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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-23 · Heft 21 (23.5.1889) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 21 (23.5.1889)
Date
1889-05-23
Page
Seite 326 (sequence 10)
Language
German
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326 Garnison sei ausgerückt, um ein weiteres Umsichgreifen dieser beklagenswerthen Excesse unmöglich zu machen. Die von der Deputation überreichte Eingabe hat den nachstehenden Wortlaut: „Hochgeborener Graf! In unserem Streben, den Zufluß der Fremden nach Wien zu fördern, und überhaupt für eine fortschreitende Entwickelung des Verkehrs und Geschäftslebens der Stadt einzutreten, sei es uns gestattet, die dermalen nm sich greifende antisemitische Bewegung in den Kreis unserer Erörterungen zu ziehen. Als im Laufe der letzten Jahre diese Agitation zu Tage trat, schien uns dieselbe blos eine oberflächliche, ephemere zu sein; wir hielten sie daher kaum für beachtenswerth. Heute hat sie jedoch Dimensionen angenommen, die im öffentlichen Interesse nach unserem Dafürhalten eine aufmerksame Beobachtung und ein entschiedenes Entgegentreten erheischen. Ganz abgesehen von jeder politischen Richtung, von jeder Bevorzugung oder Zurücksetzung irgend einer Nationalität, Race oder religiösen Confession, müssen wir vom Standpunkte unseres Vereins dieses Treiben aus dem Grunde perhorresciren, weil es den Interessen, die wir vertreten, nicht nur förderlich, sondern vielmehr sehr abträglich ist.! Wir halten an dem Standpunkte fest, daß zum Gedeihen einer Großstadt unbedingt ein entsprechender Fremdenverkehr sehr nothwendig ist, und glauben, daß Wien unter anderen Gründen auch aus diesem nicht im Wettstreite mit anderen Großstädten des Continents concurriren kann, weil unsere sonst so reizend schöne Stadt des entsprechenden Fremdenverkehrs entbehrt. Nun ist uns aber wiederholt berichtet worden, daß viele reiche Leute, welche alljährlich in der Wintersaison nach Wien zu kommen pflegten, es gerade im letzten Winter zu thun unterließen, weil sie, der mosaischen Religion angehörend, den Berichten aus Wien entnehmen zu müssen glaubten, die Juden seien in Wien nicht mehr dagegen gesichert, öffentlich verhöhnt und insultirt zu werden. Andere jüdische Familien kamen allerdings nach Wien, allein statt in gewohnter Weise mehrere Wochen hier zuzubringen, beeilten sie sich, jener Stadt sobald als möglich wieder den Rücken zu kehren, in welcher ihre Glaubensgenossen nicht nur in vielen Tagesblättern, sondern auch in öffentlichen politischen Versammlungen täglich nur mit Haß und Spott überschüttet werden. Wenn dies einerseits den Zufluß reicher Reisender hemmt, so übt der Antisemitismus auch in anderer, geschäftlicher Beziehung einen entschieden ungünstigen Einfluß auf Handel und Gewerbe aus. Von zahlreichen hervorragenden christlichen Firmen wurden wir darauf aufmerksam gemacht, daß die Gewerbe überhaupt, namentlich aber die Kunstgewerbe in Wien dermalen vollkommen darniederliegen, und als ein maß- > gebender Grund hievon wurde uns auch der Antisemitismus angegeben. Es läßt sich ja nicht leugnen, daß ein großer Procentsatz jener Leute, welche im Begriffe sind, ihr Vermögen zu vermehren und in Folge dessen sich Häuser bauen, Wohnungen einrichten u. s. w., Juden sind, und begreiflich ist es auch, daß diese Juden gerade bei der gehässigen Stimmung, welche vorwaltet, mit Ausgaben zurückhalten und speciell alle Luxusausgaben heute vermeiden. Werden sie denn nicht schon hierzu dadurch gedrängt, daß man ihre Geldausgaben nachrechnet und ihnen dieselben geradezu zum Vorwurfe macht? Und die Folge davon ist, daß die christlichen Gewerbe und die Kunst-Industrie ganz darniederliegen. So verwerflich es uns scheint, wenn — wie dies seinerzeit geschehen — einzelne jüdische Firmen durch unsolide Engros-Geschäfte die Wiener Handelswelt in Mißeredit gebracht haben, ebenso verwerflich ist es, wenn aus Gründen politischen oder socialen Hasses heutigen Tages die sogenannten „Bereinigten Christen" der Wiener Handelswelt einen noch viel empfindlicheren Schaden dadurch zufügen, daß sie derselben ihre Kunden entziehen und sie in Ausübung ihres Gewerbes beeinträchtigen. j Die Entwickelung, die Wohlfahrt, der Reichthum der Stadl kann durch den Antisemitismus nur Einbuße erleiden, wie auch nicht minder das Wohlergehen so vieler Bürgers¬ und Gewerbsleute. Als Vertreter des Vereins für Stadt-Jnteressen und Fremdenverkehr halten wir uns daher für verpflichtet, Euer Excellenz diese Erwägungen zu unterbreiten und daran die Bitte zu knüpfen, die hohe Regierung möge die Gelegenheit wahrnehmen, auch ihrerseits diesen, die Volkswirthschaft störenden Bestrebungen offen entgegenzutreten und nicht zu dulden, daß antisemitische Versammlungen — wie dies wiederholt vorgekommen — den Schein annehmen, als wären sie von der kaiserlichen Regierung unterstützt. Genehmigen Eure Excellenz den Ausdruck unserer ausgezeichnetsten Hochachtung. Wiener Verein für Stadt-Jnteressen und Fremdenverkehr. Der Präsident: Freiherr v. Pirquet, m. p. Der Schriftführer: Dr. Griez, m. p. Wien, 4. Mai 1889." Wien, 14. Mai. Zur Charakterisirung der Stimmung dient auch Folgendes: In der Vormittagssitzung des Abgeordnetenhauses wurde der Abg. Menger von dem Antisemiten Türk der bewußten Lüge bezichtigt, weil jener den Prinzen Alois Lichtenstein als eigentlichen Antisemitenchef bezeichnete. Türk wurde, weil er den Ausdruck wiederholte, zweimal zur Ordnung gerufen. Nach der Sitzung verlangten Plener

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