Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1889)
- Date
- 1889-06-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Lonn. Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 6. Juni 1889. Nr. 23. Inhalt. Leitende Artikel: Charakterzüge vom Tage. — Die Juden in Rußland. (Schluß). — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnach-richten: Deutschland: Bonn, Berlin, Frankfurt a. M., Leipzig. - Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Ein kleiner Lebenslauf aus früherer Zeit. — Die Inden im ungarischen Abgeordnetenhause. (Forts.) Bonn, 2. Juni. Charakterzüge vom Tage. In den jüngsten Tagen kam es wieder einmal deutlich zum Vorschein, wie unsere Zeit die schroffsten Gegensätze neben einander bespannt. Einerseits wurde mühsam von den gesetzgeberischen Factoren des deutschen Reiches ein Gesetz berathen und zu Stande gebracht, welches für die 11 Millionen Arbeitnehmer im deutschen Reiche in ihrer Invalidität und in ihrem Alter sorgen soll. Mag immerhin das Gesetz, wie es beschlossen worden, noch an schweren Mängeln leiden und insonders durch die Erfahrung große Veränderungen noch erleiden müssen: der Gedanke ist großartig, wahrhaft menschenfreundlich und die Kühnheit, mit welcher die deutsche Regierung an die Verwirklichung gegangen, sehr anerkennenswerth. An die Errichtung der Krankencaffen und an die Unfallversicherung sich anschließend, giebt das eben beschlossene Gesetz ein Vorbild für alle Staaten, die sich diesem Zuge der Zeit nicht lange werden entziehen können. In diesem Friedenswerke hat, nach unserer Meinung, das deutsche Reich einen Sieg erfochten, der für die Menschheit glänzender und erfolgreicher ist als alle kriegerischen Lorbeeren. Der Gedanke, daß in der Gesellschaft von dieser selbst so vieler Dürftigkeit und Elend wie möglich abgeholfen werden müsse, dieser Gedanke, den der Mosaismus zuerst ausgesprochen und zu bethätigen versucht hat, ist dadurch seiner Realisirung einen nicht geringen Schritt näher gekommen. Im Gegensätze nun bietet die gewaltige Lohnbewegung, welche gegenwärtig, namentlich in Deutschland die Arbeitnehmer in so großem Umfange aufgeregt und zur Niederlegung der Arbeit geführt hat, ein ganz anderes Bild. Zwei Momente sind es, welche diesen Strikes hauptsächlich zu Grunde liegen: das Verlangen nach Lohnerhöhung und nach Verminderung der Arbeitszeit. Daß die Arbeitgeber in so einschneidende Forderungen zögernd oder gar nicht willigen, ist erklärlich, aber ebenso, daß die Arbeitnehmer alle ihre Kräfte anspannen, um die Erfüllung ihrer Wünsche zu erzwingen. Das Beispiel steckt an, und so sehen wir die Maurer, die Zimmerer, die Brauer, bis zu den Todtengräbern in Hamburg die Arbeit niederlegen. Unter Umständen, welche den Strike begünstigen, z. B. wo die Masse der Arbeitnehmer örtlich concentrirt und in ihrer Thätigkeit nicht ersetzbar ist, muß daraus eine sehr fühlbare Calamität entstehen. Fragt man, wodurch diese Bewegung,!die zu einer gefährlichen Gährung anschwetlen kann, gerade in unserer Zeit gekommen, so wird dies nicht schwer zu beantworten sein. Seitdem die Leibeigenschaft aufgehoben und der Stand der Arbeitnehmer vor dem Gesetze gleich gestellt, also mit einem Worte der Arbeiter frei geworden, namentlich seitdem er auf diesem Wege die Coalitionsfreiheit, d. i. das Recht, sich zu gemeinsamer Handlung zu vereinigen, selbstverständlich mit Ausschluß jeder Gervaltthätigkeit, erlangt; hat, seitdem ihm also auch das Recht zusteht, für seine Arbeit! angemessene Bedingungen zu stellen, Bedingungen, die freilich durch die factischen Verhältnisse beschränkt werden, mußte I in ihm auch das Streben erwachen, die möglichst günstigen 23 »