Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1889)
- Date
- 1889-05-23
- Page
- Seite 330 (sequence 14)
- Language
- German
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330 Jeuil Krakau, im März. Ein Vehmgericht. Schilderung aus Galizien. Von S. Horowitz. Reb Berisch war der Sproß eines alten, vornehmen, reichen Geschlechtes und stand jetzt im 60. Lebensjahr. Er führte ein ausgebreitetes Productengeschäft, unterhielt mit dem Auslande Handelsverbindungen und genoß in der Gemeinde ein großes Ansehen. Sein Haus bildete den Mittelpunkt für die intelligenten, dem Fortschritte huldigenden Elemente, und er konnte als deren geistiges Oberhaupt betrachtet werden. Er hatte zwei erwachsene Söhne, welche ihm im Geschäfte zur Seite standen, und da er sich von Jugend auf für hehre culturelle Zwecke interessirte, stellte er seine freie Zeit den ihm und seiner Partei am Herzen liegenden Interessen Zur Verfügung. Die Stadt zählte zu den größeren Galiziens, hatte eine vorwiegend jüdische Bevölkerung, so daß letztere dem Gemeindewesen ihre Signatur aufdrückte. Seit einiger Zeit machte sich im Schooße des fortschrittlichen Parteitagers eine Bewegung bemerkbar, welche der in starker Majorität befindlichen, zelotischenFraction Sorgen verursachte. Bisher verhielten sich die Fortschrittler passiv, so daß die Chassidim ungestört ihr Unwesen treiben und alles mit ihren Netzen umspannen konnten. Befand sich doch in ihrer Mitte der hohe Olymp und der chassidische Hohepriester konnte seine Mirakelsprüche unter Donner und Blitz verkünden, daß seine Anhänger von nah und fern gläubig lauschten, die Thaten und Unthaten des Wundermannes andächtig bewundernd. Aus weiter Ferne kamen sie herangezogen die geistig blinden Pilgerschaaren, die wunderwirkenden Worte des Rebben zu vernehmen und drängten sich an sein Hoflager heran, die geheiligte Person von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Drin in der „Burg" wimmelte es zu jeder Tages- und Nachtzeit von Supplikanten und jeder legte zu Füßen des Altars seinen Obulus nieder. Der Hofstaat des „Weisen" sorgte auch für seine Taschen^ die Wallfahrer entrichteten auch da ihren Tribut, so daß die ganze Sippschaft in Saus und Braus lebte. Jedem wurde Absolution ertheilt, Rathschläge für das Seelenheil mitgegeben und ist doch selbstredend, daß die also wie neugeborene Kinder unschuldig Gewordenen für die leiblichen Bedürfnisse der säubern Cohorte zu sorgen hatten. Der Schutzpatron thront inmitten seiner Getreuen von zwischen Wolken, für die profane Außenwelt unsichtbar und nur von Zeit zu Zeit durchschnitt ein Bannstrahl das ihn umgebende Dunkel, daß die die hiervon Getroffenen wie vernichtet zusammensanken. Bor Monaten erst fiel solch ein Blitz aus der rebbischen Residenz auf das Haupt eines armen Insassen, der es in seiner „Gottlosigkeit" wagte, . l e f o tt. eine abfällige Aeußerung gegen die chassidische Popanz fallen zu lassen und der arme Don Quixote wurde von allen wie ein Verpesteter gemieden, daß er sich gezwungen sah, sein Bündel zu schnüren und auszuwandern. Hohnlachend schauten die Chassidim dem Abzüge des „Ketzers" nach, und die junge Generation hielt es für eine Mizwa — gute That — ihm als Zehrpfennig einige Steine nachzuschleudern. Die Gutgesinnten knirschten mit den Zähnen, da sie gegen das verdammenswerthe Vorgehen keinen Rath wußten. Auch sie mußten sich so manches gefallen lassen, denn als verschwindend kleine Minorität konnten sie gegen die zelotische Sintfluth nicht aufkommen, es mußte sich denn ein zweiter Noah finden, der ihnen eine Arche erbaue, auf daß sie dieser verheerenden Ueberschwemmung Widerstand leisten, bis es der allgemeinen Aufklärung gelänge, ihren Oelzweig aufzupflanzen. Da raffte sich R. Berisch zu einer, unter den obwaltenden Umständen heroischen That auf und beschloß, den finsteren Mächten den Fehdehandschuh hinzuwerfen und mit dem Obscnrantismus den Kampf aufzunehmen. Nein, nicht weiter sollte das finstere Ungethüm wüthen, nicht weiter mit seinem Schatten Alles in dunkle Nacht hüllen. Es galt, den Fanatismus zu brechen, den, der Natur der reinen jüd. Religion Hohn sprechenden chassid. Cultus, wenn auch nicht ganz zu zerstören, so doch zu schwächen, auf daß sein ihn umgebender Nimbus wie der Nebel vor der Morgendämmerung weiche. Fürwahr ein edler Kampf, würdig ein Menschenleben daran zu setzen, und R. Berisch nahm sich vor, alle seine Kräfte aufzubieten und mit offenem Visir diesem am Organismus der polnischen Judcnschaft zehrenden Moloche entgegenzutreten. Der letzte Cherem — Bannbrief — gab eine gute Handhabe ab und seine Partei war empört. Heute sollte Kriegsrath gehalten werden und allmählich füllte sich R. Berisch's Wohnung mit seinen Parteigenossen. Was die Stadt an Geistesadel aufzuweisen hatte, schwor zu seiner Fahne, während im gegnerischen Lager ein gedankenloser und irregeführter Troß wüthete. Die „Linke" hatte das gute Recht und die geistige Ueberlegenheit auf ihrer Seite, die Machthaber eine numerische Uebermacht, von einem blinden Fanatismus beseelt. Die Dämmerung brach herein, als R. Berisch's Säle so ziemlich voll waren, und die Versammlung verrichtete zusammen das Mincha Gebet. Er hatte eine feierliche Miene und die Gäste theilten sich in kleine Gruppen, sich leise unterhaltend. Da erscholl die ernste Stimme des Wirthes und alles ward aufmerksam: