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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-23 · Heft 21 (23.5.1889) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 21 (23.5.1889)
Date
1889-05-23
Page
Seite 320 (sequence 4)
Language
German
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320 westlichen Provinzen kommen 15, 20, manchmal 25 Procent Israeliten auf die Bevölkerung. Da sie mit Vorliebe in den Städten und größeren Flecken leben, so ist das Verhältniß der Juden zu den Nichtjuden noch beträchtlicher betreffs der städtischen Bevölkerung. In manchen Städten Polens, Lithauens, Klein-Rußlands sind die Juden in der Majorität; viele Flecken, sogar Städte von 20,000, 30,000, 50,000 Einwohnern, wie Berditchew und Balta, sind elende Zions, wo die Christen wie verloren sind inmitten der Söhne Jacobs, die von Neuem zu einer nationalen Körperschaft vereinigt sind. Da die Juden hier zahlreicher sind als irgendwo anders und da die Regierung den Plan befolgt, sie in einer einzigen Region zu cantoniren, mußte die unpassender Weise semitisch genannte Frage in Rußland mehr Bedeutung haben als in irgend einem anderen Lande. In Rußland, ganz so wie in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn, in Rumänien, selbst in Algier hat diese Frage verschiedene Seiten; man kann sie von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten, deren relative Wichtigkeit je nach den verschiedenen Gegenden wechselt. Sie ist zu gleicher Zeit eine religiöse, eine nationale, eine öconomische oder sociale Frage. In Rußland wie im übrigen Europa sind die religiösen Antipathien heute der geringste Factor des Antisemitismus. Die Bolkserregungen gegen die Israeliten mögen immerhin aus Gewohnheit beim Herannahen von Ostern ausbrechen —was das Volk in dem Juden haßt, ist weniger der Nichtchrist, als der Fremde und Ausbeuter. 1. Europa hat die Emeuten gegen die Juden nicht vergessen, welche mehrere Wochen hindurch die ersten Jahre der Regierung Alexanders III. entehrt haben. Diese wüsten Scenen waren nichts Neues. Man mußte jedoch weit in die Vergangenheit zurückgreisen, um etwas Aehnliches selbst in Rußland zu finden. Der Jude, seitdem er die Ufer des Dnicpr oder des Riemen bewohnt, übte dem Volke zu gehaßte Gewerbe aus, um nicht einen erblichen Haß gegen sich anzuhäufen. Unter der polnischen Herrschaft, wie unter der russischen, war der Jude das historische Instrument aller öffentlichen oder privaten Erpressungen gewesen. Er >var der Schleifstein, mit welchem der Adelige oder der Staat das Volk zerrieb. Noch heute ist in Klein-Rußland der Jude der indirecte Agent des Fiskus. Wenn in den Dörfern der Stanovoi das Vieh des säumigen Steuerzahlers verkaufen will, bringt er einen Juden mit. Zu diesem hundertjährigen Hasse gegen den Pächter der Rechte des Fiskus oder des Grundbesitzers gesellt sich der Unwille des zahlungsunfähigen Schuldners gegen seinen Gläubiger und die Eifersucht des Händlers auf einen geschickteren oder glücklicheren Concurrenten. Trotz dieser verschiedenen Ursachen zum Hasse scheint es doch nicht, daß die antisemitischen Ausbrüche bei Beginn der Regierung Alexander III. eine ganz spontane Explosion des Volkshasses gewesen sei. Die kaiserlichen Regierungsressorts sind nicht so schwach, daß solche Bewegungen ungestraft ausbrechen könnten, oder daß das Volk es wagen dürfte, sich seinen Zornausbrüchen zu überlassen, ohne dazu autorisirt zu sein oder sich dazu autorisirt zu wähnen. Ter Aufstand gegen die Juden war theilweise der Widerhall der antisemitischen Bewegung in Deutschland. Was in dem einen Lande sich auf Zeitungsartikel und Wahlreclamen beschränkte, brach in dem anderen in Gewaltthätigkeiten gegen das Besitzthum und die Person aus. Die russische Presse hatte ebenfalls einen Feldzug gegen die Juden eröffnet, „einen jener fremden Körper, welche die moskovitischen Patrioten nur mit Schmerz in das russische Fleisch eindringen sehen." Die Hauptstädte hatten begonnen, die Provinz war gefolgt. Das Factum war um so ernsthafter, als die Angriffe von Blättern ausgingen, welche unter der Abhängigkeit der Verwaltung standen und wenigstens in der Provinz der vorgängigen Censur unterworfen waren. Es war einige Monate nach dem tragischen Ende Alexanders II.; die Verwirrung war überall; Rußland, aufgeregt und erzürnt, suchte instinctiv einen Sündenbock, auf welchen es seine Sünden und seinen Zorn entladen konnte. Einige junge Israeliten beiderlei Geschlechts hatten an den Verschwörungen gegen den befreienden Czar Theil genommen. Die Presse bezeichnet die Juden dem Zorne des Volkes. Das Volk entlud auf sie seine patriotische Rache zugleich mit seinem Privatunwillen. Die entnervte Behörde, aufgeregt durch das Gespenst der Complots, ließ Alles geschehen und schloß die Augen und zeigte besonders am Anfang eine Schwäche, welche an die Mitschuld grenzte. Man hätte sagen mögen, daß die Männer der Macht in diesen Stunden der Angst glücklich waren, eine Ableitung von den politischen Unruhen und terroristischen Verschwörungen zu finden. War es Unentschlossenheit oder Berechnung, sie schienen sich Glück zu wünschen, daß die revolutionäre Bewegung so schnell durch eine halb nationale, halb religiöse Bewegung verdrängt wurde. In vielen Städten fanden die antisemitischen Emeuten an einem bestimmten Tage statt, fast überall in denselben Vorgängen, um nicht zu sagen nach demselben Programm. Man begann mit der Ankunft der Aufrührerbanden, die mit der Eisenbahn ankamen. Oft hatte man schon den Tag vorher Placate angeheftet, welche die Juden beschuldigten, die Urheber des Nihilismus und die Mörder des Kaisers Alexander II. zu sein. Um die Menge aufzustacheln, lasen die Anführer auf den Straßen oder in den Wirthshäusern anti-

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