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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-23 · Heft 21 (23.5.1889) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 21 (23.5.1889)
Date
1889-05-23
Page
Seite 331 (sequence 15)
Language
German
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3Z1 „Meine Herren! Es freut mich, daß Sie die Güte hatten, meiner Einladung Folge zu leisten und sich so zahlreich einzustnden, wofür ich ihnen bestens danke, und betrachte ich dies als ein günstiges Omen für den Verlauf unserer Sache. Ich erachte es für überflüssig, Ihnen den Zweck unserer heutigen Versammlung auseinanderzusetzen, da jeder von Ihnen denselben bereits herausgefunden haben wird, und kann es sich jetzt nur darum handeln, geeignete Mittel ausfindig zu machen, um gegen die Finsterniß, welche immer dichtere Schatten um sich wirft und immer weitere Kreise um sich zieht, mit Erfolg ankämpfen zu können. Sie werden es nicht ruhig hinnehmen, daß ein Fanatiker Sie terrorisire, weil er einen zahlreichen Pöbel für sich hat. Sie können es nicht dulden, daß in unserer Gemeinde das lichtscheue Wesen immer weiter um sich greife, daß ein Verblendeter oder Betrüger der gesunden Vernunft ein Schnippchen schlage und wie ein ägyptischer Magier in krampfhaften Verzückungen seinen Hokuspokus auskrame. Soll er, soll sein Hofstaat in Ueberfluß schwelgen, ihre Tage entweder beim Becher oder unter Hallucinationen zubringen, indeß die arme, bethörte Menge durch die Trommelreclame angelockt wird, um hier Erlösung von ihren Leiden zu finden, in Wirklichkeit aber ihre Taschen leert. Nein, das dürfen wir nicht dulden. Die finstere Macht breitet sich immer mehr aus, und schon der Selbsterhaltungstrieb zwingt uns, ihr entgegenzutreten, auf daß sie uns nicht verschlinge. Andererseits aber muß ich Sie daranf aufmerksam machen, daß der Kampf kein leichter sein wird, und wer offen in die Schranken treten will, gut daran thäte, sein Haus zu bestellen, denn unseren Gegnern sind keine Mittel zu schlecht. Ich, meine Herren, habe am wenigsten zu riskiren, ich bin so ziemlich unabhängig, meine Familie ist versorgt, das Geschäft wird von meinen Söhnen geleitet, und ich kann über mich verfügen, wenn es gilt, einer gerechten Sache zum Siege zu verhelfen. Deshalb, meine Herren, habe ich Sie eingeladen, daß Sie mir Vollmacht ertheilen, geeignete Schritte zu unternehmen, den gemeinschädlichen Einfluß des Rebben zu paralisiren. Das Odium, welches mein geplantes Vorhaben consequenter Weise im Gefolge haben muß, nehme ich allein auf meine Schultern, denn nach außen darf man nur mich kennen. Jeder von Ihnen, meine Herren, hat seiner Familie gegenüber Pflichten, so daß er seine Person den giftigen Pfeilen nicht aussetzen darf. Ich wünsche, daß Sie mich mit dieser Mission betrauen, mich im Stillen mit Ihrem Rathe unterstützen, wodann ich offen gegen den Wundermann auftreten werde, und schwöre ich, nicht eher zu ruhen, bis einer von uns beiden gezwungen sein wird, den Schauplatz zu räumen. Meine Herren, ich weiß nicht, ob Ihnen folgende polnische Mythe bekannt ist. Noch vor der Erbauung Krakau's soll auf dessen jetzigem Territorium am Weichselufer ein Drache gehaust haben, welcher der Schrecken der ganzen Gegend war. Aus seiner Höhle machte er Jagdausflüge auf Menschen und Thiere, verwüstete die umliegenden Ortschaften, denn Alles fiel dem Raubthiere zur Beute. Dem Ungethier war nicht beizukommen und nach jedem Raubzuge kehrte es grinsend und zähnefletschend unversehrt nach seinem Schlupfwinkel zurück. Da verfiel ein gewisser Krakus auf eine einfache, aber geniale Idee. Er schlachtete ein Lamm, schlitzte ihm den Bauch ans, schnitt die Eingeweide ans, füllte das Innere mit Schwefel rc. und warf das so präparirte Opfer dem Ungeheuer zum Fräße hin. Der Drache ließ sich natürlich die willkommene Beute nicht entgehen und verendete. Vom Raubthiere befreit, athmete die Bevölkerung auf und wählte ihren Erretter zu ihrem Anführer. So weit die Volkssage. Ich will selbe zwar nicht buchstäblich auf unseren jgafl anwenden, aber etwas Analoges ist vorhanden. Meine! Herren, ich bitte mittelst Abstimmung mir das Mandat über-! tragen zu wollen."! Er hielt inne und einstimmig wurde er mit der Mission betraut, offen den Rebben den Krieg zu erklären! und ihm jede Unterstützung zngesichert. R. Berisch dankte I der Versammlung für das Zutrauen und langsam ging selbe auseinander. Einige Wochen waren verstrichen und R. Berisch entwickelte eine fieberhafte Thätigkeit, daß er nach den Begriffen der Chassidim viel Unheil anrichtete, denn er widmete jetzt seine Zeit ausschließlich dem übernommenen Missionswerke. In der Klaus und im Marktgerichte predigt er offen gegen den Rebben, gegen die schädlichen Folgen dieses Popanz, welche nur dem Fanatismus ihre Existenz zu verdanken haben. An der Hand der heiligen Bücher wies er nach, daß das Rebbethum mit seinem falschen, religiösen Flitter nur Humbug sei, im Judenthume weder basire noch aus demselben resultire, daß die usurpirten Attribute des als Wundermann gellen wollenden Rebben Lug und Trug sein und daß jeder Rebbe in der chassidischeu Bedeutung des Wortes entweder Betrüger oder Betrogener sein müsse. 8t- Berisch wagte sich sogar in's feindliche Lager, und selbst in der „Burg" bot er all seine Kräfte auf, dessen Anhänger für die reale Wahrheit zu gewinnen. Er stieg in die Herbergen der zugereisten Pilger, entwarf ihnen ein wahrheitsgetreues Bild von ihrem angebeteten Oberhaupte, entkleidete ihn seines falschen, nur in der Fantasie seiner blinden Gläubigen vorhandenen Glorienscheines, wies ihnen nach, daß die i vermeintlichen Wunder auf natürliche Ursachen zurückzuführen seien, daß die fanatische Masse die Mäuler weit aufriß und! verdutzt dreinschaute. (Schluß folgt.)

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