Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1889)
- Date
- 1889-05-30
- Page
- Seite 335 (sequence 3)
- Language
- German
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335 Hauptgewicht liegt für dieselben in der Bekehrung der Juden,| in der wirklichen Bekehrung derselben durch die Missionäre! und die orthodoxen Geistlichen. Es ist sehr fraglich, ob sie den spontanen Uebertritt von Juden gern sehen, von Juden, welche, ihrer Religion abgestorben, aus eigennützigen Gründen sich von derselben lossagen, um für sich oder ihre Kinder, für ihre Carriere oder ihre gesellschaftliche Stellung Vortheile zu erlangen. Die Feindschaft, welche sich bei den Antisemiten auch gegen die getauften Inden zeigt, möchte beweisen, daß sie solchen Uebertritt nicht gern sehen. Die Männer, von denen wir hier reden, wissen wohl, daß die Kirche an diesen Juden meist keinen Gewinn, sondern Schädigung erfahren. Mit Ausnahme derer, welche nach ihrem Uebertritt einen besonderen kirchlichen Eifer bezeugen wollen, sind diese Neophyten gerade solche Christen, wie sie vorher Juden waren. Im Interesse jener wirklichen Bekehrung aber empfinden diejenigen, welche sie betreiben, einen viel größeren Widerstand bei den Reformjuden als bei den anderen. Diese Meinung ist bei ihnen allgemein und muß sich durch die Erfahrung bei ihnen gebildet haben. Sie wollen die Strenggläubigkeit der orthodoxen Juden für die christliche Gläubigkeit benutzen, und glauben nun, daß diese Gläubigkeit an den Buchstaben der Schrift bei den Reformjuden abgeschwächt sei. Ihre wesentlichen Bekehrungsmittel bestehen in der christologischen Auslegung gewisser Stellen des Alten Testaments, die sie eben als messianisch erklären. Vermittelst derselben wollen sie die Juden überreden, daß der Stifter der christlichen Religion der wahre Messias gewesen. Ist ein Jude zu diesem Glauben gebracht, dann wird es auch leichter, die christlichen Dogmen ihm beizubringen. Dies ist ihr ganzer Apparat. Mit demselben können sie dem vermeintlichen Reformjuden gar nicht beikommen, da dieser mit der Exegese dieser Stellen, wie die moderne Wissenschaft, die Sprachkunde und der Zusammenhang der in Betracht gezogenen Stellen den Sinn festgestellt haben, bekannt sind, sich auf dieselben berufen oder überhaupt für solche mystische Auslegung keinen Sinn haben. Diejenigen also unter den Missionären, Orthodoxen, Geistlichen und ihren Anhängern, welche die Hoffnung nicht aufgcben, durch jene Schriftstellen die Juden zu bekehren und daß einst sämmtliche Juden sich der derartigen Gläubigkeit zuwenden würden, sehen in dem, was sie. „Reformjudenthum" nennen, einen für sie unüberwindlichen Gegner, und es ist deshalb sehr erklärlich, daß sie dasselbe befeinden und zwar, indem sie es für gar kein Judenthum erklären. Die Juden selbst wissen dies besser und halten dieses Verfahren für eine ungerechtfertigte Anmaßung. Wir können uns von einer solchen sreisprechen, denn die Juden haben es niemals unternommen, in den Streitigkeiten der christlichen Confessionen ein Urtheil zu fällen oder etwa die Frage zu beantworten, ob die Altkatholiken noch Katholiken, die Protestantenvereinler noch Protestanten seien. Wir überlassen dies den betreffenden Confessionen und ihren Theologen selbst. — Hiermit begnügen wir uns heute. Wir wollen nicht in die Fehler unsrer Gegner verfallen, nicht angriffsweise Verfahren. Sonst könnten wir uns über die unaufhörlichen Schwankungen im Christenthume auslassen, oder die vielen schlimmen Urtheile über die Missionen, wie sie zahlreiche christliche Reisende ausgesprochen, z. B. jüngst Prof. Richard Garbe in seinen „Indischen Reiseskizzen" (Berlin, Paetel 1889, S. 249 ff.), zusammenstellen. Nun, wenn wir auch nicht die linke Wange hinreichen, falls man uns auf die rechte schlägt — was wir nicht billigen, auch keine Beispiele davon vor uns sehen — halten wir doch treu am Gesetze, das uns (3. Mos. 19,18) vorschreibt: „Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen, verweisen inagst du deinen Nebenmenschen, daß du nicht seinetwegen Sünde trägst, du sollst dich nicht rächen und keinen Zorn nachtragen." Paris, im Mai. Die Juden in Rußland. Bon Anatole Leroy-Beaulieu. III. Die Juden werden heute wie Fremde behandelt, oder vielmehr, sie werden wie Reichseinwohner betreffs der Verpflichtungen, wie Fremde betreffs der Rechte behandelt. Wenn dieses Princip auch in der Gesetzgebung nicht ausgesprochen ist, so ist der Gesetzgeber doch fortwährend davon beeinflußt worden. Das Gesetz zwingt die Juden zu allen Lasten der Unterthanen, Steuern und Militärdienst einbegriffen; sie verweigert ihnen viele Bürgerrechte. Die erste unter allen Freiheiten, die des Domicils, die zu gehen und zu kommen, existirt nicht für den Juden. Er ist nicht Herr darüber, zu wohnen, wo er will; das Recht, in allen Theilen des Reiches zu wohnen oder zu reisen, ein Recht, das allen anderen Unterthanen des Czaren durch das Gesetz garantirt ist, das Gesetz verweigert es den 4 Millionen Israeliten. Es giebt eine Region, die den Juden offen steht: das ehemalige Polen mit einigen Gouvernements, die an Klein- und an Neu-Rußland stoßen. Hier ist gleichsam ein großes Ghetto, wo die Israeliten eng zusammengepfercht leben. Das übrige Reich, das heißt das ganze Groß-Rußland, die ganze ehemalige Moskowei, fast alle russischen Besitzungen in Europa und Asien, bleiben ihnen verschlossen. Eine Ausnahme findet nur für einige Bevorzugte statt, welche eine verschwindende Minorität bilden. Indem die Czaren den Juden in die früheren polnischen Provinzen einschließen, wo sie ihn schon installiri gefunden, scheinen sie das heilige Ruß- 22*