Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1889)
- Date
- 1889-05-23
- Page
- Seite 321 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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321 semitische Zeitungen vor, deren Artikel sie wie Ukase vortrugen und dabei aufreizten, die Juden zu schlagen und zu plündern. Sie verfehlten nicht hinzuzufügen, daß wenn die llkase nicht veröffentlicht worden wären, der Fehler an den Behörden liege, die von Israel gekauft sind. Das ist eine Lockspeise, auf die das Volk fast immer anbeißt, besonders wenn es sich darum handelt, seine Begehrlichkeit oder seine Rachegelüste zu befriedigen. Und in der That, das Gerücht verbreitete sich überall, daß ein Befehl des Czaren drei Tage gewähre, um die Juden zu plündern. An manchen Orten waren die Sorglosigkeit der Polizei und die Gleichgiltigkeit der Verwaltung, manchmal sogar der Gleichmuth der Truppen. welche mit der Waffe im Arm die Plünderung des israelitischen Volkes mit ansahen, dazu angethan, um diese beschimpfende Legende bei einem Volke zu bestätigen, welches, nach der Bemerkung von G. Samarin, der Behörde nur Glauben schenkt, wenn diese Gewalt anwendet. Mehr als einmal wurden die Juden, welche versuchten sich zu verteidigen, arretirt und entwaffnet; diejenigen, welche es wagten, eine Wache an der Thüre ihres Hauses aufzustellen, den Revolver in der Hand, wurden verfolgt wegen verbotenen Tragens von Waffen. Im Gegensatz zu den Tschinowniks ehrten die meisten Mitglieder der Geistlichkeit, der orthodoxen wie der katholischen, Bischöfe wie Priester sich selbst, indem sie sich bemühten, die Aufrührer zurückzuhalten. Einige versuchten, die Plünderer festzuhalten, indem sie sich an ihre Spitze mit den Heiligenbildern begaben. Rabbiner oder Zadiks fanden Schutz unter dem Dache der Popen. Mehrere Priester sahen sich sogar mißhandelt, weil sie es gewagt, sich zu Vertheidigern der Juden zu machen. In vielen Städten oder Flecken konnte man unbestraft während mehrerer Tage die Juden verjagen. In Kiew wohnten Civil- und Militärbehörden der Verwüstung der jüdischen Häuser wie einem Schauspiele bei; die Soldaten schienen die Aufrührerbanden zu escortiren. Balta, eine Stadt von mehr als 20,000 Seelen, wo die Juden sich in großer Majorität befanden, wurde dreißig Stunden hinter einander der Plünderung überlassen, wie eine belagerte Stadt. Von mehr als tausend Häusern, die Israeliten gehörten, blieben keine vierzig unberührt. Hingegen da, wo die Verwaltung entschlossen auftral, rührte sich das Volk nicht. So in den Gouvernements des Nordwestens, selbst in denen, wo die Juden in der Ueberzahl sind und wo sie am meisten Unwillen hätten erregen müssen. Um jeden Hang zur Unordnung niederzuhalten, genügte eine Erklärung des Generalj gouverneurs Todleben, welche anzeigte, daß er keine Unruhe dulden würde. Man wußte, daß der Held von Sebastopol ein Mann ist, der Wort hält: der Antisemitismus war erdrückt. In den südwestlichen Provinzen, wo die Juden der Rache des Volkes ganz überlassen schienen, gab es trostlose Scenen. Die Häuser, welche nicht durch ein Kreuz bezeichnet waren, wurden von der Menge verwüstet. Sie erbrachen die Thüren, rissen die Schaufenster der Läden und die Fensterrahmen heraus; sie warfen die Meubles aus den Fenstern, zerbrachen das Geschirr, zerrissen die Wäsche mit einer Freude am Zerstören, die kindisch und wild zugleich war. Das Volk ergötzte sich daran, die Eiderdaunen und Federbetten auszuschlitzen; auf den Straßen bewegte sich eine weiße Federwolke. An mehreren Orten siegte bei der Menge die Lust am Zerstören über ihren Plünderungstrieb. Bauern, die mit Wagen aus ihren Dörfern ankamen, um darin ihren Antheil an der Beute fortzuführen, wurden von den Aufständischen aus den Häusern, die sie ausräumen wollten, zurückgedrängt. In manchen Flecken demolirte man die Häuser, nachdem man das Mobiliar zerbrochen hatte, indem man die Fußböden und Dächer aufriß und nur die steinernen Mauern stehen ließ. Die Volkswuth schonte weder die Synagogen noch die Friedhöfe; sie fand Gefallen daran, die Gräber zu profaniren und die Thorarollen zu besudeln. Die Volksmenge hatte sich zunächst natürlich auf die Wirthshäuser und Schenkhäuser gestürzt. Den Fässern wurde der Boden ausgestoßen, der Branntwein floß durch die Straßen, Männer lagen glatt auf dem Bauch, um aus diesem Bache zu trinken. In mehreren Städten gaben Frauen in ihrem Freudentaumel Kindern von zwei oder drei Jahren von dem Alkohol zu trinken, „damit sie sich an diese schönen Tage erinnerten." Andere Mütter führten ihre Kinder auf die Trümmer jüdischer Häuser und sagten zu ihnen dabei: „Erinnert euch, was hier den Juden geschehen ist." Die Volkswuth hielt sich mehr an die Besitzthümer wie an die Personen, als wenn es die Juden, indem es ihr Vermögen angriff, in dem träfe, was ihnen am empfindlichsten wäre. Viele wurden mißhandelt; mehrere blieben verstümmelt, andere starben daran; fast keiner wurde auf der Stelle getödtet, keiner massacrirt oder zerrissen. Was anderswo, bei sogenannten civilisirteren Völkern, unmöglich geschienen wäre: Blut floß nicht. Die Menge zeigte sich barbarisch, ohne sich thierisch zu zeigen. Es fand kein Blutbad statt, sei es die natürliche Sanftmuth dieses Volkes, die sich selbst in seinen Rachegelüsten zeigte, sei es die Furcht, den kaiserlichen Mas zu überschreiten, der die Juden zu plündern und zu schlagen, aber nicht zu tödten erlaubte. Selbst inmitten dieser Schreckensscenen haben Israeliten Züge angeborener Güte und zugleich der Gläubigkeit des Russen bemerken können. Im Dorfe Oriökhof waren Bauern bei einer armen jüdischen Wittwe ins Haus gedrungen, die ihnen ihr Elend darstellte und um Gnade bat. Die Mushiks wagten nicht, sie ungeschädigt zu lassen, aus Furcht, den Befehlen des Czaren ungehorsam zu sein, begnügten sich aber da-