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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-30 · Heft 22 (30.5.1889) · p. Seite 341

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 22 (30.5.1889)
Date
1889-05-30
Page
Seite 341 (sequence 9)
Language
German
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341 bei der Feier des Volksschulgesetzes den Antisemitismus. Er bezeichnete denselben als Frevel und Verrath an der Sache des deutschen Volkes in Böhmen. Es sei eine Gewissenspflicht. vor solchen Bestrebungen und Verirrungen zu warnen. Prag, 16. Mai. Der czechische Protestantentag, an dem 600 Personen theilnahmen, der erste seit der Erlassung des Toleranzediktes, beschloß, indem er die jetzige antisemitische Strömung verurtheilte, eine Resolution zu Gunsten der interkonfessionellen Schule. Unter jubelnder Zustimmung der Anwesenden sagte der Vorsitzende: Wir wollen keine konfessionelle Schule, die nur geschloffen ist, Racenhaß zu predigen; wir wollen eine freie, den Charakter bildende Schule, in welcher die Humanität, die Gleichheit Aller und die Liebe zum Nächsten gelehrt wird. Pest, 16. Mai. (Privatmtth.) Der hiesige israelitische Frauenverein hielt heute Nachmittag seine diesjährige Generalversammlung ab. Dem verlesenen Jahresberichte entnehmen wir Folgendes: Im abgelaufenen Verwaltungsjahre wurden als ambulante Unterstützungen 10.464 fl. 50 kr., als monatliche Stipendien 5846 fl., als vierteljährliche Zinsbeiträge 4039 fl., zusammen daher 20.349 fl. 50 kr. in Baarem vertheilt. Im Mädchen-Waisenhause dieses Vereins wurden 50 gänzlich verwaiste Kinder, im Waisenasyl 44 halbverwaiste Kinder erzogen und betrugen die Ausgaben für beide Anstalten sowohl, als für die außer denselben erhaltenen 23 externen Mädchen insgesammt also für 117 Waisen 22.023 fl. 24 kr. Die Verpflegung eines Kindes stellt sich durchschnittlich auf 180 fl. im Waisenhause, auf 155 fl. im Waisenasyle und 93—100 fl. für die externen Waisen. Die dritte Wohlthätigkeits-Anstalt des Pester israelitischen Frauenvereins ist dessen Volksküche. In der Zeit vom 1. April 1888 bis 1. April 1889 speisten daselbst 122.962 Personen ohne Unterschied der Konfession; davon gänzlich gratis 24.231 Personen, zumeist arme Studirende, und in der Zeit vom 15. November bis Ende März, also während 4>/z Monaten, 13.135 arme Schulkinder zum ermäßigten Preise von 6 kr. per Mittagessen. Die Verwaltungskosten dieser Anstalt betrugen 14.429 fl. 11 kr. Die Gesammt-Ausgaben für säinmtliche Zweige seiner philanthropischen Wirksamkeit inklufive der allgemeinen Verwaltungskosten betrugen 58.160 fl. 97 kr., welchen nur Einnahmen im Betrage von 49.015 fl. 83 kr. gegenüberstehen. Das Verwaltungs-Defizit wurde von den einzelnen Fonds abgeschrieben. Die Bauschuld für das neue Waisenasyl und Volksküchengebäude, zu deren Begleichung bei der Ung. Allg. Kreditbank auf Grund der dort deponirten Werthpapiere ein Darlehen ausgenommen wurde, betrug am Schluffe des abgelaufenen Verwaltungsjahres 20.991 Gulden. Herr Baron Moriz v. Hirsch, der es freiwillig übernommen hatte, während des Zeitraumes von drei Jahren die Zinsen als Spende regelmäßig zu ersetzen, hat dieser munifizenten Zusage zufolge auch im abgelausenen Jahre den Betrag von 2250 fl. als dritte Rate übersendet und nahm die Generalversammlung Veranlassung, für diesen neuen Beweis eines nie versiegenden Wohlwollens den tiefgefühltesten Dank auszusprechen. Eines der erfreulichsten Momente in der vorjährigen Geschichte des Vereins war die Bereicherung des Waisenhaus-Vermögens uni 12.490 fl. 58 kr. als Stiftung des „Jo sziv“^ereiu?. Anläßlich dieser großartigen Spende wurde seinerzeit der Präsidentin des genannten Vereins, der Frau Koloman v. Tißa der Dank durch eine Deputation des Vereins-Ausschusses übermittelt. Pest, 19. Mai. (Privatmitth.) Die gestrige Sitzung des Abgeordnetenhauses war so bemerkenswerth, daß wir ihrer auch gedenken müssen. Der Abg. Jranyi brachte wie jährlich einen Gesetzentwurf über die Einführung der Religionsfreiheit in Ungarn ein, wie er dies jährlich zu thun pflegt. In der That besteht in Ungarn die Religionsfreiheit noch nicht. So z. B. ist der Uebertritt zum Judenthum unerlaubt und wird, wenn er in einem anderen Lande geschehen, hier nicht anerkannt. Auch die Baptisten sind vielfachen Verfolgungen ausgesetzt. Die katholische Kirche ist nicht Staatskirche, besitzt aber große Vorrechte. Minister Tisza erklärte hierauf, daß die Regierung in nächster Zeit eine Gesetzesvorlage einbringen werde, welche die Religionsfreiheit sichere, zugleich aber den Staat gegen Uebergriffe schützen solle. Zugleich kündigt er an, daß der Justizminister ein Gesetz zur Regelung der Ehegesetzgebung vorlegen werde. Bekanntlich ist der neue Justizminister Szilagyi sehr fortschrittlich gesinnt. Ob dieses neue Ehegesetz die Civilehe einführen werde, wie viele meinen, ist fraglich. Aber es giebt Punkte genug, in welche ein Ehegesetz Ordnung zu bringen hätte. Man erinnere sich, daß vor einigen Jahren die Mischehe vom Abgeordnetenhause genehmigt, vom Oberhause verworfen wurde. Wenn Tisza und sein jetziges Ministerium auf diesem Wege Vorgehen, geräth Ungarn in einen offenbaren Gegensatz zu Oesterreich, wo die Reaktion so heftige Vorstöße macht. Karlsbad, 17. Mai. Herr Löbl Jakobsohn, früher in Rotterdam, jetzt in Frankfurt domizilirend, ein langjähriger Stammgast der Sprudelstadt und wegen seines humanitären Wirkens weit bekannt, hat, wie der „Sprudel" schreibt, beschlossen, für die armen polnischen Juden, die so zahlreich in Karlsbad erscheinen und bisher in den entlegensten und schmutzigsten Quartieren nisteten, ein Asyl zu gründen, welches ihnen Wohnung, vollständige Verpflegung, alle Kurmittel, ärztliche Behandlung und — Bekleidung bietet. Herr Jakobsohn stellt nämlich die Bedingung, daß sie während des Aufenthaltes in dem Knrhause die polnische Kleidung gegen die übliche vertauschen müssen. Das „Jakobsohn'sche Kurhaus", auf hundert Betten berechnet, soll in der Nähe des 22

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