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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-06 · Heft 23 (6.6.1889) · p. Seite 352

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 23 (6.6.1889)
Date
1889-06-06
Page
Seite 352 (sequence 4)
Language
German
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352 das Productive, Gesunde und Rechtschaffene liege? Dies behaupten die meisten Antisemiten Rußlands und des Westens. Dieser Vorwurf übrigens ist für Rußland nicht anwendbar. Dort wie überall, wo die Juden zahlreich und in compacten Gruppen vereinigt leben, leben sie bei Weitem nicht nur vom Handel. Die größte Zahl vielleicht dieser Söhne Sem's sind gezwungen, von ihrer Hände Arbeit zu leben, im Schweiße ihres Angesichts, ganz wie einfache Söhne Japhet's. In diesem sarmatischen Israel giebt es wenige Handwerke, die nicht von den Abkömmlingen Abrahams ausgeübt werden; mehrere und manchmal die bescheidensten oder gröbsten werden fast nur von ihnen betrieben. Eine große Anzahl von Juden sind Schneider, Schuster, Schlosser, Schreiner, Lederbereiter, Kutscher, Schornsteinfeger, Metzger, Dachdecker, Anstreicher, Färber. Obgleich sie diejenigen Gewerbe vorziehen, die weniger Kraft als Geschicklichkeit erfordern, sind viele Schreiner, Schmiede, Maurer, Erdarbeiter. Die meisten steinernen Häuser der Städte des Westens sind von jüdischen Händen erbaut. Das Wohl der Handwerker liegt den israelitischen Gemeinden sehr am Herzen. Ich selbst habe besonders in Warschau Lehrschulen für verschiedene Gewerke für israelitische Kinder gesehen. Leider genügt der technische Unterricht nicht, um die jüdischen Handwerker aus dem Elend zu ziehen. Da sie für die Bedürfnisse der städtischen oder ländlichen Bevölkerung des Westens zu zahlreich sind, so sind sie meist Opfer des unerbittlichen Gesetzes des Angebotes und der Nachfrage. Sie machen sich gegenseitig eine tödtliche Concurrenz, durch die der christliche Arbeiter nicht weniger leidet als sie. Die größte Zahl arbeitet für beliebige Preise. In wenig Ländern wird die Arbeit des Handwerkers schlechter bezahlt; auch sind neun Zehntel dieser Juden aus Polen und Rußland arme Ausbeuter (!). In enge und stinkende Wohnungen, ohne Licht und Luft eingepfercht, oft mehrere Familien in demselben Zimmer, und die Familien sind fast immer zahlreich, sind diese mageren Juden, die sich schon zu zwanzig Jahren verheirathen, die Beute aller Nebel und Krankheiten der Armuth. Ihre Seele und ihr Körper widerstehen den tödteuden Folgen der äußersten Armuth nur durch Mäßigkeit, Ausdauer und Religion. Keine Classe der russischcn Bevölkerung ist mehr im Elende als dieses israelitische Proletariat. Die Wahrheit ist, daß die Juden in der gesetzlichen Einschließung ersticken, in die sie eingebannt sind, und das Wachsen ihrer Zahl macht ihre Existenz immer schwieriger. Um zu leben, hätten sie nöthig, daß man ihnen Länder eröffnete, wo die Nachfrage nach den städtischen Beschäftigungen und den bürgerlichen Professionen größer wäre. Es giebt im ganzen Westen einen offenbaren Neberschuß an Handeltreibenden, kleinen Ladenbesitzern, kleinen Handwerkern, an welchen es oft im Mittelpunkte oder Osten des Reiches fehlt. Man nehme eine Karte von Rußland: in dem Theil, wo die Juden leben, drängen sich die Städte, die größtentheils von ihnen bevölkert sind, in viel größerer Zahl zusammen als in den Theilen des Reiches, die ihnen verschlossen sind. Wenn man nur die statistischen Tabellen betrachtet, springt es in die Augen, daß hier ein Mangel an Gleichgewicht existirt, eine künstliche Vertheilung der städtischen Bevölkerung, die in den westlichen Provinzen durch das Gesetz zurückgehalten wird, wie durch einen Damm, der sie verhindert, sich frei über die benachbarten Gegenden zu ergießen. Um das Gleichgewicht wieder herzustellen, muß man der überfüllten jüdischen Bevölkerung neue Gegenden eröffnen. Die christliche Bevölkerung der westlichen Provinzen ist dabei durchaus nicht weniger interessirt. Der Kaiser Alexander III. hat in den Gouvernements des Westens Commissionen ernannt, welche beauftragt sind, die jüdische Frage zu studiren; sie haben sich fast einstimmig für die Ausdehnung, oder besser für die Aufhebung der Wohnungslinie der Juden ausgesprochen. Und wie könnte es anders sein? Diese Provinzen sind gesättigt mit Israeliten. Man hat ihnen, fast officiell, zu hören gegeben, daß die Juden nur Parasiten, Blutegel oder verwüstende Heuschrecken seien; sie sind es natürlich wenig zufrieden, ihnen zur Weide überliefert zu sein. Indem man die Juden zu Seiten der von Polen, Lithauern, Letten, Rumänen, Klein- oder Weiß-Russen bewohnten Provinzen etablirte, konnte man sagen, daß Rußland ihnen die Kinder zu verzehren gegeben, welche ihm am wenigsten am Herzen liegen. Trotz aller Unzukömmlichkeiten dieser Anhäufung des jüdischen städtischen Elementes auf eine beschränkte Fläche, ist es übrigens nicht cingetroffen, daß der russische Westen von diesen Heuschrecken ganz verwüstet und entblößt worden, die ihn schon seit Jahren benagen. Das Land ist dort noch grün und das Gold der Aehren leuchtet dort in der Sonne. Obgleich mehrere dieser Provinzen, besonders in Westrußland, zu den am wenigst fruchtbaren des Reiches gehören, giebt ihre wirthschaftliche Entwickelung tut Allgemeinen derjenigen der Gegenden, die vor dem israelitischen Parasitenthum bewahrt geblieben, nichts nach. Weit entfernt hiervon, gehören dieser Gouvernements des Westens mehrere zu den ersten, was die industrielle und landwirthschaftliche Entwickelung betrifft; einen Beweis hierfür giebt das Königreich Polen, das mit mittelmäßigem Boden eine der reichsten Gegenden des Reiches geworden. Gegen das Eröffnen des Innern Rußlands für die Juden können sich zwei Einwürfe von ungleichem Wertste geltend machen lassen, der eine politischer oder nationaler Natur, der andere wirthschaftlicher Art. In nationaler Hinsicht kann man fürchten, daß die Juden, mit den schnellen

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