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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-23 · Heft 21 (23.5.1889) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 21 (23.5.1889)
Date
1889-05-23
Page
Seite 322 (sequence 6)
Language
German
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322 mit, ihre Fensterscheiben zu zerbrechen, damit, wie sie sagten, sie ihre Pflicht erfüllten. So sanft und so gelehrig ein Volk erscheint, so wissen diejenigen, die es entfesselt haben, niemals, wie weit seine Wuth gehen wird. Die Verwaltung, nach ihren ersten Gefälligkeiten, begann doch zu fürchten, daß der Aufstand gegen die Handel treibenden Juden sich auch auf andere Classen ausdehnen könne, auf den Adel, die Grundbesitzer, die Beamten. Der Antisemitismus drohte in eine socialistische Bewegung auszuarten. Die terroristische Partei versuchte bei Beginn der Unruhen, diese aus Gehorsam entspringenden Aufstände in einen revolutionären umzugestalten. Ich habe ein Circulär in kleinrussischer Sprache vor mir, in welchem man dem Volke sagt, daß der Jude nicht der einzige Ausbeuter sei, indem man seinen Zorn auf die Polizei und die Tschinowniks lenkt. Die von den Gesetzen verbotenen revolutionären Blätter, der Tchernyi Peredel u. A., veröffentlichten Proclamationen in demselben Sinne. Es war Zeit, daß Alles wieder in die Ordnung zurücktrat. Von den Patrioten, denen man am wenigsten Vorliebe für die Juden zutraute, wagten einige, so wie Katkof, für sie den Schutz des Gesetzes zu fordern. Der Herausgeber der Moskauer Zeitung fühlte, daß es nicht möglich sei, aus einem großen Reiche eine ganze Rasse und einen ganzen Cultus verbannen zu wollen. Die Centralverwaltung entschloß sich endlich, dazwischenzutreten. Die Urheber der Unruhen wurden festgenommen, viele freilich, um baldigst wieder frei gelassen zu werden. Man ließ die meisten der Anstifter entwischen. Die verhängten Strafen waren meist leichte, manchmal lächerlich, und dies in einem Lande, wo man für den geringsten ländlichen Aufstand die Bauern, trotz der officiellen Aufhebung der Todesstrafe, hängt. Die wahre Strafe erfloß aus den Unruhen selbst. Da die Juden ruinirt oder für den Augenblick verschwunden waren, fanden die Producte des Feldes keine Käufer, fielen zu ganz niedrigen Preisen herab, während alle Lebensmittel in den Städten theuer wurden, deren Läden demolirt und wo die Handeltreibenden geflohen waren. II. Die Juden Polens und Rußlands sind meistentheils sehr verschieden von den französischen Israeliten. Die Juden des Elsaß haben uns davon ein Beispiel geliefert. Nur eine kleine Anzahl jener hat sich die moderne Bildung angeeignet. Da die Juden in Weiß-Rußland, in Klein- und Neu-Rußland in compacten Massen leben, bilden sie ein Volk inmitten des Volkes. Sie stellen fast ebenso eineNationalität wie eineReligion dar. Sie unterscheiden sich von den Christen durch all' ihre Gewohnheiten. Sie haben ihr Nationalcostüm, den langen Neberrock, der auf allen Hauptmärkten Europas wohl bekannt ist. Sie haben ihre Sprache, die man Jargon nennt, eine Art deutsches Platt, das mit einigen hebräischen Wörtern gemischt ist. Sie haben ihre Literatur und ihre Zeitungen, in russischer, polnischer, deutscher und hebräischer Sprache; manchmal sogar ihre Theater und ihre Schauspieler. Abgesehen von einigen Auserlesenen, die äußerlich das Leben von Edelleuten führen, sind diese Millionen von Söhnen Abrahams strenge Beobachter des Gesetzes. Sie besitzen nicht weniger Religiosität oder wenigstens Anhänglichkeit an die rituellen Vorschriften wie die orthodoxen oder katholischen Bauern, in deren Mitte sie leben. Viele unter den ärmsten füllen ihre Mußestunden mit dem Studium der Thora und des Talmud aus. Außer der „Schule" oder Synagoge, welche sie eifrig besuchen, haben sie für das Gebet oder das Studium elende Betstuben, Minjanim oder Beth-Hamidrasch genannt. Anstatt Spiel- oder Musikgesellschaften gründen die kleinen Juden der Städte im Westen Gesellschaften zum gemeinschaftlichen Lesen und Erklären der hebräischen Bücher. Zu Wilna, das man in Litthauen mit dem Titel „Mutter in Israel" beehrt, zählte man mehr als zwanzig Chebra - Poalim, oder Vereine israelitischer Handwerker, die jeder seine ..Klausen" oder Kapellen hatte. Gewisse Gewerbsvereine, wie Metzger, Schneider, Schuster, besitzen mehrere solcher „Klausen". Die Metzger von Wilna unterhalten u. A. eine Jeschiba oder höhere talmudische Schule, die von hundert Bachurim oder Talmudstudirenden besucht wird. Ebenso ist es in Warschau, Minsk, in Berditchew, in allen Mittelpunkten des jüdischen Lebens. Diese frommen Vereine werden von dem Gedanken beseelt, der den Israeliten wie den Christen gemeinsam ist, daß das Gebet von Mehreren mehr Wirkung hat. Man betet gewöhnlich gruppenweise, in Minjans, welche aus wenigstens zehn männlichen Erwachsenen bestehen müssen, denn bei den Juden wie bei den Muselmännern scheint die Religion oder vielmehr die Andacht unter den Männern viel größer als unter den Frauen zu sein. Die Mitglieder jedes Minjan vereinigen sich mit den Requisiten des Gebetes: mit den Tephilin oder Talith drei Mal den Tag. Im Sommer kommen die eifrigsten schon mit der Morgenröthe, um 2 oder 3 Uhr Morgens für das erste Gebet, und die Juden, welche auf dem Lande sich verspäten, sprechen das letzte oft erst um Mitternacht. Jede Chebra oder Gesellschaft hat ihren Maggid, ihren Vorbeter, welchen sie auf ihre Kosten erhält. Es giebt eine große Anzahl dieser Gelehrten von verschiedenen Graden: Maggid, Rab, Talmid, von denen viele, wie manchmal die Rabbiner selbst, von ihrer Hände Arbeit leben. Die Rabbiner, die aus den Staatsschulen heroorgegangen sind, von der Regierung ernannt oder bestätigt, flößen oft wenig Vertrauen ein. Die fanatischesten Juden, die Kabbalisten oder Chassidim, haben unter Anderem ihre Zadiks, welche sie mit

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