Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-30 · Heft 22 (30.5.1889) · p. Seite 344

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 22 (30.5.1889)
Date
1889-05-30
Page
Seite 344 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227794--46240-3265792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

344 Beleg dessen kann die Thatkache gelten, daß an die Stelle des judenfeindlichen Professors Johannes Scherr unser Glaubensgenosse, Professor Stern, bisher an der Universität Bern, vom Bundesrath an das hiesige eidgenössische Polytechnicum berufen worden ist, wie nicht minder, daß eine ganze Anzahl der aus Rußland und Deutschland ausgewiesenen Familien von der Züricher Regierung in humaner Weise ausgenommen worden sind und hier eine neue Heimath gefunden haben. Einige gegentheilige Kundgebungen, wie das Verbot des Schächtens im Aargau und das Schreiben der Kinder am Sabbath daselbst, sind zu sehr von localen Ursachen bedingt, als daß sie dem Antisemitismus zugeschricben werden könnten. Frankreich. Paris, im Mai. Wie die Arch. isr. berichten, hat sich hier unter dem Namen Bene-Sion ein Verein gebildet und zwar aus jungen Russen, der zu seinem Zwecke hat, seine Mitglieder zu unterstützen, um sich in Palästina niederzulassen. Es gilt für sie, in dem Lande unsrer Urvater eine ehrenvolle Existenz durch Arbeit, insonders landwirthschaftliche zu erlangen. Neben diesem Zwecke ist die Pflege des Hebräischen und unsrer Literatur ihre Hauptsorge. Zu diesem Ende haben sie eine Bibliothek gegründet, die jedem Glaubensgenossen offenstehen soll. In derselben herrscht die hebräische Sprache vor, doch werden das Jüdisch-deutsche und andere Sprache nicht vernachlässigt. Paris, 20. Mai. (Privatmitth.) Der antireligiöse, antikonfessionelle Geist, welcher gegenwärtig in den maßgebenden Kreisen Frankreichs herrscht, hat sich eine neue Thatsache ausgesucht, um seinen Bestrebungen zu genügen. Daß damit wiederum ein Stück Religionsfreiheit abgerissen wird, darum kümmern sich diese Leute nicht. Sie stützen sich auf den Grundsatz völlig nivellirender Gleichheit, die doch niemals in solch mechanischer Weise durchführbar ist und welche sie für ihre eigenen Personen, die nur nach Herrschaft und Reichthum streben, nicht gelten lassen würden. Das städtische Cornitö für Leichenbestattung hat verordnet, daß die jüdischen Leichenbestatter nicht mehr für Bekenner des Judenthums fungiren, sondern ohne Unterschied die christlichen Leichenbestatter bei Juden, die jüdischen bei Christen thätig sein sollen. Daß hierüber in der jüdischen Gemeinde eine große Aufregung herrscht, ist natürlich; ein solcher Zwang, der noch dazu ganz zwecklos ist, ist geradezu empörend. Hierzu kommt aber noch, daß auf diese Weise die jüdischen Leichenbestatter gezwungen werden, in den katholischen Kirchen der gottesdienstlichen Leichenfeier beizuwohnen. Die Archives beklagen mit Recht sich darüber, daß das israelitische Consistorium ganz unthätig bleibt und sich gegen diesen Eingriff in die Religionsfreiheit nicht verwahrt. Bei einer früheren Gelegenheit that es dies so spät, daß die gesetzliche Bestimmung fertig war, ehe es sich nur regte. Es ist dies bei der Zusammensetzung der israelitischen Consistorien in Frankreich sehr erklärlich. Jedes Consistorium besteht hier nur aus Laien mit einem Großrabbiner. Diese Laien sind aber größtentheils Männer, welche in ihrem weltlichen Treiben längst jeden Eifer für das Judenthum verloren haben und das Amt nur als eine Ehre annahmen. Die Gleichgiltigkeit gegen alle religiösen Interessen bringt sie daher auch zur Unthätigkeit, zur Unbeweglichkeit, so daß der Nutzen ihrer Existenz ein sehr fraglicher ist. In einer der letzten Sitzungen des Wohlthätigkeitscomites brachte der Rabbiner Raphael Levy einen wichtigen Gegenstand zur Sprache. Es betraf die von gefallenen jüdischen Frauen verlassenen Kinder, welche als Findlinge ausgenommen und mit sehr geringer Ausnahme zu Christen erzogen wurden. Die Mittheilungen des Rabbiners regten die Versammlung auf. Nach langer Berathung über den Weg, den man einzuschlagen habe, beschloß man, diese verlassenen Kinder auf Kosten des Comites als Israeliten aufzuerziehen, obschon hierdurch dem Comito ein nicht geringer Zuwachs an Ausgaben entsteht. Man erkannte willig die Pflicht an, welche hier zu erfüllen sei. Rumänien. Bukarest, im Mai. (Privatmitth.) Das Ministerium Rosetti, welches uns einige Hoffnungen eingeflößt hatte, wurde durch das Ministerium Catargi ersetzt, welches sich als conservativ bezeichnet. Da hat uns denn eine Ordre des Kriegsministers überrascht, nach welcher nur Rumänen als Militairärzte angestellt werden dürfen, was nichts Anderes heißt — nach dem berüchtigten rumänischen Sprachgebrauch, Juden sind von diesem Amte ausgeschlossen. Dies ist noch schlimmer als in Rußland, wo wenigstens 5 Proz. der Militairärzte Juden sein dürfen. Dies eröffnet uns unter diesem Ministerium keine günstigen Aussichten. —. Eine Corressp. der Arch. isr. enthält folgende Schilderung. Die Soldaten israelitischer Religion hatten in der Garnison zu Bukarest während der acht Tage unsres Osterfestes Urlaub. Als gute Juden kamen sie am Abende vor dem ersten Tage in die Synagoge, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Nach dem Gebete wurden sie in das Baracheum geführt, wo Alles für den Szeder vorbereitet war. Es war ein hübscher Anblick, ungefähr achtzig brave israelitische Krieger vor allen Waffen, jung und muthig, mit ebenso sympathischem wie intelligentem Aussehen, um eine lange Tafel sitzen zu sehen, die angemessen gedeckt war, wobei sie ganz correkt und andächtig die schöne Hagada vortrugen. Die besondere Aufmerksamkeit der Zuschauer erregte es noch,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.