Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1889)
- Date
- 1889-05-23
- Page
- Seite 324 (sequence 8)
- Language
- German
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findet das natürlich. Die Fortsetzung wird nicht ausbleiben. Berlin, 14. Mai. Die Kaiserin August« hat, wie die „Nordd. Allg. Ztg." berichtet, vor der Abreise nach Baden- Baden den königlich preußischen Hofbanquier, herzoglich koburgschen Wirklichen Geheimen Rath'Baron Cohn in besonderer Audienz empfangen und demselben für seine langjährigen, mit seltener Treue dem verewigten Kaiser geleisteten Dienste nochmals ihren Dank ausgesprochen. Gleichzeitig hat die Kaiserin dem Baron Cohn ein von dem verstorbenen Hofmaler Bülow trefflich ausgeführtes Portrait des hochseligen Kaisers als Erinnerungszeichen geschenkt. (Wir theilen dies hier mit, weil nach dem Tode Kaiser Friedrichs der Herr von Cohn Gegenstand der Verhöhnung in den konservativen Blättern war. Redakt.) Stuttgart, 7. Mai. (Privatmitth.) Die Kammer der Abgeordneten genehmigte ohne Debatte den in dem Etat pro 1889/90 geforderten Beitrag für die israelitische Centralkirchenkasse von 27,500 M. AuS Württemberg, im Mai. (Privatmitth.) In einigen württembergifchen Blättern, z. B. dem Beobachter, hat ein an sich unbedeutender Vorgang viel Staub aufgewirbelt. In Oehringen wurde eine Synagoge eingeweiht. Gelegentlich dieses Festes wurde ein bescheidenes Mahl gehalten, an welchem auch christliche Honoratioren Theil nahmen. Es wurde zuerst ein Toast auf den Landesherrn, den König von Württemberg ausgebracht. Da erhob sich ein sog. Professor und goß bitteren Tadel über die ganze Versammlung, weil sie nicht zuerst einen Toast auf den deutschen Kaiser ausgebracht. Dies brachte eine allgemeine Mißstimmung hervor, denn man war sich des harmlosen und unpolitischen Charakters des Festes zu wohl bewußt, um in dieser Unterlassung einen wirklichen Verstoß zu finden; man betrachtete es aber als eine Anmaßung eines Gastes, die Festversammlung in brüsker Weise deshalb zu haranguiren. Wenn in einem solchen Landstädtchen die Bewohner nur ihre nähere Beziehung zu ihrem Landesherrn empfinden, aus dessen Händen sie so oft Gnadenbezeugungen empfangen, so liegt darin gewiß keine Feindseligkeit gegen das große deutsche Reich. Dies wird auch von den meisten Blättern anerkannt und dem sg. Herrn Professor sind die Vorwürfe über sein unpassendes Benehmen nicht erspart geblieben. Der „Beobachter" schreibt-. „Da Deutschland jetzt seit 18 Jahren ein Kaiserthum ist, gegen das sich von keiner Seite weder bei seiner Gründung, noch seither ein Widerspruch erhoben hat, so ist in der That nicht abzusehen, weshalb diese Verfassungsbestimmung immer auf's Neue feierlich zu preisen sein soll, auch wo bei den betreffenden Festlichkeiten kein äußerer Anlaß zu irgend welchem Zweifel an ihrer Geltung gegeben wird. Von dem Professor in Oehringen war es jedenfalls eine Anmaßung, den bei der Einweihung ihrer Synagoge versammelten Juden und ihrem Redner eine Vorlesung zu halten und in Erinnerung zu bringen, daß sie nicht mehr in Palästina, sondern in Deutschland wohnen und dem Kaiser ihre Huldigung nicht versagen dürfen. Sie sind gerade so gut deutsche Vollbürger als dieser Herr, der sich ihnen als Sittenrichter aufdrängte und ihnen aus der Unterlassung eines Actes, der ihnen weder durch die allgemeine Schicklichkeit, noch durch eine besondere Verpflichtung des Tages auferlegt war, einen verletzenden Vorwurf machte. Sie an dem Tag, da sie sich in festlichem Verein mit ihren christlichen Mitbürgern des vollendeten Werkes ihrer Synagoge freuten, an ihre hebräische Abstammung zu erinnern, war weit taktloser, als daß sie mit ihrem Lebehoch und Dank bei ihrem Landesvater innegehalten und sich nicht über die Grenzen und Formen ihrer württembergifchen Verfassung hinaus verstiegen hatten. Mühlhausen (Elsaß), im Mai. Die hiesige israelitische Handwerkerschule verdient ein allgemeines Interesse. Zhr Zweck ist, arme Kinder besonders Waisen in Unterricht und Erziehung zu nehmen und zu Künstlern und Handwerkern heranzubilden. Sie hat bereits mehrere hundert Zöglinge ausgestellt, welche jetzt theils selbstständig etablirt, theils als Werkführer und tüchtige Arbeiter i» großen Etablissements angestellt sind. Im verflossenen Jahre hatte die Anstalt 35 Zöglinge. Ihre Einnahmen betrugen über 20,000 Francs, ihre Ausgaben 17,000 Frcs. Außerdem hatte die Anstalt an Spenden für den Fond 5500 Frcs. zu verzeichnen. So kann man gewiß sein, daß diese segensreich wirkende Schule einer langen Zukunft entgegengeht. Oesterreich-Ungarn. Wien, 9. Mai. Die Dinge nehmen hier eine immer schärfere, eine ganz materielle Gestalt an. Man berichtet von hier: Im grellen Widerspruche zu den goldenen Bergen, welche die Führer der „Bereinigten Christen" der urtheilslosen Menge in nahe Aussicht stellen, steht es, daß die ersten Erfolge des Antisemitismus sich durch eine empfindliche materielle und moralische Schädigung Wiens kennzeichnen. Der Saatenmarkt kommt in diesem Jahre nicht zu Stande und wird entweder in Pest, Preßburg oder Prag abgehalten werden. Auf Andrängen des Ministerpräsidenten hat Bürgermeister Uhl sich mit der Direktion der Frucht- und Mehlbörse ins Einvernehmen gesetzt und deren Präsidenten Naschauer veranlaßt, alle Schritte zu thun, um die unlustig gewordenen Beschicker des Wiener Saatenmarktes zur Theilnahme einzuladen. Die Anfragen Naschauer's wurden sehr kühl ausgenommen. Während aus Böhmen Hunderte von Absagen kamen, hat die Pester Getreidebörse geantwortet: „In Folge der antisemitischen Bewegung in Wien werden die