Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1889)
- Date
- 1889-05-30
- Page
- Seite 340 (sequence 8)
- Language
- German
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340 Die Radau-Antisemiten der Böckel'schen Observanz haben in den letzten Tagen mehrere Versammlungen abgehalten. In einer kam folgende Frage zur Erörterung: „Stellt sich der Deutsche Antisemitenbund dem Hofprediger Stöcker feindlich gegenüber?" Der Vorsitzende erklärte sich nicht für autorisirt, im Namen des Deutschen Antisemitenbundes eine Erklärung abzugeben. Was die Stellung der Reformpartei zum Hosprediger Stöcker anbelange, so würde sie denselben mit Freuden begrüßt haben, wenn er aus Liebe zur Sache auf sein Amt verzichtet hätte (lebhafter Beifall), wenn er Amt und Würden den antisemitischen Bestrebungen zum Opfer gebracht hätte, wie das der Reichstagsabgeordnete Böckel seiner Zeit gethan. (Lebhaftes Bravo.) Wenn Herr Stöcker aus der konservativen Partei, in der noch so viele Gründer säßen und noch so viele in geschäftlichen Verbindungen mit Juden stünden, austrete und unbekümmert um seine Stellung seine Ueberzeugung hoch halten und den reformatorischen Bestrebungen seine Kraft widmen wollte, so würde er dem deutschen Reformverein willkommen sein. Bon diesen reichgesäeten Wenns wird sicherlich nicht ein einziges aufgehen. Luxemburg. Luxemburg, 20. Mai. (Privatmtth.) Die hiesigen Zeitungen bringen jetzt den Wortlaut des obergerichtlichen Erkenntnisses gegen den Redakteur des „Luxemburger Wort" in seiner ganzen Ausdehnung. Nach dem von uns gegebenen Berichte ist es nicht nöthig, dasselbe hier wiederzugeben. Das Hauptgewicht liegt darin, daß sich der Gerichtshof auf eine krittsch-theologische Untersuchung über die vom Angeklagten vorgebrachten Beschuldigungen des Talmuds nicht einlassen wollte, sondern anerkannte, daß der incriminirte Artikel schwere Beleidigungen gegen eine im Großherzogthum gesetzlich anerkannte Religionsgenossenschaft enthalte. Der Gerichtsvollzieher ist denn auch dem verurtheilten Redakteur ins Haus gezogen, um die Zahlung der 500 Francs Strafe und die Einrückung des gerichtlichen Urtheils in das Luxemburger Wort zu fordern. Hoffen wir, daß uns ein ähnlicher Vorgang in Zukunft erspart bleibe. Veranlassung ist niemals dazu gegeben worden, und wenn unmotivirter Haß nach einem Ausbruch verlangt, so muß er der Strafe sich unterziehen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 17. Mai. In der heutigen Gemeinderathssitzung interpellirte der Antisemit Polzhofer den Bürgermeister, ob er nicht geneigt sei, bei dem Statthalter und bei dem Minister-Präsidenten vorzusprechen, um durch eine wahrheitsgetreue Schilderung der Wiener Verhältnisse die gegen die christliche Bevölkerung inszenirte Hetze (Saatmarkt, Orientzug re.) zu entkräften. Der Bürgermeister erwiderte kurz, die Behörden seien jedenfalls ebenso gut wie er über die Wiener Verhältnisse informirt und in die Streitigkeiten der Journale sich zu mengen, halte er sich nicht für verpflichtet. Eine weitere von antisemitischer Seite ausgehende Interpellation bezüglich eines Vorfalls in einer der letzten Sitzungen beantwortete der Bürgermeister Uhl dahin, daß er bedaure, wenn er ungeziemende Aeußerungen eines Mitgliedes der liberalen Partei überhört habe, aber keineswegs bedaure er, den Gemeinderath Vetter zurechtgewiesen zu haben. Wien, 20. Mai. (Privatmth.) Es war das erste Mal, daß die Juden in den zehn Jahren, welche nunmehr die antisemitische Hetze dauert, aus ihrer völlig passiven Rolle herausgetreten sind, daß der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde durch eine Deputation und Adresse an den Premierminister, also an die Staatsregierung, sich wandte, welchem Beispiel in Prag Folge geleistet ward. Hierdurch ' wie durch eine Interpellation im Abgeordnetenhause war die Staatsregierung gewissermaßen genöthigt, sich über diese Frage zu äußern und zu den antisemitischen Unruhen Stellung zu nehmen. Wir haben hierfür nur in Ungarn ein Beispiel. In der That war es auch hohe Zeit, wenn den pöbelhaften Auftritten in Wien ein Halt! zugerufen werden sollte. Die Regierung erklärte zuerst die Unverletzlichkeit des Grundgesetzes der Gleichberechtigung, womit allen Versuchen der Antisemiten, gesetzgeberisch einzuwirken, ein Strich durch die Rechnung gemacht worden. Wichtig ist immerhin das Versprechen, welches der Premierminister weiterhin gab, allen antisemitischen Ausschreitungen entschieden entgegenzutreten. Hier freilich wird es darauf ankommen, ob das Versprechen auch durch die That erfüllt werde, da eine falsche Verheißung Die Frage frei läßt, wie weit sie verstanden werde. Fügte doch Graf Taaffe sofort hinzu, daß das Preßgesetz viel zu liberal sei, um entschieden einzugreifen. Wer aber weiß, auf welche Weise in den letzen Jahren das Preßgesetz hinsichtlich der Coufiscationen und strafrechtlichen Verfolgung der Presse gehandhabt worden, wird hierin mehr eine Ausrede, eine Beschränkung des Versprechens selbst erblicken. Wir müssen also das Weitere abwarten. Vorläufig hat die Stadt Wien ein erstes Memento durch den Saatmarkt erhalten, der, wenn er noch zu Stande kommt, äußerst schwach besucht sein wird. Auf dem Gebiete des Handels und der Industrie ist aber ein solches Präcedens gefährlich; wenn man sich erst von einem Platze entfernt hat, zieht man sich schnell von ihm zurück und gewöhnt sich, seine Aktion anderswo zu suchen, mögen deshalb diese Vorgänge auf die Stimmung in der schönen Donaustadt entschieden einwirken, damit wir wieder zu dem ruhigen und anmuthenden Leben zurückgelangen, durch welches Wien so überaus anziehend gewesen. Prag, 15. Mai. Schmeykal stigmatistrte in seiner Rede