Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1889)
- Date
- 1889-05-23
- Page
- Seite 327 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227793--46222-3265773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
327 und Otto Polak im Namen Menger's von Türk, welcher die Antisemiten Bergani und Kaiser als Vertrauensmänner bezeichnete, Genugthuung. In der Abendsitzung verlas Türk eine vereinbarte Erklärung, worin er die Beleidigung Mengers revocirte. Hierauf zog der Präsident den Ordnungsruf zurück und sprach seine Befriedigung über diesen Ausgang der Affaire aus. Es geht daraus hervor, wie gern man mit den Antisemiten Frieden hielte, wenn diese ihn wollten. — In den Bezirksausschuß wurden vom ersten Wahlkörper in allen Bezirken Liberale gewählt. Wien, 14. Mai. (Privatmitth.) Der Antisemitismus fängt an Früchte zur Reife zu bringen. Die Folgen des wüsten Treibens beginnen sich einzustelle». Schon seit längerer Zeit macht sich der Niedergang Wiens bemerkbar, nun erklären die Fremden, daß sie Wien, welches sonst auf die Fremden einen Zauber übte, meiden wollen. Der Saatenmarkt wird, wie es scheint, trotz der Anstrengungen des Handelsministers Huner hier nicht zu Stande kommen und der Fremdenverein sah sich veranlaßt, beim Grafen Taaffe Vorstellungen über das Treiben der „vereinigten Christen" zu machen. Die Verrohung und Verwilderung der Organe der Antisemiten kennt keine Schranken und sie verschmähen kein Mittel, um die Massen aufzuhetzen. Diese Journale klagen über die „Judenpresse". Will man jedoch ehrlich sein, so muß man sagen, daß selbst die Revolverpresse, welche sich bekanntlich zu keiner Confession bekennt, nicht im entferntesten das an Verlogenheit leistet, was die antisemitische Presse den Lesern bietet. Ich erinnere diesbezüglich an die Einleitung des „Vaterland" zur Publication der Denkschrift des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde. Der unbefangene Leser mußte glauben, das Journal habe die Denkschrift von einem Minister empfangen, und doch war es blos ein Setzer, der Mißbrauch getrieben hat. Einige Journale meinten, der Justizminister Graf Schönborn hätte die Denkschrift dem „Vaterland" übermittelt; man that dem Manne großes Unrecht. Es ist nicht meines Amtes, als Anwalt des Grafen Schönborn aufzutreten, aber der Wahrheit die Ehre. Was Graf Schönborn über die staatsrechtlicheFrage in Oesterreich denkt, kann uns als Juden ganz gleichgiltig sein; aber so viel ist gewiß, daß er als Statthalter in Mähren gegen die Juden im besten Sinne des Wortes gerecht war. Er hat übrigens in den letzten Tagen wiederholt bei den Berathungen im Abgeordnetenhause die Gelegenheit wahrgenommen, sich in der abfälligsten Weise über die antisemitische Presse zu äußern. Wien, 16. Mai. (Privatmitth.) Es wäre doch zu weit gegangen, wenn man annähme, daß der durch den Antisemitismus und den Katholikentag, sowie durch die Tramway- Tumulte in der Stadt Wien hervorgebrachten Gährung gegenüber das liberale Bürgerthum sich nicht aufraffe und gegen jene Strömung reagire. Stellen wir einige Beweise hierfür zusammen. Am 11. d. M. versammelten sich über 2000 Wiener Bürger, um den zwanzigjährigen Bestand des Volksschulgesetzes, das jetzt so vielen Angriffen von Seiten der Reaktion ausgesetzt ist, zu feiern und alle Liberalen zu dessen Vertheidigung zu vereinigen. Hauptredner war Prof. S u e ß. Er ergriff das Wort, um unter großartigem Jubel eine jener Reden zu halten, die wegen ihres warmen Tones und ihrer leichten Faßlichkeit auf die Zuhörer immer eine tiefe Wirkung üben und diesen Gelehrten zu einem gefeierten Volksredner machen. Die ganze moderne Reaktion beleuchtete Sueß mit einigen treffenden Sätzen. Früher einmal meinte man, daß derjenige ein Wohlthäter des Volkes sei, welcher ihm billiges Brod giebt, heute erhöht man die Brodpreise. Früher meinte man, daß die Steuern dem Staate gehören, der nur so viel Steuern einhebt, als er braucht; heute zahlt man, wenn man ein Stückchen Zucker ißt, eine Lampe mit Petroleum füllt, ein Glas Branntwein trinkt, nicht nur dem Staate, sondern auch dem Fabrikanten eine Steuer. Und dieselben Leute, welche diese Gesetze machen, predigen gegen die Ausbeutung des Volkes! Nun faßte Sueß den Prinzen Liechtenstein, der an derselben Stelle den Schutzzoll, die Jsolirung des Staates, die Fesselung des Individuums, die Erstarrung der Gesellschaft als das Ideal der menschlichen Gesellschaft hingestellt hat. Der Vergleich, welchen der Prinz mit Shylock machte, sei unüberlegt gewesen, denn er selbst sei der Shylock des österreichischen Parlaments, der nicht wuchert mit Geld, sondern mit höheren Werthen, der auf Grund eines Scheines, der um einen billigen Preis zu erhalten war, bei Bewilligung der Branntweinsteuer und des Budgets, nunmehr verlangt, daß den Völkern Oesterreichs ein Pfund Fleisch aus dem Leibe geschnitten werde, dort, wo es dem Herzen am nächsten ist. Mögen Verblendete solchen Herren die Steigbügel halten, wohin diese Herren reiten, das könne man in Belgien sehen. Wer sein Volk liebt, giebt ihm gute Schulen, wer ihm diese Schulen nimmt, stempelt sich zum Verräther am Volke. Gegen diese Neuschulen toben Leute, die nicht lesen und schreiben können, und so kommen die Petitionen gegen die Neuschule zu Stande. Die Schule ist zum parlamentarischen Tauschobjekte gesunken, und dies ist ein Vorgang, den man nicht genügend hart verurtheilen kann. Als Sueß gelobte, daß die Liberalen im Dienste des Vaterlandes und der höchsten Aufgaben der Menschheit für die Neuschule kämpfen werden, der er ein Hoch bringe, da durchbrauste ein solcher Beifallssturm den Saal, daß der Tusch des Orchesters übertönt wurde. —. Den antisemitischen Studenten gegenüber hat sich j ein „Liberaler Wiener Studenten-Verein" gebildet. Derselbe,; der von Fischhof und Walterskirchen bereits anerkennende 21*