Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1889)
- Date
- 1889-06-06
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
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353 WWWWW Ueberschreitungen ihrer Heimath nach und nach die Gegenden entnationalisiren könnten, welche ihnen eröffnet werden. Eine solche Befürchtung begreift sich in einem kleinen Staate wie Rumänien; den Rumänen ist es erlaubt zu fürchten, daß ihre aufblühende Nationalität unter der Fluth der von Außen hereinströmenden Fremden überschwemmt werde. Aehnliche Befürchtungen können in dem großen Rußland nicht zugelassen werden. Aus einem solchen Koloß macht man niemals ein Israel. Im Gegentheil sind es die Juden, welche, wenn sie sich über die ganze Oberfläche des Reiches verbreiten, sich entnationalisiren lassen würden. Je kleiner und weniger kompakt das semitische Lager sein wird, desto leichter, es zu russificiren. Der wirthschaftliche Einwand ist ernster. Groß-Rußland den Israeliten eröffnen, heißt, so sagt man, es dem Wucher der Semiten überliefern. Die Zeit ist fern, wo Peter der Große behauptete, daß einer seiner moskovitischen Kaufleute so viel werth sei wie vier Juden. Und doch haben die russischen Kuptsy den Beweis von kaufmännischen Eigenschaften abgegeben, welche sie, mehr als jede andere Rasse, in den Stand zu setzen scheint, mit den Israeliten es aufzunehmen. Sie wären sicherlich für die Semiten mehr zu fürchtende Rivalen als der Weiß- oder Klein-Russe. Eine Sache jedenfalls scheint außer Zweifel, daß für Rußland und den russischen Handel die Concurrenz eine der besten Triebfedern wäre. Sie allein könnte ihm den Geist der Initiative geben, die ihm zu sehr fehlt und deren Seltenheit eine der Ursachen der Inferiorität Rußlands dem anderen Koloß der modernen Welt, Amerika, gegenüber ist. Der allgemeine Reichthum würde sicher dabei gewinnen; würde das Volk dabei verlieren? Würde der Arbeiter und der Bauer durch das verhaßte Kapital mehr gedrückt werden? Für den, der die Verhältnisse des russischen Lebens kennt, ist dies sehr unwahrscheinlich. Hinsichtlich der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen hat der Arbeiter Rußlands nichts zu verlieren; die kleine Dorfindustrie besonders, die Buschindustrie (Kusternaöa), wie die Russen sie nennen, ist die organisirte Ausbeutung der Arbeiter durch die Vermittler und die Kornwucherer. Ihre Erpressungen und Treulosigkeiten überschreiten jede Grenze, bestätigt Herr Bezobrazof. „Was in gewissen industriellen Gegenden, wie Paolavo, dem russischen Scheffield, vorsichgeht, spottet aller Beschreibung. Es ist ein trauriges Drama, das sich alle Montag, dem Markttag, entrollt. Die Männer sehen aus wie wilde Thiere, die sich verschlingen wollen. „Dort, im Herzen Groß-Rußlands, weit von den parasitischen Juden, erheben die rusischorthodoxen Courtiers für ihre Vorschüsse oder ihre Besorgungen hundert Prozent und mehr. Ebenso nur zu oft auf dem Lande und in den Landgemeinden. Die „Kulaki" und die „Kornesser" brauchen von den jüdischen Wuchern nichts zu lernen. Trotzdem sie desselben Blutes und derselben Religion wie ihre Brüder, die Bauern, sind, haben sie doch keine Skrupel, sie auszuplündern. In manchen Gemeinden besitzen viele „Mujiks", durch die hohen Zinsen vernichtet, das Land nur noch dem Namen nach; sie find die Sklaven ihrer Gläubiger geworden. Für den Arbeiter wie für den Mujik wäre die erste Wirkung der Eröffnung Groß-Rußlands für die Juden das Fallen des Zinsfußes. Man sagt, daß die Juden das Volk demoralisiren. Was antwortet darauf die Statistik? Das Verhältniß der Frevel und Verbrechen ist gewöhnlich in den Gouvernements des Westens schwächer als in denen des Ostens. Noch mehr, die Verbrechen sind unter den Israeliten seltener als unter den Christen. Das kommt, wirft man ein, weil die Juden das Gesetz drehen, als wenn die russischen Gesetze nicht gewöhnt wären, von jedermann gedreht zu werden. Und dann, die Gesetze, welche die Juden umgehen, sind besonders die Spezialgesetze, die willkürlichen und lästigen Gesetze, die gegen sie erlassen worden sind; und in diesem Falle ist es das Gesetz, das das Unrecht begeht. Um es zu verletzen, haben die Juden übrigens als Complicen die Verwaltung und die Polizei. Selbst in den Hauptstädten verstehen die Behörden die Augen zu schließen oder durch die Finger zu sehen. Was für die Verwaltung ebenso wie für die Juden demoralisirend ist, das ist daß alle diese Ausnahmegesetze von einer oft unbequemen Anwendung sind. Man sieht ein, daß es nicht immer leicht ist, aus einer künstlichen geographischen Linie eine unübersteigbare chinesische Mauer zu machen. Das Einfachste wäre, diese ganze quälende Gesetzgebung abzuschaffen, indem man die Israeliten den gewöhnlichen Gesetzen unterwirft, mit Vorbehalt, sie in ihrer ganzen Strenge bei ihnen anzuwenden. Bleibt noch der größte, der Haupteinwand. — Unsere Juden in Rußland, so hört man in Petersburg und Moskau sagen, verdienen nicht als zur Nation gehörig betrachtet zu werden. Sie betrachten sich selbst als Fremde. Sie lieben das russische Vaterland nicht. Sie haben kein anderes Vaterland als Israel oder ihr Kahal. — Aber wenn Rußland, so erwidern die Juden, sich uns wie ein Vaterland zeigte? wie sollen wir ein Land lieben, das uns als Feind behandelt? Einer der Beweise des wenigen Patriotismus der Juden ist, so versichert man, ihr Widerwille gegen den Militairdienst. Die Blutsteuer ist eine Verpflichtung, der sich zu entziehen sie auf jede Weise versuchen. Kein Kultus, keine Rasse weist so viele Widersetzliche (Refractäre) auf. Ju der That, das Gegentheil würde uns wundern. Das sind Menschen, die der meisten Rechte ihrer christlichen Landsleute beraubt sind, und man wünscht, daß sie dieselbe Entsagung zu der peinlichsten aller Pflichten des Bürgers zeigen! Das ist mehr gefordert, als der menschlichen Natur eigen ist. Man stelle sich vor,