Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-06 · Heft 23 (6.6.1889) · p. Seite 350

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 23 (6.6.1889)
Date
1889-06-06
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227795--46247-3265800
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

350 Arbeitsbedingungen zu erlangen, und so war ihm der Weg eröffnet, durch die gemeinschaftliche Versagung der Arbeit die Arbeitgeber zu besseren Bedingungen zu zwingen. Hierzu kam, daß sich das Gefühl der Humanität und das Bewußtsein der Gerechtigkeit immer mehr stärkte und deshalb die Anschauung Platz griff, daß auch die Arbeitnehmer von den segensreichen Erfolgen der Industrie und der verbesserten Landwirtschaft ihrenTheil haben und auch fürsieverbesserteZustände eintreten müßten. Daher kommt es, daß auch in den unbetheiligten Kreisen da, wo die Forderungen der Arbeitnehmer nicht übermäßig sind, die öffentliche Meinung auf der Seite der letzteren steht, so eifrig man auch die Beseitigung aller dieser Ausstände wünscht. Eine besondere Seite hat diese Erscheinung aber noch, die nicht zu übersehen ist. Durch die Erhöhung der Arbeitslöhne und die Verminderung der Arbeitszeit, sowie durch die Lasten, welche jene neuen Institutionen zum Vortheile der Arbeitnehmer mit sich bringen, werden die Kosten der Production, der industriellen wie der landwirthschaftlichen, sehr vergrößert. Beschränkt sich dies nun auf ein Land, so steht die Production desselben in Gefahr, durch die erhöhten Preise ihrer Producte auf dem Weltmärkte benachtheiligt, wenn nicht verdrängt zu werden. Hierzu kommt daß der Arbeiterstand in anderen Ländern nicht zögern wird, ähnliche Forderungen zu stellen. Wenn auf irgend einem Gebiete, so ist es auf diesem nothwendig, daß eine internationale Ordnung, internationale Bestimmungen und Einrichtungen getroffen werden, also die Regierungen der verschiedenen Staaten zu desfallsiger Berathung und Beschlußfassung zusammentreten müssen. Die Schweiz hat hierfür, nämlich zum Zusammentritt einer Conferenz, die Initiative ergriffen, und mehrere Staaten haben bereits ihre Bereitwilligkeit erklärt. Auch hierin vereinigen sich materielle und humane Bedürfnisse, um ein großes Werk zu Stande zu bringen, daß die Entwickelungsphase, in welcher die Menschheit sich gegenwärtig befindet, zu einem günstigen Ausgange mehr gelange. — Man wird es uns schwerlich verdenken, wenn wir hierbei von unserem Standpunkte aus eine, wie uns scheint, sehr berechtigte Bemerkung machen. Wenn wir diese immer weiter greifende Lohnbewegung überschauen, so fragen wir, wo sind hier die von den Antisemiten stets mit so vielem Nachdrucke, mit so bitterem Hasse der „Ausbeutung des Volkes" beschuldigten Juden? Glauben die Arbeitnehmer mit mehr oder minderem Rechte, von den Arbeitgebern „ausgebeutet" zu werden, wo sind da die Juden, denen so Schlimmes nachgesagt wird? Vom ersten Auftreten des Antisemitismus bis heute lautet das Lied unserer Verfolger: die Juden beuten das Volk aus, natürlich in ungerechtester Weise. Nun, in dem ganzen rheinisch-westfälischem Kohlengebiete, mit seinen ca. 100,000 Bergleuten, ist unter den Zechenbesitzern und Grubenverwaltern kein einziger Jude. Ebenso wenig im oberschlesischen und gewiß nicht im sächsischen. Nur in dem böhmisch-mährischen Kohlenrevier wurde Rothschild als Besitzer genannt, und gerade dessen Zechen kehrten alsbald zu geordneten Verhältnissen zurück. Ebenso wenig finden die Zimmerer, Maurer, Brauer u. s. w. unter ihren Arbeitgebern Juden, gegen die sie sich auflehnen. Dies ist eine Thatsache, auf welche wir unseren Gegnern gegenüber einen großen Nachdruck legen, denn durch dieselbe wird abermals die Lügenhaftigkeit jener Hetzer gründlich erwiesen. Wir haben es immer gesagt, daß, wo das Volk für die Behauptungen, mit welchen es gegen uns aufgehetzt wird, nach Thatsachen sich umsteht, es keine findet, die jenem Hasse anhaltend Nahrung bieten. — Und deshalb rufen wir unseren Glaubensgenossen, auch denen, welche noch unter schweren Bedrückungen leiden, zu: Seid gutes Muthes! Auf unserer Seite stehen Mächte, die langsam aber sicher den Sieg erringen. Welche sind diese Mächte? Zunächst Gesetz und Ordnung, die selbst den Regierungen, die uns mit ungünstigen Augen betrachten, Bedingungen auferlegen, über welche sie nicht hinaus können: Sicherheit des Lebens und des Eigenthums, die sie auf die Länge nicht verletzen lassen dürfen, Bedingungen der Entwickelung, die sie mit der Zeit nöthigen, auch die Lage der Juden zu verbessern und von den Gesichtspunkten des Mißwollens und der Beschränkungen zurückzukommen. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts bietet uns hierfür so viele Beweise, daß wir an der Richtigkeit dieser Ansicht nicht zweifeln können. Aber wir haben noch andere Mächte zu unseren Gunsten, welche nicht mindere Kraft besitzen: die Wahrhaftigkeit und die Gerechtigkeit. Wenn etwas die Boshaftigkeit der Antisemiten beweist, so ist es, daß sie überall zu den gröbsten Unwahrheiten, frechsten Lügen, schändlichsten Fabeln greifen müssen, um die Vorurtheile gegen uns, um Haß und Leidenschaft wider uns zu wecken und anzuspornen. In den Zeiten des blinden Fanatismus, der völligen Bildungslosigkeit des Volkes, konnte solches Verfahren auf lange Dauer rechnen. Unsere Zeit ist nicht dazu angethan und vor den unleugbaren Thatsachen müssen die Nebel der Lüge sich zerstreuen. Ein zu großer Theil unserer Zeitgenossen ist von Verstandes- und Herzensbildung, vom Gefühl für Wahrheit und Recht und vom Verlangen nach diesen ergriffen, um ihnen nicht alsbald die Bahn zu eröffnen und die dunklen Schatten, die absichtlich verbreitet werden, zu durchleuchten. Thatsächlich fällt die ganze antisemitische Bewegung vor den großen, wichtigen und schwierigen Fragen, welche die Gegenwart bewegen, zusammen und verschwindet von der Tagesordnung, sobald eine derselben in den Vordergrund tritt. Alles dies vereinigt sich, um uns Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft einzuflößen, die unter der Fügung der Vorsehung sich auch für uns wieder freundlicher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.