreh von Scheyer und Stern, des Saadia von Fürst, des Albo von Schlesinger, l des Kusari von Caffel, der Schemone Perakim des Mai-! monides von Falkson und Salomon, und der Poesien von! Strafft, Kaempf, Geiger, Sachs, Dukes u. A., an die rabbinischen Anthologien von Fürstenthal, Dukes, Giuseppe Levy-Seeliginann u. A. Wir glauben deshalb, daß in den verflossenen Jahrzehnten recht viel geschehen ist und daß die jüngeren -Kräfte nach dieser Richtung hin weiter streben, nicht aber die! Leistungen ihrer Vorgänger übersehen müßten. Die jüdische! Literatur seit ihrem Wiedererwachen hat sich immerhin eine achtungswerthe Stellung erworben. — Allerdings ist es zu beklagen, daß die Theilnahme des jüdischen Publikums an der Literatur des Judenthums eine sehr schwache ist, und daß der letzteren hierdurch besondere Schwierigkeiten um durchzudringen, bereitet werden. Aber wir müssen, um gerecht zu sein, anerkennen, daß die Schuld davon nicht allein bei dem Publikum selbst ist, sondern auch zu einem nicht geringen Theile bei den Männern, die berufen wären, die Erzeugnisse der jüdischen Literatur, so weit sie für das größere Publikum verständlich sind, bei diesem einzuführen, ihre Verbreitung zu befördern, für sie Propaganda zu machen. Dies ist vielfach nicht geschehen, sondern, wie wir leider aus Erfahrung wissen, gerade das Gegentheil. Bei den Einen war es Trägheit, bei den Anderen Mißgunst. Wenn der Kreis für einen Zweig literarischer Werke an sich ein beschränkter ist, so bedarf es einer energischen Förderung, um ihn gedeihen zu machen. Ob nun gerade Ausgaben in Demantschrist auf den Salontischen der Reichen von besonderem