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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-06 · Heft 23 (6.6.1889) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 23 (6.6.1889)
Date
1889-06-06
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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354 was einige Israeliten vom Orient träumen: einen jüdischen Staat, ein neues Judäa, das von Juden mit jüdischen Gesetzen regiert wird. Glaubt man, daß wenn dieses wieder auferstandene Israel die Christen so behandelte, wie das orthodoxe Rußland die Juden behandelt, die Christen, Unterthanen von Israel, sich vor ihrem Gewissen verpflichtet fühlten, unter den Fahnen der Nachfolger Davids zu dienen? — Ob Christ, Jude oder Muselmann, um sich zu allen Pflichten des Bürgers genöthigt zu sehen, muß man alle ihre Rechte besitzen. Will man von den Juden so viel fordern wie von den Russen, so beginne man, sie wie Russen zu behandeln. Noch bis vor Kurzem existirte keine List, kein Betrug, dessen ein polnischer Jude nicht fähig war, um der Conskription zu entgehen. Man muß zugebcn, daß für die talinudistischen Juden, für die strengen Beobachter des Gesetzes, das militairische Leben besonders hart ist. Es ist sehr schwierig, im Lager oder in der Kaserne den genauen Vorschriften des mosaischen Gesetzes treu zu bleiben. Die Antipathie des russischen Juden gegen den Dienst wurde noch durch die Erinnerungen vermehrt, welche das System der „Cantonisten" bei ihnen zurückgelassen. Die ersten Soldaten, die bei den Juden ausgehoben wurden, waren Kinder von zehn Jahren, die für immer der Familie entrissen und mit Gewalt getauft wurden. Alexander I. und Nikolaus verfuhren mit ihnen fast wie die Türken vor Mahmud mit den christlichen Kindern, die als Janitscharen auferzogen wurden. Noch vor Kurzem war die Armee für den Juden eine Schule des Proselytismus gegen das Judenthum. Man darf endlich nicht vergessen, daß den Juden jedes Avancement verweigert wird. Sie können keine Offiziere werden: die Reglements untersagen ihnen den Zutritt zu den Militairschulen. Der jüdische Soldat, welcher Jahre hindurch unter dem kaiserlichen Adler gedient, hat nicht einmal das Recht, wenn er wieder frei ist, da zu leben und zu sterben, wo er in Garnison gestanden. Die Klassenconskribirten von 1880 waren 832,000 an Zahl, von denen 45,000 Israeliten, woraus mau schon ein ganzes Armeecorps bilden kann. Es gab unter ihnen etwas mehr als 4000 Widerspenstige, die sich nicht stellten, also ungefähr zehn Prozent. Das Verhältniß war früher viel größer; es stieg bis auf 30 und 40 Prozent. Um dem militairischen Widerwillen der Israeliten vorzubeugen und zu verhindern, daß die Christen indirekt dem nicht zum Opfer fielen, hatte ein Ukas von 1876 befohlen, daß die jungen Leute, welche für untauglich zum Dienst erklärt wurden oder sich dem Dienste entzogen, durch junge Leute desselben Cultus ersetzt würden. Diese confessionelle Solidarität schien unzureichend. Seit 1886 werden die Familien der! widerspenstigen Rekruten, die sich nicht stellen, unter Anderem zu großen Geldstrafen verurtheilt. Für den Jahrgang 1888 stiegen diese Geldstrafen bis auf 1,200,000 Rubel. Dieses Mittel schien gewirkt zu haben; 1887 war in den Provinzen von Mohilef und Minsk das Verhältniß der israelitischen widerspenstigen Rekruten von 68 und 60 Prozent auf 5 und 16 Prozent gefallen. Dieses Vorgehen hat nicht minder den Fehler, ebenfalls eine Ausnahmemaßregel zu sein, die nur bei den Juden angewandt wird. Aber durch Ausnahmegesetze wird Rußland die semitische Frage nicht lösen. Das Königreich Polen liefert dafür einen Beweis. Ein Gesetz von 1862, als Polen noch eine eigene Verwaltung hatte, assimilirte die Juden mit den anderen Bewohnern des Landes. Die Provinzen an der Weichsel hatten dies nicht zu bereuen. Von allen Theilen des Reiches sind sie diejenigen, wo das alte Gesetz und das neue am besten zusammen stehen, wo die Beziehungen zwischen Israeliten und Christen am wenigsten gespannt sind. Die Emeuten gegen die Juden sind dort am seltensten gewesen und in Warschau sogar scheinen sie von Fremden angestiftet worden zu sein. Die „Polen mosaischen Ritus" haben sich ihren katholischen Landsleuten dankbar für ihre bürgerliche Emanzipation gezeigt. Sie haben sogar zu gewissen Zeiten eine Art polnischen Patriotismus gezeigt, der um so verdienstvoller war, als er sich einer verlorenen Sache zuwandte. Die Russen, welche den Juden beschuldigen, unfähig zu sein, ein Vaterland lieb zu gewinnen, haben sich oft über diese Neigung der Israeliten von der Weichsel beklagt, mit den Polen zu sympathisicen. Sobald Rußland sie als Russen behandelt, werden die Juden des Don und des Dniepr nach und nach Russen mosaischen Ritus werden. In Petersburg, in Odessa, in Wilna sogar sind viele schon russifizirt. Eiumal gleicher Art mit dem Christen geworden, wird der Jude sich um so lieber den Russen nähern, als er Interesse hat, sich mit den Herren des Reiches zu versöhnen, und die Stimme des Interesses gehört zu denen, die der Semit versteht. Das größte Hinderniß zur Assimilation der Israeliten besteht, wir können es nicht oft genug wiederholen, in den Ausnahmegesetzen. Sobald diese, Schranke niedergeworfen, werden die anderen nach und nach von selbst sinken. Die Verschmelzung der Israeliten mit den Christen darf man vorerst nicht erwarten. Die Rivalitäten, die Eifersüchteleien werden noch durch Generationen bestehen, denn es giebt kein Verfahren, um die Staaten der Mitbewerbung der Rassen, Religionen, Klassen zu entziehen. Je größer ein Reich ist, je mehr ist es dem durch seine großen Dimensionen ausgesetzt. Aber die Conflikte werden weniger heftig sein, wenn die Christen gelernt haben werden, die Juden christlich zu behandeln. Die Annäherung wird leichter sein, wenn das | Gesetz ihr keine künstlichen Hindernisse entgegensetzt. | In Rußland wie in Frankreich giebt es keine andere

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