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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-23 · Heft 21 (23.5.1889) · p. Seite 325

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 21 (23.5.1889)
Date
1889-05-23
Page
Seite 325 (sequence 9)
Language
German
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325 ungarischen Firmen dem Wiener Saatenmarkte fernbleiben Der Saatenmarkt hatte seine internationale Bedeutung, denn hier wurden die ersten authentischen Berichte über den Ausfall der Ernte nach allen Weltgegenden gemeldet, was dem Wiener Platze immerhin Ansehen und Vortheil brachte. Diese Position ist schwer wieder zu gewinnen, sobald eine andere Stadt den Saatenmarkt an sich gerissen hat. Was nun die materielle Seite anlaugt, so war dieselbe für das niedergehende Wien nicht zu unterschätzen; 3—4000 Fremde der wohlhabenden Stände vereinigten sich, um Wien kennen zu lernen, sich hier zu Zerstreuen, einzukaufen. Diese große Einnahme, an welcher alle Geschäftsleute Antheil hatten, entfällt. Unter diesen Geschäftsleuten befinden sich aber gewiß — wie ja die Wahlergebnisse beweisen — auch viele Antisemiten. Nun, vielleicht wird der Entgang des Gewinnes aus dem Saatenmarkte Einige von ihnen ernüchtern; vielleicht wird in einigen wenigen Köpfen die Erkenntniß dämmern, daß die Führer des Antisemitismus denn doch kein rettendes wirthschaftliches Programm besitzen. Vorläufig erweitern die Antisemiten ihren Besitz, und die letzten Bezirksausschußwahlen haben ihnen die Hälfte der zehn Wiener Bezirke in die Hände gespielt. Aber auch noch von einer anderen Seite winkt der Stadt ein schwerer Nachtheil. Die ungarischen Viehhändler verlieren die Neigung, den Wiener Schlachtviehmarkt zu beschicken, und es macht sich neuerdings eine heftige Agitation bemerkbar zu Gunsten der Wiederrichtung des Viehmarktes in Preßburg. Die Aengstlichen behaupten sogar, daß diese Agitation alle Aussicht auf Erfolg habe. Es ist nicht zu leugnen, daß nicht nur die Juden, sondern auch die liberalen Christen von Ekel erfaßt werden, von einem Widerwillen, der sich zunächst dadurch äußert, daß man sich vom öffentlichen Leben, von Geschäften und von Vergnügungen zurückzieht. Am schwersten werden jetzt schon alle Gewerbe betroffen, die aus der Bauthätigkeit ihren Gewinn ziehen, denn das Kapital wird mißtrauisch. Der sichere Rentencoupon behält auch in der Ferne seinen Werth, während die Einnahmen aus Realitäten illusorisch werden, sobald die Wohnungen leer stehen oder zum Normalpreise keine Miether finden. — Daß die Fremden nicht Unrecht haben, sich von Wien fernzuhalten, zeigen viele unliebsame Vorgänge daselbst. Wir wollen nur einen anführen vom 7. d.: Es giebt hier noch einige katholische Geistliche, welche sich nicht dem klerikalen Heerbann anschließen. Zu denselben gehört P. Hersan, Rector des Piaristen-Collegiums und Pfarrer in der Josephstadt, welcher bei der liberalen Bürgerschaft so geachtet ist, daß er zum Bezirksvertreter gewählt wurde. Bald nachdem das Wahlresultat bekannt geworden war, zog eine Horde von Antisemiten in die Piaristengaffe. Dieselben machten vor dem Piaristengebäude Halt und stimmten ein ohrenzerreißendes Lärmen und Johlen an. Dann wurden die Rufe laut: „Nieder mit dem Judenpfaffen! Das ist eine Judenkirche!" Auch andere Rufe waren zu hören, die man schicklicherweise nicht wiedergeben kann. Eine Heit lang dauerte dieses Lärmen fort, bis die Polizei einschritt und die Ruhestörer auseinandertrieb. — Uebrigens sind auch andere Geschäftszweige in Wien in bedauerlicher Weise im Rückgang, und der Fremdenverkehr leidet ansehnlich, da es in der Stadt unbehaglich geworden. — Ein Beispiel seltener Frechheit hat der antisemitische Abg. Vergani geliefert. Er hat mit seinen Genossen folgenden Antrag im Abgeordnetenhause eingebracht: „Die Regierung wird aufgefordert, in kürzester Zeit, dem Wunsche der einheimischen Bevölkerung Rechnung tragend, eine wissenschaftliche Untersuchungs-Commission einzusetzen, welche die sogenannten national-religiösen Schriften der Juden zu übersetzen und darüber einen Bericht zu erstatten hat, welcher dem Hause vorzulegen ist." Präsident Smolka stellte, da dieser Antrag nicht die erforderliche Anzahl von Unterschriften besitzt, die Unterstützungsfrage. Der Antrag wurde jedoch nicht hinreichend unterstützt, da sich außer den Antisemiten nur noch einige Klerikale, daher nicht die erforderliche Anzahl von mindestens 20 Abgeordneten erhoben. Wien, 10. Mai. (Neuzeit.) Wie wir bereits berichteten, begaben sich am 4. d. M. die Herren Reichsrathsabgeordneter Freiherr v. Pirquet, Freiherr v. Cnobloch und kaiserlicher Rath Kramer, k. k. Hofkunstbändler, als Delegirte des „Wiener Vereins für Stadtintereffen und Fremdenverkehr" zu seiner Excellenz Herrn Grafen Taaffe, um demselben vom sachlichen Standpunkte des Vereins aus die Bedenken gegen die dermalige antisemitische Agitation vorzulegen. Der Herr Ministerpräsident beleuchtete in seiner Erwiderung auf das Eingehendste, wie schwer die diesfälligeu Ausschreitungen der Presse und der Vereine hiutauzuhalten seien. Diese Schwierigkeiten bewiesen augenscheinlich, wie weitgehend, wie liberal unsere Preß- und Vereinsgesetze seien. Ein eigentliches Einschreiten obliege ja den Staatsanwaltschaften, und wie verschiedenartig träten dieselben in dieser Frage auf! „Als ein Beweis, daß es sich die Regierung angelegen sein lasse, den Ausschreitungen dieser Agitation entgegenzutreten, könne die Haltung der Regierung anläßlich der Exceffe beim Tramway Kutscher-Strike betrachtet werden; sobald hier gegen Erwarten der Rahmen der Gesetzlichkeit überschritten, die öffentliche Ruhe und Ordnung in Frage gestellt und das Eigenthum der Staatsbürger, die Schauläden der nichtchristlichen Firmen bedroht worden seien, sei die Regierung mit der größten Energie aufgetreten, und ein Theil der Wiener 21

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