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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-30 · Heft 22 (30.5.1889) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 22 (30.5.1889)
Date
1889-05-30
Page
Seite 346 (sequence 14)
Language
German
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346 feit, kein Gehör schenken, nnd überdies ließe sich solch ein simpler Misznagid — Skeptiker — auf diese ober jene Weise aus dem Felde schlagen. Aber R. Berisch war eine Macht, welche man nicht unterschätzen konnte. Infolge seiner Reputation, deren er sich schon seiner socialen Stellung wegen erfreute, war seine Gegnerschaft eine gefährliche, umsomehr, als man auch in der Wahl der Bekämpfungsmittel vorsichtig zu Werke gehen mußte, und in der „Burg" war man über die Natur der zu ergreifenden Gegenmaßregeln unentschlossen. Vom Rebben bis zum Schames herunter möchte Alles den „Ketzer" steinigen, wenn dies so glatt ablaufen könnte. Aber wie gesagt, dieser „Aufwiegler" war nicht so leicht an die Wand zu drücken, und desto größer war die Wuth des „Weisen". Am Hoflager liefen täglich Berichte über die Thätigkeit des Agitators ein und Alle einigten sich darin, daß man durch einen Handstreich sein aufwieglerisches Handwerk legen müsse. In der Hand des Rebben ruhte die Entscheidung und dieser entbot zu sich zwei seiner Getreuen zur endgil'.igen Berathung und Beschlußfassung. Mitternacht nahte heran, als der chassidische Häuptling sein Geheimcabinet betrat. Im ganzen Hause herrschte bereits nächtliche Ruhe und der in seiner Macht bedrohte Wundermann ließ sich am oberen Ende eines langen, mit grünem Tuche bedeckten Tisches, m einen weichen, hohen Lehnsessel fallen. Das geräumige Gemach wurde nur von dem Scheine zweier Wachskerzen erhellt, so daß in der Peripherie des Zimmers ein Halbdunkel herrschte. Der Rebbe war überhaupt kein Freund von allzu großer Beleuchtung und das neu entdeckte lichtspendende Petroleum war ihm ein Dorn im Auge. So weit sein Arm reichte, durfte dieses Beleuchtungsmittel nicht benutzt werden, denn er konnte es der Natur nicht verzeihen, daß sie dem Schoße der Erde Licht entsteigen läßt. — Seine Augenlider waren jetzt wie gewöhnlich gesenkt, und seiner unzertrennlichen Pfeife entqualmten dicke Rauchwolken, sich über seinem Haupte wie drohend zusammenballend. Die Wachskerzen verbreiteten ein gelbliches Licht, daß das blasse verzerrte Gesicht des Wunderrabbiners fahl erschien. — Zwölf Uhr schlug's auf der Stadtubr, eine kleine Seitenlhür ging sachte auf und in derselben erschienen die zwei Gestalten zur mitternächtlichen Conferenz. „Baruch haba" — willkommen — kam es wie zischend durch die zusammengepreßten Zähne des Rebben und die Eingetretenen nahmen zu dessen beiden Seiten Platz. Eine Pause trat ein, man hörte nur das Athmen dreier Personen, bis der Vorsitzende von seinem Stuhle sich erhob, seine Rechte wie drohend ausstreckte und aus seinen unheimlichen, von starken Augenbrauen und langen Wimpern umdüsterten Augen Blitze zu schleudern schien. „Rebosem" — meine Herren — begann er, die Gefahr, welche unsere Religion bedroht, veranlaßte mich, Sie zu dieser Berathung einzuladen, um Maßregeln zu beschließen, dem immer mehr um sich greifenden Gifte entgegen zu wirken. Dieser Apikores — Abtrünnige — muß unschädlich gemacht werden, denn er ist ein Stein des Anstoßes. Ich kann nicht dulden, daß dieser Meschumed — Ketzer — sein aufrührerisches Treiben ungestraft fortsetzt. Denn es heißt „rotte aus das Schlechte aus deiner Mitte." Daß er bei seinem Anhänge so viel Ansehen genießt, kann mich gar nicht behindern, im Gegentheil. Ich muß zeigen, daß, wo es sich um die gute Sache handelt, ich weder auf Rang, noch Person Rücksicht nehme und die Gottlosen, wo immer ich sie antreffe, bekämpfe. Rabosem, ehe ich meinen Entschluß fasse, bitte ich Sie um Ihren Rath, welches Mittel Ihrer Meinung nach das geeignetste wäre, den Apikores unschädlich zu machen und seinen Agitationen jede Wirkung zu benehmen. Sie, R. Schmul, haben zuerst das Wort." Der so angeredete Beisitzende zur rechten Seite erhob sich von seinem Sitze. „Rebbeleben," meinte er, hier ist ein Ausnahmsfall und man kann sich nicht bloß von seinen Gefühlen leiten lassen, sondern man muß auch der practischen Ueberlegung eine Stimme einräumen. Es ist richtig, der Schekez — Unwürdige — hat es durch seine gottlosen Aufwiegelungen tausendmal verdient, in den Bann gelegt zu werden. Aber wie gesagt, man muß auf seine Person Rücksicht nehmen, die Tragweite einer zu drakonischen Maßregel in Betracht ziehen und deshalb auch nicht die volle Strenge des Gesetzes walten lassen. Eine Achterklärung gegen eine in der Gemeinde solch eine Stellung einnehmende Person ist immer ein mißliches Ding, und kann auch der Pfeil auf den Schützen znrückpraüen. Sie wissen, Rebbeleben, daß ich nur Ihr und das Wohl unserer Sache vor Augen habe und mahne ich deshalb zur Vorsicht. Auch muß man auf die „kaiserliche" Behörde Rücksicht nehmen. Sie wissen, der jetzige Bezirkshauptmann ist — wie sie das nennen — ein liberaler Mensch, der auf uns scheel schaut und nur nach einem Vorwände sucht, sich in unsere Angelegenheiten mengen zu können. Käme ihm nun die Nachricht solch eines Cherems zu Ohren, daun hätte er die beste Handhabe Kraft seines Amtes einschreiten zu können, denn nach den gojischen — nichtjüdischen — Gesetzen ist das nicht gestattet und wer weiß, was daraus folgen könnte. Aber abgesehen davon glaube ich, daß man überhaupt mit einem Cherem sehr ökonomisch zu Werke gehen müsse und ihn nur dort in Anwendung bringen darf, wo dessen Wirksamkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Hier aber könnte es sich ereignen, daß dieses so oft erprobte Mittel uns im Stiche ließe, denn man darf den Feind nicht unterschätzen und Ihrer Autorität müssen Sie das Ansehen des Berisch entgegensetzen. Wirkt aber einmal der Bannstrahl nicht so blendend und jäh wie der Blitz, dann läuft er auch Gefahr, ganz abzuprallen und seine ihm innewohnende — weil nie untersuchte — wunderbare

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