Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1889)
- Date
- 1889-05-30
- Page
- Seite 339 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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339 zu beschränken. Und doch, was ist mehr geeignet, die Juden der anderen Klassen der Bevölkerung näher zu bringen, alseine gemeinschaftliche Erziehung? Was besser dazu angethan, sie von ihren traditionellen Vorurtheilen zu befreien und sie ihrer talmudischen Exelusivität zu entreißen, als der klassische Unterricht und die Universitätsstudien? Was man bei anderen Rassen geneigt ist zu loben, den Sinn für die Bildung, wird zum Verbrechen für die Söhne Jakobs. In Rußland wie in Deutschland wirft man ihnen ihren Eifer, sich Zu unterrichten, vor, ohne einzugestehen, daß man ihnen ihre Erfolge in der bescheidenen Arena der Schulkampfe beneidet. Thatsache ist, daß in manchen Städten das Verhältniß der jüdischen Schulen zu den christlichen Schülern bedeutend ist; die Schulen beiderlei Geschlechts sind von den Semiten überfüllt. In Odessa, der Stadt im ganzen Reiche, wo die Juden am wohlhabendsten sind, gab es in den rus- „ fischen Schulen bis zu 50 und 70 Prozent Juden. Die Regierung hat beschlossen, diesem Skandal (!) ein Ende zu machen. Das Ministerium des öffentlichen Unterrichts scheint darin eine Gefahr für die nationale Bildung gesehen zu haben. Es wurde im Jahre 1887 befohlen, daß künftig kein Gymnasium mehr als 5 Prozent jüdische Schüler aufnehmen solle, selbst in den Distrikten und Städten, wo die Juden 25 oder 30 Prozent der Bevölkerung bilden. In den Schulen des Innern des Reiches, besonders in denen der beiden Hauptstädte, wurde die Zahl der Schüler mosaischer Religion auf 3 Prozent herabgedrückt. Die vorgenommenen Maßnahmen für den Sekundärunterricht wurden bis auf die Universitäten ausgedehnt. Der Prozentsatz der Israeliten, denen gestattet wurde, Jura, Medizin u. s. w. zu studiren, wurde auf eine beliebige Zahl reduzirt. Im Jahre 1887 z. B. hatten sich 75 junge Leute auf der Universität zu Dorpat einschreiben lassen; 7 wurden zugelassen. Wie viel Kummer und Wuth unter diesen Studenten, welchen so die Pforten der höheren Ausbildung und der Zugang zu den wenigen besseren Carrieren verschlossen worden, welche das Gesetz ihnen frei offen läßt! Mau hat sich beklagt, daß unter den Anhängern des Nihilismus sich Israeliten beiderlei Geschlechts befinden. Sollen sie durch solche Vorgänge Rußland und den Czaren lieben lernen? Wirklich, die Urheber der Revolution haben Complicen in den Räthen des Souveräns, wenn sie ihm keine besseren Maßnahmen zuflüstern können, um das geistige Proletariat zu verstärken, aus dem jener seine Anhänger rekrutirt. Man darf nicht vergessen, daß solche Beschränkungen für einen Juden viel störender sind, als für jeden Anderen; denn nach dem russischen Gesetze bedeutet ihm ein Universitätsdiplom verweigern, ihm das Recht des freien Wohnens in den Hauptstädten und im Reiche verweigern. Man hat sich gefragt, ob die Beschränkung der Zahl der Israeliten in den Schulen und auf den Universitäten sich auf die Rasse oder auf die Religion beziehe? Junge Leute, die von der Universität zu Kiew abgewiesen wurden, weil die Zahl der jüdischen Studenten schon vollzählig war, haben im Jahre 1887 die Erlaubniß nachgesucht, als Christen zugelaffen zu werden. Die Verwaltung erwiderte ihnen zuerst, daß das neue Gesetz sich auf alle jungen Leute jüdischen Ursprungs beziehe. Das Ministerium scheint diese Interpretation nicht angenommen zu haben. Wir glauben, daß die getauften Juden schließlich die Thore der Alma mater von Kiew vor sich geöffnet sahen. Nichts ähnlicher den Traditionen und dem Geiste der russischen Gesetzgebung, welche sich nicht scheut, gesetzliche Aergerniffe anzuwenden, um dem herrschenden Glauben Juden oder Irrgläubige zuzusühren. Sich an die Religion halten, ist vielleicht menschenfreundlicher als sich an die Rasse zu halten; aber wie steht es dabei mit der Gewissensfreiheit? Ist es nicht die Religion, nach welcher direkt gezielt worden, da der Jude, um das Recht oder die Medizin studieren zu können, nur äußerlich den Glauben seiner Väter zu verleugnen braucht? Erinnert das nicht an die Zeiten, wo die Theologie als eifersüchtige Wächterin an den Universitäten des Westens wachte? Das erinnert noch an ein anderes Ereigniß. Der Kaiser Julian hatte auch im Alterthum den Einfall, die höheren Studien gewissen Unterthanen zu verbieten; damals waren es die Christen, und von allen vom Apostaten gegen die Galiläer erbrachten Maßnahmen wurde diese für die abscheulichste gehalten. (Schluß folgt.) Deutschland. Berlin, 21. Mai. Nachdem Stöcker als antisemitischer Agitator vorläufig zur Ruhe gebracht worden, kann man neugierig sein, wie sich sein Gegner Böcke! als Führer der fanatischen Antisemiten und seine Garde betragen werden. Hierüber giebt eine Corressp. der Franks. Ztg. Aufschluß, wobei wir bemerken wollen, daß man in Berlin selbst diesem Privatvergnügen der Böckelianer keine Aufmerksamkeit schenkt. Jene lautet: