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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-06 · Heft 23 (6.6.1889) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 23 (6.6.1889)
Date
1889-06-06
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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351 für den leidenden Theil unserer Glaubensgenossenschaft günstiger gestalten wird. Paris, im Mai. Die 3«-en in Rußland. Bon Anatole Leroy-Beaulieu. (Schluß.) V. Diese ganze Specialgesetzgebung geht offenbar auf das Erreichen ihres Zieles los. Sie sucht bei den Juden die Fehler zu verstärken, welche man ihnen am begründetsten vorwerfen könnte. Sie arbeitet daran, sie auf sich selbst zurückzudrängen, sie von den anderen Rassen zu isoliren, ein besonderes Volk inmitten der Nation aus ihnen zu machen. Welches sind die Beschuldigungen, die am öftersten und, wie es scheint, gerechtfertigsten gegen die Juden erhoben werden? Sie sind auf zwei hauptsächliche zurückzuführen: die eine ist nationaler, die andere wirthschaftlicher Natur. Man wirft den Juden ihre Exclusivität, ihre Neigung vor, sich von den Völkern getrennt zu halten, in deren Mitte sie wohnen, durch die Jahrhunderte und verschiedene Civilisationen hindurch einen Stamm zu bilden, der seine eigenen Gewohnheiten, Gesetze und Interessen besitzt. Der Vorwurf mag oft verdient sein, wenigstens was die Juden Rußlands und des Orients betrifft; aber die gesetzlichen Schranken, die zwischen ihnen und den Christen errichtet sind, die Anstrengungen, sie in gewissen Provinzen, in gewissen Gewerben, in gewissen Schulen einzupferchen, die Reglements, um sie von der höheren Cultur fern zu halten — scheint alles dies nicht erdacht, um stein ihrerJsolirung zu erhalten und sie in die talmudischen Vorurtheile versinken zu lassen, um ihren Groll gegen die „Gojim" zu nähren und um in ihnen den modernen Menschen zu verhüten; um ihnen kein anderes Nationalgefühl zu lassen, als das des Juden, kein anderes Vaterland als Israel und ihr Kahal? Man macht ihnen einen Vorwurf aus ihrer Zusammengehörigkeit, aus ihrem Bestreben, Corporationen unter der behördlichen Leitung ihrer Vorsteher oder ihrer Kahal zu bilden, die heimlich die Ausbeutung der Christen anstreben. Man vergißt, daß man ihnen diese corporative Organisation während Jahrhunderte aufgenöthigt hat; daß sie vor der Revolution überall bestand; daß sie durch die Verfolgungen oder den schlechten Willen der sie umgebenden Gesellschaft noch mehr befestigt wurde; daß sie in Rußland selbst wie überall im Mittelalter lange Zeit vom Staat in einem fiskalischen Interesse aufrecht erhalten wurde; daß von Katharina II. bis zu Nicolaus die russischen Gesetze die Juden dem Joche ihrer Gemeinden unterwarfen; daß man sogar so weit gegangen, den israelitischen Consistorien das Recht zu geben, die Juden zu bezeichnen, die dem Militärdienst verfallen waren; daß selbst heute, nach der officiellen Abschaffung der Kahal, die jüdischen Gemeinden fortfahren, für ihre Bedürfnisse obligatorische Steuern aufzuerlegen, welche Korbsteuern heißen (Korobotchnyia). Damit die Juden aufhören, so stark an einander zu hängen und gewissermaßen eine Masse zu bilden, ist es wenigstens nöthig, daß daß Gesetz sie nicht dazu zwingt, indem es sie von den Christen isolirt. Ebenso in wirthschaftlicher Hinsicht. Aus gesetzlichem Wege die Thätigkeit der Israeliten beschränken, sie von den Staats- oder wissenschaftlichen Carrieren entfernen, ihnen systematisch alle intellectuellen Mittel verschließen, das heißt sie zu den Gewerben verdammen, die man ihnen vorwirft vorzuziehen und die sich anzueignen man sie beschuldigt, nachdem man sie darin eingeschlossen hat. Man beklagt sich, daß sie fast alle Kaufleute, Courtiers, Wechsler, Hausirer, Wucherer, Schankwirthe seien und man drängt alle diejenigen in ihren Laden oder ihr Comptoir zurück, welche es zu versuchen wagen, sie zu verlassen. Man wiederholt, die Juden seien Parasiten, und man bemüht sich, sie an diesen Professionen festzuhalten, die als parasitische behandelt werden. Der Jude, so versichert man, kann keine productive Arbeit leiden; er ist wesentlich ein Ausbeuter, der von der Arbeit Anderer lebt und sich bereichert. Auch dies kann wahr sein, wenigstens in einer Beziehung. Der Jude ist meist nur ein Vermittler zwischen dem Producenten und Consumenten, und je weniger solcher Vermittler es giebt, desto besser ist es für eine Gesellschaft. Aber kann man deshalb im Princip aufstellen, daß jeder Kaufmann, jeder Geschäftsmann, jeder Zwischenhändler ein Parasit ist? Und wenn dies bei dem Juden oder Semiten zutrifft, wie sollte dies nicht ebenso bei dem Christen oder dem Arier der Fall sein? Weiß man nicht, daß die Circulation eine wesentliche Function des socialen Körpers ist, wie bei jedem lebenden Körper? Der Jude, sagt man, sucht durch alle möglichen Mittel, sich von der körperlichen Arbeit zu befreien. Das ist ebenfalls wahr, aber ist dies dem Semiten allein eigen? Er ist in Wirklichlichkeit uns voran. In wie vielen Ländern der civilisirten Welt sieht man heute nicht den Landmann wie den Städter danach streben, sich der körperlichen Arbeit zu entheben! Der Widerwille gegen die körperliche Arbeit, das Borurtheil für die Aemter, für den Handel, für alle Professionen, welche wenig körperliche Krast erfordern, ist leider weit entfernt, nur Israel eigenthümlich zu sein. Welches auch übrigens die Unzukömmlichkeiten dieses wachsenden Widerwillens gegen die körperliche Arbeit seien, hat man in unserer modernen Gesellschaft das Recht, mit Tolstoi und anderen unserer Socialisten zu erklären, daß nur in der körperlichen Arbeit 23*

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