Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1889)
- Date
- 1889-06-06
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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355 Lösung als die bürgerliche Freiheit und Gleichheit. Die Russen haben nicht wie früher Spanien das Auskunftsmittel, die Juden in Massen auszutreiben; das geht nicht mehr in unserer Zeit, selbst nicht in einem autokratischen Lande. Man hat von Auswanderung gesprochen; das ist ebenfalls keine Lösung. Es wäre ein Moses nöthig, um dieses ganze Israel aus diesem Egypten herauszuführen und selbst dann, wo sollte er es hinführen? Die russische Presse mag sie immerhin dazu einladen, die Bevölkerung sie dazu aufreizen, indem sie sie beschimpft, die Juden haben ihren Auszug noch nicht begonnen. Tausende sind fortgezogen, Millionen sind geblieben. Sie wollen oder können den Boden nicht verlassen, auf dem sie geboren sind und den ihre Väter schon Jahrhunderte früher bewohnten, ehe der Russe Großrußlands darauf erschien. Die Juden sind da in ihren Grenzprovinzen und vermehren sich jedes Jahr; das politische Interesse allein schon sollte Rußland gebieten, sich keine Feinde aus ihnen zu machen. Was kann es dabei gewinnen, wenn es durch die Abneigung von vier Millionen Israeliten den deutschen oder polnischen Widerstand verstärken läßt? Noch eine letzte Bemerkung, welche wir nicht ohne eine Demüthigung für unsre Zeit und für unser Land machen. Es giebt seit Jahren im Westen, selbst in Frankreich, Männer, welche, im guten Glauben gewiß, gesetzmäßige Maßnahmen gegen die Juden fordern- Diese Ausnahmegesetze, früher allgemein, hier in diesem Reiche existiren sie noch. Zu was haben sie geführt? Anstatt die semitische Frage zu unterdrücken, haben sie sie verschlimmert. In keinem Lande ist die Feindschaft zwischen Juden und Christen weiter getrieben worden. Gesetze eines anderen Zeitalters haben auch Gewaltthaten eines anderen Zeitalters herbeigeführt. Das Beispiel Rußlands sollte das civilisirte Europa vor den veralteten Mitteln der Antisemiten warnen. Literarischer Wochenbericht. Breslau, 2. Juni. Wenn wir unsere Augen auf die Bibliotheken richten, werden wir im ersten Augenblick überrascht sein über die ungeheure Verschiedenheit in den daselbst aufgestapelten Büchern, die wir dort finden, aber wenn wir ihren Inhalt etwas genauer betrachten, werden wir im höchsten Grade erstaunt sein, zu finden: daß die Menschen unaufhörlich einen und denselben Gegenstand behandeln, und daß die beständige Wiederholung gar kein Ende nimmt. Dann kann es nicht ausbleiben, daß sich unsere Bewunderung über die große Mannigfaltigkeit in eine Verwunderung über den Mangel und die Beschränktheit der Stoffe, welche bis jetzt den menschlichen Geist beschäftigt haben, umschlägt. Doch, möchte ich hinzufügen, werden wir unter den zahlreichen Sammlungen von Büchern aller Nationen, umsonst nach einer Sammlung jüdischer Schriftsteller suchen, die der Mehrheit der Leser zugänglich ist. Wie natürlich ist es da zu fragen: Hat dieses wunderbare Volk keine Literatur außer der Bibel und dem so sehr geschmähten und oft verkannten Talmud? Haben die Juden nicht ihre Philosophen, Dichter, Geschichtschreiber, die denen anderer Nationen würdig zur Seite gestellt werden können? Und wenn wir diese Frage auch bejahen können, erregt der Gedanke immerhin ein schmerzliches Gefühl, daß unsere Literatur mit unserem Stamm ein gleiches Schicksal hat: beide sind über die ganze Erde zerstreut. Lieber Leser, willst du wissen, wo die Literatur der Juden zu finden ist? dann folge niir in das Land, wo sich Gott herabließ mit den Menschen zu sprechen, und horche auf die erhabenen Klänge des königlichen Sängers; horche auf die himmlische Sprache der Propheten Judas und Israels; folge mir und höre auf die Sprache, welche die gefangenen Juden lernten, während sie an den Wassern von Babel saßen und weinten als sie an Zion dachten; durchforsche die Literatur dieser beiden Sprachen und in ihnen wirst du die Werke jüdischer Schriftsteller entdecken. Folge mir nach Arabien und der pyrenäischen Halbinsel, und du wirst finden, daß hervorragende Literaten dieser Länder jüdische Namen tragen. Folge mir nach dem klassischen Griechenland und dem mächtigen Rom, und du wirst wiederum finden, daß die Sprachen von Homer und Bergil mit Erfolg von jüdischen Schriftellern gebraucht worden sind. Begleite mich nach Italien und Frankreich, nach Deutschland und Holland, und auch dort wirst Du nicht lange nach den Arbeiten jüdischer Geistesheroen zu suchen brauchen. Aber wie klein ist die Zahl der Auserwählten, die Meister sind über alle diese Sprachen, und denen die Literatur der Juden kein versiegeltes Buch ist; wie klein ist ihre Zahl gegenüber derjenigen, die ohne Kenntnisse fremder Sprachen die meisten literarischen Erzeugnisse der alten und der neuen Zeit, ferner und naher Länder gelesen haben, da wir ja hier und auch anderswo vorzügliche Uebersetzungen fast aller nur nennenswerthen Autoren besitzen. Und sollte es unmöglich sein, die Werke der unsrigen in die Sprache des Landes, in welchem wir leben, zu übertragen und sie so dem allgemeinen Verständniß näher zu bringen? Ich weiß, daß die Aufgabe lang und schwierig ist, aber sie ist nicht unausführbar, und sollten wir nicht die Frucht unserer Arbeit genießen, dann würde es sich immerhin lohnen, sie zu Nutz und Frommen künftiger Geschlechter herzustellen. ') *) Die vorstehenden Betrachtungen sind vor mehr als einem Menschenalter, unter ganz anderen Verhältnissen als die jetzigen, in England entstanden, und ich finde eine so merkwürdige Aehnlichkeit