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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-23 · Heft 21 (23.5.1889) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 21 (23.5.1889)
Date
1889-05-23
Page
Seite 319 (sequence 3)
Language
German
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319 bei der geringsten Ungewißheit wurden Kundige, schließlich der Rabbi befragt. Niemand dachte daran, nach der Bedeutung, den Gründen und Zwecken irgend einer Satzung zu fragen. War doch eine Frage oder eine Untersuchung nach den riiLv 'cyu (vergl. Sanh. 21, 2), d. h. nach den Gründen und Zwecken der Gesetze von den Rabbinen schon als eine Art Abfall angesehen und verpönt, und man hatte es dem Maimonides recht übel genommen, daß er im dritten Theile seines More auf derartige Fragen eingegangen war, Erklärungen gegeben, und wo er solche nicht fand, es eingestanden. Wie sehr hat sich dies geändert! Die moderne Cultur, der profane Unterricht und seine Methoden haben die Gedankenwelt auch innerhalb unserer Glaubensgenossen völlig verwandelt. Man will jetzt von Allem wissen, warum und wozu, und beurtheilt selbst das begründetste Herkommen nach diesem Maßstab. Man verlangt selbst von den Religionslehrern, daß sie bei dem Unterrichte in der Liturgie den Schülern die Bedeutung jedes Gesetzes, jeder religiösen Einrichtung lehren und klar machen. Es ist dies keine Willkür der Individuen, sondern ein unvermeidliches Ergebniß der Zeitbildung, die von der Wissenschaft beherrscht wird. Daß hiermit dem ceremoniellen Leben ein vielseitiger Abbruch geschieht und zu der mangelhaften Beobachtung desselben führt, ist einsichtlich, vielfach bedauernswerth, aber unabwendbar. *) *) An der cittrten Stelle heißt es: „weßhalb wurden die Gründe für die Gesetzlehre (in der Thorah) nicht mitgeteilt? Weil hinsichtlich zweier Verse, deren Grund mügetheilt worden, der große Salomo irregeleitet wurde" u. s. w. Es ist dies aber nicht zutreffend, denn in der Thorah wird gar nicht selten der Grund oder der Zweck des Gesetzes ausgesprochen. Wir wollen nur einige Beispiele hervorheben. Bei dem Sabbathgesetz wird als Grund die Schöpfung in 6 Tagen und die Ruhe Gottes am siebenten angegeben. Der Genuß von Blut wird verboten, weil im Blute die Seele, das Leben des Thieres enthalten sei. (und dieses thierische Leben durch den Genuß se>tel,s des Menschen, in dessen Natur übergehe.) Das Verbot der Bestechung wird 2. Mos. 23,8 motivirt: „Denn die Bestechung verblendet bte Scharfsichtigen und verdreht die Worte der Gerechten", so daß ein falsches Urtheil dadurch bewirkt wird. Die Bedrückung des Fremdlings wird strengstens untersagt, „denn Ihr kennt ja den .Gemüthsstand des Fremdlings, da Ihr Fremdlinge wäret im Lande Ägypten"; also um den Fremdling nicht zu verletzen, da er schon an sich nicht frei sich fühlt, soll jede Kränkung und Bedrückung desselben vermieden werden. In der Verordnung über Jom Kippur heißt es: „Kasteiet eure Seelen und verrichtet kein Werk, denn an diesem Tage wird der Ewige euch versöhnen, euch zu reinigen von all' euren Verschuldungen" u. s. w. (3. Mos. 16.29.) Hier wird also der Zweck des Festtages und der Vorschriften für denselben angegeben. Ein Gleiches findet bei den Schaufäden statt, wo (4. Mos. lb.39) gesagt wird, „daß Ihr sie anschaut und eingedenk seid aller Gebote des Ewigen" u. s. w., sie sind also ein symbolisches Erinnerungszeichen an die Beherrschung der Leidenschaften und die Ersüllung der göttlichen Gebote. Wenn eingeschärst wird, dem Leviten die Zehenten zu liefern und ihn an seinen Freudenmahlen Theil nehmen zu lassen, wird wiederholt als Grund angegeben, daß derselbe an dem Bodenbesitz im h. Lande keinen Theil habe. Wir begnügen uns mit diesen Beispielen, um zu erweisen, daß die Thorah allerdings die Gründe und Zwecke der Gesetze häufig genug angiebt. Paris, im Mai Die Jaden in Rußland. Bon Anatole Leroy-Beaulieu. Vorbemerkung der Redaction. Der in der Überschrift genannte Verfasser veröffentlicht in der Revue des deux Mondes eine Reihe von Artikeln über „die Religionsfreiheit in Rußland." Der zweite dieser Artikel in der Lieferung der Revue zum 1. Mai bespricht die Juden und die Muselmänner. Wir besitzen noch kein ausführliches und sachgemäßes Bild von den gegenwärtigen Verhältnissen und der Lage unserer Glaubensgenossen im russischen Reiche. Was darüber publicirt worden, bietet nur einzelne Züge, und diese konnten deshalb nur eine verworrene Vorstellung des viel verwickelten Gegenstandes abgeben. Diese Lücke scheint uns Herr Beaulieu auszufüllen, der in jeder Zeile eine sorgfältig erworbene Sachkennttnß verräth. Er ist weder gegen noch für die Juden eingenommen, sondern strebt nach unparteiischer Würdigung der Vorgänge und der Wirklichkeit. Gerade deshalb konnte es nicht fehlen, daß er im Laufe seiner Darstellung auf die Seite der schwer bedrückten, stets unter dem Damoklesschwert einer noch strengeren Behandlung athmenden Juden trat, da sich deren Sache durch sich selbst vertheidigt. Die große Verbreitung und Schätzung der Revue des deux Mondes in Rußland flößt uns die Hoffnung ein, daß diese Arbeit des sehr geachteten Verfassers in den maßgebenden Kreisen und der höheren Gesellschaft Rußlands eine günstige Wirkung Hervorrufen werde. Bei allem nationalen Fanatismus ist man dort für die Meinung des westlichen Europas, namentlich Frankreichs, empfindlich. Alles dies und noch mehrere andere Gründe veranlassen uns, die Darstellung des Herrn Beaulieu in ihrem ganzen Umfange hier wiederzugeben, um sie so innerhalb unseres Kreises und für unsere Geschichtsforschung zu fixireu. In getreuer Uebersetzung folge sie hier. Das russische Gebiet war unter den ersten Nachfolgern Peter des Großen den Juden noch untersagt: heute enthält Rußland mehr Juden als irgend ein anderer Staat. Dieses israelitische Centrum ist eine Erbschaft Polens seit Ende des Mittelalters. Ungefähr die Hälfte der Juden der Erdkugel sind Unterthanen des Czaren. Sie betragen 3 oder 4 Millionen im Reiche, einige sagen sogar 5 Millionen. Ihre wirkliche Anzahl ist unbekannt; die statistischen Angaben sind nicht zuverlässig. Es giebt ohne Zweifel mehr Israeliten in Rußland als Schweizer in der Schweiz oder Holländer in den Niederlanden. Diese 4 Millionen Juden sind nicht auf der Oberfläche des Reiches zerstreut; das Verhältniß der Israeliten zu den Christen, in deren Mitte sie wohnen, ist um so stärker, als die Söhne Abrahams meistentheils in den ehemaligen polnischen Provinzen und in zwei oder drei benachbarten Gouvernements eingepfercht leben. In diesen 21*

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